Das EU-Türkei-Abkommen geht in die Umsetzung. Für einen großen Teil der Flüchtlinge, deren eigentliches Ziel die EU-Staaten waren, wird das Land erst einmal die Endstation ihrer Flucht bleiben. Stellt sich umso drängender die Frage, wie es den Flüchtlingen dort eigentlich ergeht, wie sie von der türkischen Bevölkerung behandelt werden, was ihre Lebensperspektiven sind. Hier einige Stimmen – aufgenommen auf den Straßen von Istanbul.  

Ogulcan beobachtet, dass die meisten Leute wegschauen, wenn sie bettelnde syrische Kinder sehen:

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cms-image-000048810.jpg (Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)
(Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)

„Wenn ich mit meinen Eltern in Izmir telefoniere, erzählen sie mir davon, wie die Flüchtlinge jede erdenkliche Arbeit annehmen, um Geld für Rettungswesten und die Überfahrt nach Griechenland zu bekommen. Auch hier sehe ich sie täglich in den Straßen, aber ich habe keinen Kontakt zu ihnen. Die meisten Leute versuchen einfach, sie zu ignorieren. Selbst in meinem Freundeskreis, wenn wir im Café sitzen und bettelnde syrische Kinder vorbeikommen, verstummen die Gespräche, alle schauen über sie hinweg, warten nur darauf, dass sie wiederweg gehen. Das ist unmenschlich und verletzend. Auch wenn die meisten mir nicht zustimmen werden, die Türkei ist ein Land des Nahen Ostens, der Krieg betrifft uns ganz direkt. Und wir werden jetzt für ein paar Jahre mit den Syrern zusammenleben, also sollten wir aufhören, sie zu ignorieren. Als Studenten könnten wir zum Beispiel einen Flüchtling bei uns aufnehmen, eine Verbindung zu jemandem schaffen, das wäre ein Anfang.“

Für Tülay spiegelt sich in Istanbul jetzt das ganze Elend der Welt:

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cms-image-000048811.jpg (Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)
(Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)

„Ich sehe die vielen Flüchtlinge hier, und das belastet mich. Wenn man ein Herz hat, dann kann man nicht einfach darüber hinwegschauen. Erst vor kurzem habe ich ein ganz junges Mädchen aus Syrien gesehen, das ihr Baby auf der Straße stillte. Das tut mir weh, und ich bin nicht die Einzige, die das so empfindet. Hier in Istanbul spiegelt sich das ganze Elend der Welt.

„Das tut mir weh und ich bin nicht die Einzige, die das so empfindet.“

Ich bin 51 und seit Jahren hier, ich habe das alles gesehen. In anderen Städten ist das nicht so, dort kann man ruhig zur Arbeit und wieder nach Hause gehen, ohne damit konfrontiert zu werden. Jetzt haben wir dieses Abkommen. So eine Unterschrift ist schnell gesetzt, aber dann fangen die Probleme an. Die Türkei bekommt die Armen und Ungebildeten aus der Dritten Welt ab, die Ärzte und Ingenieure ziehen weiter nach Europa. Unter den Flüchtlingen sind ja auch sehr viele Muslime. Aber was machen die muslimischen Länder? Warum nehmen die sie nicht auf?“

Usam stammt aus Damaskus und sagt: „Die Türken mögen uns nicht“:

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cms-image-000048812.jpg (Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)
(Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)

„Ich bezeichne mich nicht als Flüchtling. Das liegt nicht daran, dass ich nicht vor dem Krieg in Syrien geflohen bin – alle Syrer sind deswegen hier. Für Türken bezeichnet der Begriff Flüchtling aber diejenigen, die direkt hinter der Grenze lebten, herübergekommen sind und nicht einmal die Miete bezahlen können. Die auf der Straße betteln. Ich will vermeiden, so gesehen zu werden. Die Türken mögen uns nicht. Dabei sind wir Syrer gar nicht so verschieden von den Türken, unsere Lebenskonzepte, unsere Kultur, das Essen, alles ist ziemlich ähnlich. Besonders die Säkularen haben etwas gegen uns. Sie glauben, wir seien nur hier, weil die AKP uns eingeladen hat, und dass wir Erdoğan unterstützen. Einmal hat ein Mädchen in der Uni ein Gespräch mit mir angefangen, es lief gut, wir verstanden uns. Am Ende fragte sie dann, wo ich herkomme, und ich sagte es ihr. Sie wusste nicht, dass ich ein wenig Türkisch kann und sie verstand, als sie zu ihrer Freundin sagte: ’Schade, er ist Syrer, das war es dann.‘ Solche Situationen habe ich mehrmals erlebt.“
 

Die Soziologin Ulas Sunata stellt fest, dass das Elend der Flüchtlinge erst jetzt für die türkische Mittelschicht sichtbar wird:

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cms-image-000048813.jpg (Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)
(Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)

„Wer bei uns über Flüchtlinge spricht, meint damit Menschen, die vor dem Krieg in Syrien geflohen sind. Istanbul ist zwar ein Transitort für Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt, aber die Syrer verkörpern das Stereotyp des Flüchtlings. Wie sie angesehen werden, ist sehr unterschiedlich, je nach sozialem Status und politischer Zugehörigkeit. Viele glauben, Erdoğan habe die Syrer aus politischem Kalkül eingeladen, in die Türkei zu kommen. Und dann gibt es natürlich eine Konkurrenz um Arbeitsplätze und Sozialleistungen.

„Jetzt muss auch der Staat aufhören, sie nur als Gäste zu betrachten und endlich eine wirkliche Integrationspolitik entwickeln.“

Das Bild des kleinen Aylan Kurdi war auch in der Türkei ein Wendepunkt und hat viele wachgerüttelt: Vorher waren Flüchtlinge besonders für Menschen der Mittelklasse unsichtbar, weil sie in Abbruchhäusern leben und die meisten nachts als Müllsammler oder in ähnlich schlechten Jobs arbeiten. Nun werden sie ein bisschen mehr wahrgenommen, und Nachbarn haben angefangen, sie zu unterstützen. Jetzt muss auch der Staat aufhören, sie nur als Gäste zu betrachten, und endlich eine wirkliche Integrationspolitik entwickeln, denn die meisten wollen gar nicht nach Europa weiterreisen. Bildung und Sprachkenntnisse sind dafür entscheidend und dass die Flüchtlinge von ihren Rechten erfahren. Sie wissen meist gar nicht, dass sie ein Anrecht auf medizinische Versorgung haben und ihre Kinder zur Schule schicken dürfen.“

Gülcan (rechts) leitet eine Apotheke und trifft viele kranke Flüchtlinge, mit denen die Verständigung jedoch schwerfällt:

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cms-image-000048814.jpg (Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)
(Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)

„Gleich hier die Straße hinunter leben sehr viele Flüchtlinge in den Häusern, die bald abgerissen werden sollen. Sie kommen zu uns in die Apotheke, man kann ihnen ansehen, dass sie krank sind, dass es ihnen nicht gut geht. Aber wir können uns nicht verständigen. Selbst wenn sie jemanden zum Übersetzen mitbringen, können diese Leute nur bruchstückhaft Türkisch, und wir können nicht herausfinden, was ihnen fehlt. Ihre Situation ist einfach nur traurig, doch die meisten Türken kümmern sich nicht darum. Natürlich haben sie ihre eigenen Probleme. Auch ihnen geht es nicht gut, und sie haben sich daran gewöhnt, einfach ihr Leben weiterzuführen. Ein wenig Hilfe gibt es schon, die Flüchtlinge können Medikamente bekommen und ihre Kinder zur Schule schicken. Auch ich gebe den Kindern Stifte und Spielzeug. Aber schlussendlich erreicht man nicht alle. Es sind einfach zu viele, und es werden ja auch immer mehr, sie kriegen trotz ihrer Situation noch sehr viele Babys.“
 

Ekim Öztürk hat für das Französische Kulturinstitut eine Fotoausstellung über Flüchtlinge organisiert:

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cms-image-000048815.jpg (Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)
(Foto: Delizia Flaccavento, n-ost)

„Vor ungefähr drei Jahren bin ich eine Straße hier in Istanbul entlanggegangen und sah ein Auto mit syrischem Kennzeichen, das gerade eingeparkt wurde. Eine ganze Familie, acht oder neun Personen waren darin, sogar im Kofferraum – gerade aus Syrien angekommen. Das war meine erste Erfahrung mit Flüchtlingen. Ansonsten habe ich wenig Kontakt zu ihnen. Es gab Zeiten, in denen es viel mehr waren, in denen man sie deutlich im Straßenbild wahrnehmen konnte, doch jetzt wurden sie von der Polizei vertrieben. Die Türkei ist kein Einwanderungsland. Zwar sind schon immer Menschen hierher gekommen, aber noch nie in so hoher Zahl und meist aus den Balkanregionen. Die gehörten früher zum Osmanischen Reich, die Migranten galten als Türken. Und Türken mögen nun mal nur Türken. Europäer finden sie noch ganz in Ordnung, aber mit arabischen Menschen haben sie Probleme. Damit Flüchtlinge in die türkische Gesellschaft integriert werden können, müssen sie Jobs bekommen und die Sprache lernen können. Doch vor allem muss sich auch an der Mentalität der Türken etwas ändern: Zwei Millionen Flüchtlinge sind bereits hier. Dass ihre Kinder eines Tages in der Schule singen werden ’Ich bin stolz, Türke zu sein‘, das funktioniert einfach nicht.“