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GQOM Musiker Madanon (Foto: Chris Saunders)
Meister der langsamen Soundschleifen: der Gqom Musiker Madanon aus Durban (Foto: Chris Saunders)

Es ist subtropisch entspannt hier unten an der Uferpromenade von Durban. Aber von den Hügelchen rings um die südafrikanische Sonne- und Surfer-Stadt am Indischen Ozean rollt beständig Musik heran. Dort, auf den runden Minibergen, breiten sich die Townships aus, die armen Vororte: Wellblechhütten in allen Farben des Regenbogens, dazwischen gemauerte Sozialbau-Schachtelhäuschen. Aus diesen Häusern kommt die Musik. Dann also rauf da.

Hier in den Townships, wo das Gros der 3,4 Millionen Einwohner Durbans lebt, ist in den vergangenen drei, vier Jahren eine vollkommen neuartige Clubmusik entstanden. Sie nennt sich Gqom, ein lautmalerischer Ausdruck in der lokalen Sprache Zulu für das Geräusch, das entsteht, wenn ein schwerer Stein auf eine Fliese prallt: Bumm. Gqom besteht aus hohl klingenden Beats, die immer wieder zu verrutschen scheinen, über einem stehenden Streicherton. Dazu gesellen sich schichtweise metallische Samples, etwa Schreie, Schüsse, Hundebellen, sowie Reihen von auf- und absteigenden Trommelsounds. Das alles zusammen ergibt einen Klappertechno mit nicht enden wollendem Spannungsaufbau – und ohne Erlösung. 

Gqom ist ein apokalyptischer, grimmiger Sound von und für jene jungen (fast ausschließlich dunkelhäutigen) Südafrikaner, die auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Rassentrennungspolitik in ihrem Land nicht sonderlich von der Freiheit profitiert haben. Inoffiziell sind zurzeit 40 Prozent der Bevölkerung arbeitslos, der Frust wächst. In der düsteren Musik spiegelt sich auch die Dunkelheit wider, die sich nachts über die Townships legt, weil es hier oft nicht mal eine funktionierende Stromversorgung gibt. Dann sieht es hier, nicht weit vom glitzernden Stadtzentrum, aus wie auf dem platten Land: ziemlich finster.

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Kwazulu Natal (Foto: Chris Saunders)
Hier aus Kwazulu Natal kommen viele Produzenten der Gqom-Szene (Foto: Chris Saunders)

Neue Stücke im Stundentakt

In einem der Townships bei Durban wohnt beispielsweise der 20-jährige Massive Q, Kopf des Gqom-Produzententrios Rudeboyz (das so klingt). Er trifft sich regelmäßig mit seinen gleichaltrigen Bandkollegen Andile-T und Menchess, alle drei mit Laptop im Gepäck, um neue Musik zu produzieren. Wie die meisten Gqom-Produzenten bauen auch die Rudeboyz mit der einfachen Musiksoftware Fruity Loops quasi im Stundentakt neue Tracks zusammen. Manche ihrer Kollegen tun dies in Bandkellern, die meisten aber in ihren Schlafzimmern oder auf dem Sofa der Eltern, denn viele sind noch Schüler.

Wenn ein Track fertig ist, geht er erst mal an DJs zum Praxistest. Die Musik lebt vor allem in improvisierten Clubs, die in leergeräumten Sozialbauten in den Townships eingerichtet sind: Räume mit ein paar Plastikstühlen, Leuchtschlangen und einer billigen Musikanlage, wo Partygänger nächtelang einen wiegenden Gummiknietanz namens Bhenga tanzen. Ein Stück, das den Praxistest bestanden hat, stecken die Gqom-Produzenten dann auf USB-Sticks den Fahrern der örtlichen Minibusse zu: Kleinbus-Taxis, wie sie überall durch Afrika brettern, mit motzigen Slogans, Breitreifen, vor allem aber dicken Lautsprechern. Mit der Musik locken die Fahrer Kunden an – und werben dabei für die Produzenten. „Inzwischen spielen alle Fahrer Gqom-Beats, weil sie wissen, dass ihr Taxi dann in einer Minute voll ist“, sagt Massive Q. Nur ältere Mitreisende meckerten vielleicht mal, dass die Musik doch etwas laut sei.

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Ben 10 - Gqom Music Producer Crew (Foto: Chris Saunders)
Die Gqom-Crew Ben 10 (Foto: Chris Saunders)

Zum Abschluss wird das Stück dann als Kostenlos-Download auf diversen Webseiten veröffentlicht. Die Musikdateien sind dabei überwiegend auf niedriger Bitrate kodiert, was das Herunterladen erleichtern soll. Denn das Internet ist meist langsam in Durbans Townships, und das Gros der Fans hört die Stücke sowieso nur auf dem Smartphone. Stimmt dann die Nachfrage, gibt es für die Produzenten DJ-Bookings – und vielleicht mal einen Sponsorenvertrag von einem Mobilfunk-Anbieter oder einem Softdrink-Hersteller.

Immer weniger zeitgemäß

Lange Zeit galt der House-HipHop-Hybrid Kwaito, bei dem Rapper in lokalen Sprachen Reime über synkopierte Beats legen, als der wichtigste Clubsound Südafrikas. Kwaito lieferte den Soundtrack zum Zusammenbruch des rassistischen Apartheid-Regimes Mitte der 1990er-Jahre. Doch die gut gelaunte Musik mit ihren Träumen von sozialem Aufstieg, dicken Autos und Champagner wirkt im heutigen Südafrika mit seinen Dauerkrisen immer weniger zeitgemäß. Im Gegensatz zum wortreichen Kwaito ist Gqom – bis auf monoton hingegrunzte Wortfetzen oder vielleicht mal einen Zulu-Rap – überwiegend instrumental. „Fast keiner hat das Equipment, das nötig wäre, um Stimmen richtig aufzunehmen“, erklärt der Durbaner Julian Jude Smith, 19, der unter dem Namen Julz da Deejay Gqom veröffentlicht.

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Gqom Party (Foto: Chris Saunders)
Eine Party in einem Township außerhalb von Durban. Auf Gqom-Partys wird frenetisch getanzt, viele der Produzenten sind Tänzer. Neue Tanzstile waren eine Inspiration für den grimmigen Sound (Foto: Chris Saunders)

Nicht nur deshalb markiert die kühle, abstrakte Elektronikmusik einen Bruch mit den Musiktraditionen Südafrikas. Zwar gibt es, wenn man genau hinhört, einige Gemeinsamkeiten mit Zulu-Popmusikgenres wie Mbaqanga oder Kwela. Aber diesen alten Krams finden die Gqom-Produzenten eher langweilig, oder sie kennen ihn erst gar nicht. Im Gegenzug halten ihre Eltern Gqom für reinen Krach. Es ist „Musik für Zulus im Digitalzeitalter“, wie es der Gqom-Produzent DJ Lag mal genannt hat. Und die erfreut sich inzwischen nicht nur auch bei anderen der zahlreichen Volksgruppen des Landes wie jungen Xhosas oder weißen Südafrikanern steigender Beliebtheit. Sogar in Europa spielen schon die ersten DJs Gqom-Stücke. Alles zur größten Überraschung der Produzenten aus der Stadt am Indischen Ozean. 

„Dieser Sound“, sagt Andile-T von den Rudeboyz, „war nie dafür gedacht, Durban zu verlassen.“

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Madinon Live (Foto: Chris Saunders)
Madanon beim der Live-Performance (Foto: Chris Saunders)