Er wollte seine Meinung frei äußern und über das berichten, was in seinem Land geschah. Doch in Syrien, wo Menschen immer wieder von der Geheimpolizei gefoltert oder von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) getötet werden, wurde das für ihn irgendwann lebensgefährlich. Hier erzählt Bilal, 31, von seiner Flucht

Mein Name ist Bilal. Meinen Nachnamen verrate ich euch aber nicht. Auch ein Foto von mir dürft ihr nicht sehen. Das wäre einfach zu gefährlich. Meine Familie lebt noch immer in Syrien. Sie könnte in Schwierigkeiten geraten, wenn jemand diese Geschichte hier liest. Ich habe sie noch niemandem erzählt. Nicht einmal die Leute von der deutschen Botschaft wissen genau, was wirklich vor meiner Flucht geschehen ist.

Ein politischer Mensch war ich eigentlich schon immer. Aber erst nachdem ich mit der Schule fertig war, begann ich, mir so richtig Gedanken über unser Land zu machen. Jeder will doch ein freier Mensch sein, aber in Syrien waren wir wie eingesperrt. Ständig wurden wir kontrolliert und überwacht. Seit ich denken kann, herrschte die Baath-Partei der Assads. So etwas wie eine Opposition gab es nicht.

Im Jahr 2007 standen wieder Wahlen in Syrien an. Aber es waren keine demokratischen Wahlen, das Ergebnis stand schon vorher fest. Wir sollten unsere Stimme natürlich für Baschar al-Assad und die Baath-Partei abgeben, etwas anderes wurde nicht akzeptiert. Als die Leute von der Regierung kamen und uns zwingen wollten, in Busse zu steigen, die uns in die Wahllokale bringen sollten, beschloss ich, etwas zu unternehmen. Statt in den Bus zu steigen, lief ich einfach nach Hause. Meine Familie drehte durch, als sie erfuhr, dass ich nicht wählen war. Meine Eltern warnten mich: „Wenn du nicht wählst, bekommst du Probleme und darfst dein Studium womöglich nicht fertig machen. Du wirst keinen Job bekommen.“

Mein Vater wurde panisch. Er wollte mit meinem Ausweis ins Wahllokal gehen und noch schnell versuchen, dort meine Stimme abzugeben. Aber er fand den Ausweis nicht, denn ich hatte ihn versteckt. Natürlich hatte ich Angst vor den Konsequenzen. Aber ich war auch stolz auf diesen Akt des Ungehorsams. Das war der erste Tag, an dem ich mich frei vom Regime fühlte. Ich fürchtete, jemand würde mich zur Rede stellen. Aber es passierte erst mal nichts.

cms-image-000045856.jpg

„Das Volk will den Sturz des Regimes“. So stand es schon im Juli 2011 auf einer Wand in der syrischen Stadt Hama (Foto: Moises Saman, NYT)
„Das Volk will den Sturz des Regimes“. So stand es schon im Juli 2011 auf einer Wand in der syrischen Stadt Hama (Foto: Moises Saman, NYT)

In der Uni, wo ich Bauingenieurwesen studierte, hatte ich einige Freunde, die genauso dachten wie ich. Es tat mir gut zu wissen, dass ich nicht alleine war. Nach einer Weile kamen wir in Kontakt mit Syrern, die im Exil lebten und eine journalistische Webseite betrieben. Dafür begannen wir Beiträge zu verfassen. Natürlich nur unter Pseudonym, denn Pressefreiheit gab es bei uns nicht. Wir schrieben darüber, wie wir uns unser Land vorstellten. Dass wir uns zum Beispiel wünschten, eigene Parteien gründen zu dürfen und unsere Meinung frei zu äußern. Nach einer Weile schaffte es die Regierung, die Seite vom Netz zu nehmen. Meine Zeit als Journalist war damit erst mal vorbei.

Als die Ägypter und Tunesier im Arabischen Frühling auf die Straßen gingen und ihre Regierungen stürzten, verfolgten wir die Ereignisse wie gebannt in den Nachrichten. Anfang 2011 ging es dann endlich auch bei uns los. In Daraa schrieben Jugendliche regierungskritische Parolen auf Häuserwände. Als die Jugendlichen verhaftet wurden, protestierten die Leute. Die Polizei schlug die Demonstrationen mit Waffengewalt nieder. Das waren die Methoden des Regimes. Sie bekämpften jeden, der ihnen gefährlich werden konnte. An die erste Demonstration, an der ich in meinem Leben teilnahm, erinnere ich mich noch genau. Es war am 15. März 2011 in Damaskus. Etwa 100 Leute waren gekommen. Ich hatte total Angst und blieb deswegen auch nicht so lange.

Ein paar Monate später zog ich nach Aleppo, in den Norden unseres Landes, weil ich auf der Suche nach Arbeit war. Dort traf ich Freunde und Bekannte, und mir wurde klar, dass es auch hier eine Art Bewegung gegen das Regime gab. Ich wollte dieser Bewegung helfen. Im Internet und in privaten Diskussionen warb ich für die Revolution. Ich sprach natürlich nur mit Leuten, die ich für vertrauenswürdig hielt. Doch es zeigte sich, dass ich den falschen Menschen vertraut hatte. Mein Mitbewohner verriet mich an den Geheimdienst. Als ich das später herausfand, war es ein großer Schock für mich. Wir waren Freunde gewesen und hatten alles geteilt. Die Wohnung, Essen, hin und wieder hatte ich ihm sogar Geld gegeben.

cms-image-000045855.jpg

Ein Gefängniswärter im Untergeschoss des Gerichtsgebäudes von Aleppo (Foto: Redux/laif)
Ein Gefängniswärter im Untergeschoss des Gerichtsgebäudes von Aleppo (Foto: Redux/laif)

Es passierte Ende 2011. Zwei Männer kamen und verhafteten mich. Sie brachten mich ins Gefängnis und sperrten mich in einen kleinen Raum, in dem ich ganz allein war. In der Zellentür gab es eine Klappe, durch sie mir Essen und Trinken reichten. Dreimal am Tag öffneten sie die Tür und führten mich zu einer Toilette. Ich hatte nur eine Minute Zeit, um mein Geschäft zu verrichten. Wenn ich zu anderen Zeiten aufs Klo musste, ließ man mich nicht. Das war beschämend. Es waren schreckliche Tage in dieser Zelle. Das Schlimmste war aber, dass mir niemand sagte, was man mir eigentlich vorwarf. Keiner redete mit mir.

Nach 45 Tagen legten sie mich in Handschellen und brachten mich nach draußen. Sie steckten mich in eine Gemeinschaftszelle. Die war vielleicht 20 Quadratmeter groß. Darin gab es außer mir noch etwa 60 andere Gefangene. Als ich die Zelle betrat, war sie so voll, dass ich auf jemanden trat, der auf dem Boden lag. Die erste Nacht schlief ich im Stehen. Am nächsten Tag brachten sie einen der Gefangenen weg, und ich schnappte mir seinen Platz, damit ich sitzen konnte. Noch immer hatte mir niemand gesagt, was man mir vorwarf. Ich sprach mit den anderen. Das waren die unterschiedlichsten Leute. Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer, Jugendliche. Auch Kriminelle waren darunter. Aber die Mehrheit waren politische Häftlinge wie ich.

Nach 17 Tagen in dieser Zelle rief man mich an die Tür und verband mir die Augen. Sie brachten mich an einen anderen Ort. Ich spürte, dass da jemand neben mir war.

Plötzlich trafen mich Faustschläge. Ein anderer peitschte mich mit einem Gummischlauch.

Jemand sprach mit mir. Er fragte: „Bist du Bilal?“

Ich sagte: „Ja.“

„Warum glaubst du, dass du hier bist?“

„Ich weiß es nicht.“

„Ich sage es dir!“

Und dann las er mir einen Bericht vor, in dem alles stand. Sie hatten mich die ganze Zeit abgehört. Ich hätte schlecht über den Präsidenten geredet. Ich wollte die Regierung stürzen. Ich unterstützte Terroristen, die mit Gewalt gegen unser Land kämpften. So ging es immer weiter. Die Liste der Vorwürfe war unglaublich lang.

Ich versuchte zu argumentieren und sagte ihnen, warum ich gegen das Regime war. Ich sagte, dass wir Syrer das Recht hätten, unsere Regierung zu wählen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren. Irgendwann schleiften sie mich zu einem kleinen Tisch. Dort gaben sie mir einen Stift und befahlen mir, zu gestehen. Ich schrieb auf, was sie von mir hören wollten, und gestand. Ich war mir sicher, dass das mein Todesurteil war.

Immer wieder schlugen sie mich, aber sie töteten mich nicht. Stattdessen wurde ich immer wieder in neue Gefängnisse verlegt. Von anderen Häftlingen hatte ich gehört, dass es mittlerweile Krieg in Syrien gab. Bald konnten wir Gefechtslärm hören. In der Ferne gab es Detonationen. Die Einschläge und Schüsse kamen näher. Einen ganzen Monat lang wurde um das Gefängnis herum gekämpft. Eines Nachts brach ein Feuer aus. Kämpfer der Freien Syrischen Armee, einer Truppe der Opposition, stürmten herein, öffneten die Zellentüren und befreiten uns.

cms-image-000045854.jpg

Häftlinge, die im Keller des Gerichtsgebäudes festgehalten werden (Foto: Patrick Tombola/laif)
Häftlinge, die im Keller des Gerichtsgebäudes festgehalten werden (Foto: Patrick Tombola/laif)

Draußen wurde von allen Seiten geschossen. Die Regierung griff die Rebellen auch aus der Luft an. „Betet zu Gott, dass ihr das hier überlebt“, sagte der Anführer der Soldaten. Wir liefen über das Schlachtfeld, überquerten einen Friedhof und kamen irgendwann in Aleppo an. Vier meiner Mithäftlinge starben auf dem Weg, viele weitere wurden verletzt. Die Soldaten fragten uns, ob wir der Freien Syrischen Armee beitreten wollten, aber ich lehnte das ab. Ich möchte niemanden töten, egal aus welchen Gründen. Das entspricht mir einfach nicht. Stattdessen probierte ich, der Revolution auf meine Art zu helfen. Ich trat einer Art Pressestelle bei, die sich darum kümmerte, der Welt Informationen über das zu liefern, was bei uns geschah. Wir waren unabhängig, wir deckten Verbrechen und Fehlverhalten auf allen Seiten des Bürgerkriegs auf. Das führte dazu, dass ich zwischenzeitlich auch zweimal von oppositionellen Kämpfern festgenommen und gefoltert wurde.

Ich begann schließlich, auch für das Ausland zu arbeiten. Ich half Journalisten aus Deutschland und Frankreich, an Informationen zu kommen, und begleitete sie, wenn sie nach Syrien reisten, um von dort zu berichten. Für Ausländer war das enorm gefährlich. Sie wurden oft als Geiseln genommen. Ich holte sie an der türkischen Grenze ab und brachte sie auch dahin wieder zurück.

Die Lage in Aleppo wurde mit der Zeit immer schlimmer. Die islamistischen Milizen des IS rückten immer weiter vor. Sie griffen sowohl die Regierungstruppen als auch die Freie Syrische Armee an. Aus der Luft warfen die Flugzeuge des Regimes Brandbomben ab. Das Haus, in dem wir wohnten, wurde komplett zerstört. In den Gebieten, die der IS kontrollierte, errichteten die Kämpfer Checkpoints. Alle, die als Journalisten arbeiteten, wurden sofort verhaftet. Ein Freund, mit dem ich an einer Reportage für einen Fernsehsender arbeitete, wurde bei dem Versuch, die Stadt zu verlassen, von Islamisten ermordet.

Meine Kollegen aus dem Ausland hatten mich schon lange bedrängt, aus Syrien zu fliehen. Ich hoffte, dass die Situation wieder besser würde. Erst als es wirklich keine andere Möglichkeit mehr gab, beschloss ich, es zu tun. Wenn ich überleben wollte, musste ich raus.

In Gedanken bin ich noch immer ständig dort

Als die Kämpfe nur noch ein paar Kilometer von mir entfernt waren, schickte ich eine E-Mail mit der Bitte um Asyl an Reporter ohne Grenzen. Ein Freund aus Deutschland und die Zentrale in Paris baten mich, erst mal in die Türkei zu fliehen. Ich lief zu Fuß in Richtung Grenze. Es schneite und war sehr kalt. Das Einzige, was ich bei mir hatte, war meine Kamera. Beim ersten Mal schickten mich türkische Soldaten noch zurück, aber beim zweiten Versuch gelang es mir, die Grenze zu überqueren. In der Türkei verkaufte ich meine Kamera und fuhr mit dem Geld nach Istanbul. Dort kannte ich jemanden, der mich im Keller einer Schuhfabrik schlafen ließ. Es dauerte noch sechs Monate, bis ich schließlich eine E-Mail von der deutschen Botschaft bekam. Sie würden mir Asyl geben.

Ich konnte es kaum glauben: Auf einmal stand ich am Flughafen Istanbul, mit einem Ticket und deutschen Papieren in der Hand. Am 6. Juni 2013 landete ich in Berlin. Ich hätte nie gedacht, dass mich die Reise, die ich 2011 in Damaskus begonnen hatte, einmal hierherbringen würde. Ich bin dankbar. In Deutschland ist es okay, auch wenn mich manchmal die Bürokratie in den Wahnsinn treibt. Aber ich schätze, hier ist es wahrscheinlich immer noch besser als in anderen europäischen Ländern. Ich versuche, die Sprache zu lernen und einen Job zu finden, aber das ist sehr schwer. Eine Wohnung habe ich mit der Hilfe von Reporter ohne Grenzen zumindest gekriegt.

Ich spiele keine aktive Rolle mehr im Widerstand gegen das Regime, aber ich verfolge natürlich, was in Syrien passiert. Ob ich noch Hoffnungen für unser Land habe? Eher nicht. Die Milizen des IS kontrollieren große Gebiete. Die Revolution ist in den Köpfen sicher noch lebendig, aber es wird viele Jahre dauern, bis sie Wirklichkeit wird. Meine Verwandten erreiche ich wegen der vielen Stromausfälle nur sporadisch per Internet und Telefon. Nie weiß ich, ob alles bei ihnen in Ordnung ist oder ob wieder etwas Schreckliches geschehen ist. Zwei meiner Brüder sind bei Bombenangriffen ums Leben gekommen, und auch mein Vater ist mittlerweile tot. Immer wieder erreichen mich diese schlimmen Nachrichten aus der Ferne. Manchmal fühle ich mich innerlich richtig zerrissen. Ich lebe zwar jetzt hier im Exil, aber in Gedanken bin ich noch immer ständig dort.

Als Fabian Dietrich Bilal in dessen Berliner Wohnung besuchte, platzten auf einmal die Nachbarn herein und unterbrachen das Interview. Sie wollten dem Syrer neue Vorhänge bringen und ihm bei der Einrichtung helfen. Schön zu wissen, dass Bilal in seinem Haus so gut aufgenommen wird.