Keine Frage, es läuft gut für Moderat. Ihr neues Albums „III“ kletterte in zehn Ländern ziemlich hoch in die Charts und ihre Konzerte vor bis zu 10.000 Fans sind weltweit häufig ausverkauft. Sebastian Szary, Gernot Bronsert und Sascha Ring sind eine der international erfolgreichsten Bands aus Deutschland.

Doch noch etwas anderes ist besonders an ihrem Projekt. Sie sind eine Band, die praktisch alles selber macht: Ihre Platte erscheint auf ihrem Label, sie verkaufen sie in ihrem Webshop und die dazugehörige Tour, die organisieren sie auch gleich noch mit. Lange Zeit spielten sie auf der Bühne sogar mit einer Software, die Sascha Ring selbst programmiert hatte. Die Wertschöpfungskette bleibt also im Wesentlichen bei den Musikern selbst. Und geht nicht an die Musikindustrie.

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Das Studio der Band Moderat in Berlin (Foto: getty images)
(Foto: getty images)

Vor sechs Jahren haben sich Sebastian Szary und Gernot Bronsert, die zusammen das Projekt Modeselektor betreiben, selbstständig gemacht. Zuvor handhabten sie die Dinge so wie die meisten Musiker: Sie waren bei einer Booking-Agentur, die sich um die Vermittlung ihrer Auftritte kümmert. Und ihre Platten veröffentlichten sie bei einem Label, bei BPitch Control aus Berlin, das DJ Ellen Allien betreibt und bei dem unter anderem Paul Kalkbrenner seine Karriere startete. Wie Kalkbrenner und Ellen Allien begannen Szary und Bronsert in den 90er-Jahren mit dem Musikmachen, als die Techno-Szene entstand, die von vielen Beteiligten als Demokratisierung der Musikproduktion verstanden wurde.

Im Grunde ging dieser Prozess Mitte der 1980er-Jahre los, als die sogenannten „bedroom producer“ aufkamen, Musiker, die in ihren Jugendzimmern allein an Computern, Synthesizern und Drummachines Stücke programmierten, statt in teure Profistudios zu gehen. Dies markierte den entscheidenden Punkt der elektronischen Musik als Do-it-yourself-Bewegung. Doch so selbstständig viele der House-Produzenten der ersten Generation ihre Tracks produzierten, so abhängig waren sie oft noch von Plattenfirmen. Von Chicago bis London wiederholten viele junge Musiker den gleichen Fehler wie Generationen vor ihnen und unterschrieben zweifelhafte Verträge, die sie zu teils schlechten Konditionen dauerhaft an eine Plattenfirma binden sollten.

Mach Dein Ding

Im Fall von Modeselektor half ihr Label BPitch Control, die Gruppe bekannt zu machen, doch mit den Erfahrungen, die sie über die Jahre sammelten, wuchs auch der Wunsch, selbst über die Arbeit zu bestimmen. 2009 versammelten Bronsert und Szary ein kleines Team um sich und gründeten zusammen mit Bronserts Schwager Raymond Merkel die eigene Firma Monkeytown. „Der wichtigste Grund dafür war, eine bessere Kontrolle über alle Elemente ihrer Arbeit zu haben“, so Merkel. „Sie wollten nach ihren eigenen Vorstellungen arbeiten können.“

Das Label BPitch zu verlassen – und nicht bei einem größeren Label zu unterschreiben – hat auch einen wirtschaftlichen Grund: Erfolgreiche Acts wie Modeselektor können zu besseren finanziellen Konditionen arbeiten, wenn sie die Dinge selbst in die Hand nehmen. Heute beschäftigen Bronsert und Szary zwei Geschäftsführer, zwei Auszubildende, zwei Festangestellte und eine Reihe freie Mitarbeiter, die sich zusammen um die eigene Plattenfirma, die Booking-Agentur, den Verlag und den Webshop kümmern, dazu besitzt Modeselektor auch ein Tonstudio, das gleich neben den Büroräumen in Berlin-Mitte liegt.

Dass das Modell funktioniert, liegt auch daran, dass Modeselektor und Moderat in den letzten Jahren stets erfolgreicher geworden sind. „Das Gute ist, dass es nie einen übertriebenen Hype gab, sondern ein gesundes Wachstum unserer Projekte“, so Raymond Merkel, der neben der Arbeit für Monkeytown unter anderem auch noch in seinem Beruf als Saxofonist tätig ist. „Das ermöglicht es uns, auch eine teure Produktion ohne fremdes Geld vorzufinanzieren.“ Die Inhaber zahlen sich von den Firmeneinnahmen ein monatliches Grundgehalt aus, mit dem Rest werden erst mal neue Ausgaben vorfinanziert.

Die Einnahmen durch Konzerte und DJ-Sets sind bei Moderat und Modeselektor zwar mehr als doppelt so hoch wie durch Plattenverkäufe. Doch trotz der anhaltenden Krise der Musikindustrie sehen auch die Labelgeschäfte bei Monkeytown gut aus. Beim neuen, dritten Moderat-Album stagnieren zwar die CD-Verkäufe im Vergleich zum Vorgänger, und die Downloads gehen zurück. Dafür steigen jedoch die Zahl der Vinylverkäufe und vor allem die Einnahmen von Streaming-Diensten wie zum Beispiel Spotify, die mittlerweile einen großen Teil des Umsatzes ausmachen.

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Die Band Moderat aus Berlin  (Foto: Samuel J Butt)
Basteln nicht nur klasse Beats, sondern auch gleich künstlerfreundliche Geschäftsbedingungen: Gernot Bronsert, Sebastian Szary und Sascha Ring (v.l.) (Foto: Samuel J Butt)

Spotify & Co. kann sich lohnen – wenn man die Rechte an den Stücken hat

Die weit verbreitete Kritik von vielen Musikern an Spotify & Co. kann Raymond Merkel nur bedingt teilen: „Für das Label dauert es viel länger, bis ein Album die gleichen Einnahmen durch Streaming wie durch Tonträger-Verkäufe oder Downloads erzielen kann. Aber für erfolgreiche Musiker, deren Musik stetig gehört wird, kann es auf lange Sicht auch attraktiver als der Verkauf eines Albums sein – für eine gekaufte CD oder Schallplatte bekommt man schließlich nur einmal Geld, für Streaming-Erlöse hingegen dauerhaft.“

Zum Vergleich: Damit ein Act wie Modeselektor auf ungefähr die gleichen Einnahmen wie bei einer CD oder einem Download kommt, muss das Album bei Spotify 1.000 Plays erreichen, bei zehn Stücken also jeder Track 100-mal abgespielt werden. Eine Million Spotify-Plays spielen etwa 7.000 Euro ein. Zurzeit erreichen Monkeytown bis zu zwei Millionen Plays im Monat – jedoch nicht nur für Moderat oder Modeselektor, sondern auch für die fast 100 Releases anderer Musiker, die auf Monkeytown veröffentlichen und sich mit dem Label den Profit zur Hälfte teilen. Das gilt in der Branche als künstlerfreundlicher Deal.

Fehlt eigentlich nur noch eins: ein eigener Streaming-Dienst.

Titelbild: Samuel J Butt