Vietnam brauchte kein Plastik, denn Vietnam hatte Bananenblätter. Vor 18 Jahren ging man durch eine staubige Gasse hinter dem Leninpark in Hanoi, vorbei an dem Platz, wo die Staatskarossen für die mittleren Funktionäre gewienert wurden, bog von der Straße in einen kleinen grauen Laden ein und entdeckte die Snacks des Landes. Sie waren alle eingewickelt in leuchtend grüne Blätter, und man konnte sie wegen dieser Einheitsverpackung leicht verwechseln: Wenn man sich gerade auf einen süßen Klebreiskuchen freute, konnte es passieren, dass man in eine mit scharfem Bohnenmus gefüllte Masse biss. Wenn man Bohnen wollte, biss man in Huhn. Den Vietnamesen passierte das allerdings nie. Sie wussten, dass jede Klebreisspeise mit einer eigenen Bananenblätterfaltung eingerollt wird. Der eine Snack ist viereckig, der nächste dreieckig spitz gerollt und so weiter. Man muss es sich nur merken.

cms-image-000043721.jpg

Nicht lang ist es her, da war Vietnam ein sehr ursprüngliches Land, in dem es nur wenig Kunststoff gab (Foto: Mario Weigt/ Anzenberger)
Nicht lang ist es her, da war Vietnam ein sehr ursprüngliches Land, in dem es nur wenig Kunststoff gab (Foto: Mario Weigt/ Anzenberger)

Aber ansonsten ist ein Bananenblatt so praktisch wie Plastik: Es hält dicht, ist leicht zu öffnen und dient während des Essens als Speiseunterlage. Eigentlich ist es sogar praktischer als Plastik: Wenn das Bananenblatt anfängt, trocken zu werden, weiß man, dass die darin verpackte Speise schon zu lange liegt.

Als ich Jahre später wieder nach Hanoi komme, gibt es den kleinen Laden mit den traditionellen Snacks immer noch. Aber ich bekomme meine Klebreiskuchen jetzt in Folie, die das Bananenblatt umschließt. Die zusätzliche Plastikhülle hat keinen praktischen Wert, außer dass zwischen Plastikhülle und Bananenblattverpackung nun ein kleines Etikett liegt, das den Inhalt bezeichnet. Wenn ich Vietnamesisch lesen könnte, würde ich die Kuchen nun nicht mehr verwechseln.

Noch einmal vier Jahre darauf bin ich wieder im Land. Dieses Mal muss ich etwas länger nach den Klebreiskuchen suchen. Den kleinen Laden hinter dem Leninpark finde ich nicht mehr. Schließlich gelingt es mir mit etwas Herumfragen, an anderer Stelle die Snacks doch noch ausfindig zu machen. Doch was ist aus ihnen geworden? Ich bekomme sie in einer Plastiktüte, darin die Folienverpackung mit dem Papieretikett, darin ein imitiertes Bananenblatt aus Kunststoff. Es ist grüner, glatter, glitschiger und lässt einen im Ungewissen, wie lange der Inhalt schon angeboten wird.

Natürlich gab es auch vor 18 Jahren in Hanoi schon hier und da Kunststoff. Bereits 1994 hatten die USA ihr knapp zwei Jahrzehnte bestehendes Wirtschaftsembargo gegen Vietnam aufgehoben, und zur Einstimmung auf die neue Zeit ließ der Getränkekonzern Coca-Cola gleich mal zwei riesige Brauseflaschen aus Kunststoff am Portal des von den Franzosen im Renaissancestil erbauten Opernhauses aufstellen. Plastik konnte einem durchaus auch andernorts begegnen. Wenn man in einen der Kunstgewerbeläden für Touristen ging oder sich ein paar Hemden bei Duc machen ließ, dem besten Schneider der Hauptstadt, dann bekam man seine Ware sogar schon in einer Plastiktüte, die aus ungewöhnlich starker, gefärbter Folie gefertigt war, auf der der Name des Geschäfts mit so dicker Farbe aufgedruckt war, dass man die Buchstaben mit dem Finger spüren konnte. Das wahre Kunststoffzeitalter aber begann mit den rosafarbenen, hauchdünnen Tüten, in die in Vietnam alles und jedes gesteckt wird.

Kunststoffeimer ersetzten handgeschmiedete Metallschalen

Auch war damals die Invasion der „Honda Dream“-Motorroller in Hanoi schon in vollem Gang, jenes rundum kunststoffbeplankten Zweirads, das das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel abzulösen begann und ästhetisch und technisch das Gegenmodell zu den bis dahin vereinzelt gebräuchlichen russischen Mopeds war, die fast komplett aus Metall bestanden und fast nur von Männern gefahren wurden. Die Honda Dream hingegen machte die Vietnamesinnen nach der Jahrtausendwende mobil und die mit Schweißen und Schrauben und Ausbeulen vertrauten Zweiradmechaniker der Metropole einigermaßen ratlos. Schließlich mussten sie plötzlich kaputte Kunststoffteile flicken: Sie erhitzten das Plastik und versuchten, es wieder zusammenzukleben.Und eine Ecke weiter saßen die Sattler und nähten aus Kunstleder neue Sitzbänke für die Gefährte zusammen.

Das Viertel, wo das geschah, ist die Altstadt von Hanoi, die vielleicht der Ort im Land ist, an dem der Einzug der Kunststoffkultur am meisten zu spüren ist. Seit Jahrhunderten gibt es hier für jedes Handwerk eine Straße, in Reiseführern ist von einem System der Gilden die Rede. Es ist ein riesiges Open-Air-Warenhaus für Handgemachtes. Hier gibt es die Straße der Tischler, wo sie damals die Holzschemel zusammenzimmerten, die wie Kinderstühle aussehen, aber in Wahrheit vollwertige Sitzgelegenheiten für Erwachsene in den Garküchen des Landes sind. Es gibt die Straße der Bürstenmacher. Die Straße der traditionellen Lackdosen. Die Straße der Grabbeigaben, die kunstvoll aus Papier gefertigt wurden und die Gegenstände repräsentieren, die der Verstorbene am meisten geliebt hat und im Jenseits am dringendsten braucht: ein prunkvolles Hemd. Ein Pferd. Eine Honda Dream. Es gibt die Korbflechterstraße, die Straße der Blechverarbeitung, die Straße der Bambusmöbel.

Hier zog das Plastik am schnellsten ein. Plastikbürsten aus China sind ebenso praktisch, kosten aber nur einen Bruchteil. Die Plastikschemel, die bald in den Garküchen standen, sind fast unzerstörbar, und man kann sie besser stapeln. Kunststoffeimer ersetzten handgeschmiedete Metallschalen, die Bambusflechter fühlten sich durch Fertigware aus Plastik bedroht, plötzlich gab es statt der papiernen Grabbeigaben industriell gefertigte Gegenstände.

cms-image-000043719.jpg

Die „Plastifizierung“ eines Landes ist auch eine Explosion der Farben (Foto: HAM/REUTERS/corbis )
Die „Plastifizierung“ eines Landes ist auch eine Explosion der Farben (Foto: HAM/REUTERS/corbis )

Über die Jahre haben sich auch die Farben der Altstadt geändert. Vietnamesen lieben ausdrucksstarke Töne, schon vor dem Kunststoffzeitalter gab es leuchtendes Rot und Gelb und Gold in der Stadt. Aber plötzlich sah es in der Straße für die Putz- und Haushaltsutensilien aus wie in einem Spielzeugladen, kunterbunt. Vietnam ist in Rekordzeit von einer fast plastikfreien Welt zu einem Plastikparadies geworden.

Dabei sind die Vietnamesen eine sehr traditionsverliebte Nation. Aber gleichzeitig war für viele Menschen die Überlegenheit eines Gegenstands aus Kunststoff gegenüber einem traditionellen Gegenstand unmittelbar zu spüren. Es ist ja nicht mit allem so praktisch wie mit den Bananenblättern. Oft nutzten sich die alten, handgemachten Gegenstände in der täglichen Benutzung schnell ab, sie waren zerbeult, geflickt, schmutzig, eben mangelhaft. Und da war es schon ganz schön, sich neue Sachen anzuschaffen, die lange halten und zudem noch viel weniger kosten.

Es ist aber auch heute noch nicht so, dass Plastik in ganz Vietnam so allgegenwärtig ist wie hierzulande. Wenn man von Hanoi aus gut 100 Kilometer hinaus aufs Land fährt, ist das Kunststoffzeitalter noch kaum in Sicht. Es gibt hier kein Telefon, kein fließend Wasser, der Dorfladen verkauft Schulhefte, Holzbürsten und einfaches Spielzeug (das ist schon aus Plastik). Man schöpft aus einem Ziehbrunnen, schlachtet eine Gans und holt Salat aus dem Garten. Wenn man durch das Dorf geht, zieht man eine Schlange lärmender Kinder auf rostigen Erwachsenenfahrrädern hinter sich her, schon Fünfjährige können die fahren.

Und dann stehen plötzlich auch in den besseren Garküchen und Restaurants der Hauptstadt wieder Holzschemel in den Gasträumen. Die Wirte dekorieren mit Bambus und ersetzen die Plastikschalen durch geflochtene Ware. Wer in Vietnam etwas auf sich hält, vertreibt auch daheim den Kunststoff aus den Wohnräumen. Die Plastikzeit und die Postplastikästhetik sind in Vietnam fast gleichzeitig angekommen.

Lutz Meier ist freier Wirtschaftsreporter in Berlin. Früher hat er bei der Financial Times Deutschland jahrelang die Medienberichterstattung verantwortet und die Zeitung als Korrespondent in Paris vertreten. Daneben fand er genug Zeit, um immer wieder nach Vietnam zu reisen.