Es ist ein spezieller Totenkult. Die Grabsteine zeigen die Verstorbenen in der Blüte ihres Lebens, mal am Schreibtisch, mal beim Essen und Trinken, mal im Sessel, mal beim Spaziergang. Schwer kitschig sind sie, diese letzten Ruhestätten. Eine Lebensbilanz in Stein, meist als fotorealistisches Bild, mal auch als Skulptur. Die Toten treten dem Friedhofsbesucher in Lederjacke oder Zweireiher entgegen, im Abendkleid oder im bauchfreien Jeans-Look.

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Manchmal treibt die russische Begräbnistradition echt Blüten (Eugenia Maximowa)
Manchmal treibt die russische Begräbnistradition echt Blüten (Eugenia Maximowa)

Aufgenommen hat diese Bilder die in Bulgarien geborene Fotografin und Journalistin Eugenia Maximowa auf Friedhöfen in den Staaten der früheren Sowjetunion. „Destination Eternity“, Reiseziel Ewigkeit, hat sie ihre Bilderserie genannt. Sie fotografierte auf Friedhöfen in der Ukraine und in Moldawien, fortsetzen wird sie das Projekt in Russland und Georgien.

Die Verstorbenen sind auf den Grabsteinen erkennbar zum Beispiel als Soldaten, Taxifahrer, Musiker oder Sportlerinnen. Mal wandeln sie durch einen Birkenhain, mal haben sie eine Kathedrale und ein dickes Auto an ihrer Seite. „Diese Gräber sind mehr als Orte der Trauer, hier wird das Leben der Verstorbenen gefeiert, ihr sozialer Status, ihre Finanzkraft“, sagt Maximowa. Sie ist fasziniert davon, dass auf diese Art die verschiedensten Leute geehrt werden: „Taxifahrer, KGB-Agenten, Olympiasieger, Manager oder Mafiosi.“

Woher der Trend zu dieser Art von Grabsteinen genau kommt, ist unbekannt. Er geht laut Maximowa vermutlich auf die Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990er-Jahren zurück. Die Kitschseligkeit aus Sowjetzeiten dürfte eine Rolle gespielt haben, meint sie. In einem Artikel über Maximowas Friedhofsprojekt wird auch auf Traditionen der russischen Mafia verwiesen.

Tatsächlich sind die Gräber von Gangstern, von früheren Mitgliedern der russischen Mafia, eine Besonderheit. So schreibt der Journalist Sergey Bardin in einem Text über russische Begräbnistraditionen, dass solche Gangster ein „prachtvolles Begräbnis und riesige Granitdenkmäler“ bekommen. „Oft werden sie auf diesen Denkmälern in Lebensgröße abgebildet wie ein Fotonegativ: weiß auf schwarz. Solche Gräber bilden in den Städten mit vielen Banditen ganze Alleen.“ In der russischen Stadt Jekaterinburg am Uralgebirge, wo sich in den 1990er-Jahren zwei Mafia-Clans bekämpften, werden dazu sogar spezielle Friedhofstouren angeboten.