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Rollende Ersatzfamilie

Der Skater-Film „Mid90s“ von Jonah Hill ist eine trickreiche Studie über Jungs in der Pubertät und toxische Männlichkeit im Frühstadium

  • 3 Min.
Film "Mid90s" (Foto:  2018 Jayhawker Holdings)

Worum geht’s?

Stevie ist an der Schwelle zur Pubertät und wächst im Los Angeles der titelgebenden Neunziger auf. Er orientiert sich an seinem älteren Bruder Ian, doch der hält ihn auf Abstand, oft auch mit Schlägen. Die alleinerziehende Mutter der beiden ist überfordert – und überfordert ihrerseits die Söhne mit immer neuen Partnern, die grußlos das Haus verlassen. So wird eine Skater-Clique von älteren Jungs für Stevie zur Ersatzfamilie. Ray, Ruben, „Fuckshit“ und „Fourth Grade“ sind fortan seine role models: Skaten, Rumhängen, Pöbeln, Trinken und Rauchen, Stevie macht ihnen alles nach. Dass er auf dem Skateboard noch ein Anfänger ist, kompensiert er mit Mutproben. Das verschafft ihm Anerkennung in der Gruppe und frühreife Erfahrungen, bringt ihn manchmal aber auch ernsthaft in Gefahr.

Was zeigt uns das?

Schauspieler Jonah Hill hat mit seinem Debüt als Regisseur und Autor eine Hommage an die Skater-Kultur vorgelegt, in der er selbst sozialisiert wurde. Die Liebe zum Skaten und zum Hip-Hop wird zur rettenden Zuflucht vor dysfunktionalen Familien und verbindet Jugendliche unterschiedlicher Herkunft. Ray ist Afroamerikaner, „Fuckshit“ hat hispanische Eltern, bei Ruben und „Fourth Grade“ deutet der Film ein „White Trash“-Milieu an. Vorurteile darüber werden pubertär weggelacht, das N-Wort gehört zur normalen Ansprache. Mit dem Blick für solche Details erkundet „Mid90s“ aber auch, wie toxische Männlichkeit ganz wesentlich die Gruppendynamik unter heranwachsenden Jungen prägt: Cool zu sein heißt „not to give a fuck“, lernt Stevie schnell. Keinen Respekt vor anderen zu zeigen, die eigenen Gefühle zu verbergen und ständig Grenzen zu überschreiten.

Wie wird’s erzählt?

Auf körnigem 16-mm-Material und im 4:3-Format gedreht, knüpft „Mid90s“  an den rauen Look von Indie-Produktionen jener Zeit wie Larry Clarks „Kids“ (1995) an; dessen Autor Harmony Korine hat sogar einen Cameo-Auftritt im Film. Die Skate-Szenen der Clique, von Profi-Skatern gespielt, sind authentisch und nicht albern zusammenmontiert wie so oft in Sportfilmen. Von der Westcoast-Band The Pharcyde über A Tribe Called Quest und eher abseitige Gruppen wie die Gravediggaz läuft pausenlos 90er-Jahre-Rap auf dem Soundtrack. In den schwächeren Passagen wirkt der Film deshalb wie ein extralanges Musikvideo. In den stärkeren erzählt Hill konsequent aus Stevies Außenseiterperspektive, eine bewährte Strategie im Coming-of-Age-Genre. So wird dem Publikum die Clique gleich mit vorgestellt: Wie man den Nickname „Fuckshit“ bekommt? „Na ja, immer wenn er einen guten Trick macht, sagt er so: ‚Fuck! Shit! Das war krass!‘“

Good Job!

Die erste Hälfte des Films ist wirklich stark. Wie Stevie sich heimlich in das Zimmer seines Bruders schleicht und die Titel aus dessen CD-Regal abschreibt, wie er die Skater-Kids  beobachtet, ihre Attitüden nachahmt und viel zu unsicher nach Anschluss sucht; wie er nachts vor dem Haus stundenlang einen Ollie übt und nach dem ersten geglückten Sprung vor Freude völlig ausrastet. Das beschreibt in präzisen Bildern eine Lebensphase, in der die Sehnsucht nach dem Wissen und Können der anderen die Welt bedeutet. Dabei zeigt der Film aber auch, warum pubertierende Jungs bei ihrer Identitätsfindung einen Haufen Mist verinnerlichen: weil man für Selbstüberschätzung Respekt, für homophobe Sprüche Gelächter und fürs „Flachlegen“ High Fives bekommt.  

Stärkster Satz

„Du bist genau in diesem Alter, bevor Jungs zu Arschlöchern werden“, sagt ein deutlich älteres Mädchen mal zu Stevie auf einer Party. Da ist er noch ein freundlicher, aufmerksamer Junge. Als er ihr später im Film nochmals begegnet, registriert die Kamera ganz beiläufig, dass er zu cool geworden ist, um auch nur nett „Hallo“ zu sagen.

Schwierig

Jonah Hill hat einen Blick für Details und schreibt witzige Dialoge, aber im großen Ganzen verliert sein Film den Faden. Diverse Spannungsbögen reißt er halbgar an, ohne sie zu vertiefen: Konflikte zwischen Stevie und seiner Mutter, die Entfremdung unter den Freunden, Fragen zu Herkunft und Aufstiegschancen. Letztlich bleibt der Film auch männlichen Initiationsriten gegenüber unentschlossen: Warnt er einerseits fast sozialpädagogisch vor jugendlichem Drogenkonsum, zeigt er am Ende, wenn die Clique den verletzten Stevie im Krankenhaus besucht, dann doch wieder rührende Momente des male bonding. 

Ideal für …

… alle, die in den Neunzigern aufgewachsen sind, posermäßig auf einem Skateboard durch die Vorstadt gerollt sind oder zumindest mal „Tony Hawk’s“ auf der Playstation gezockt haben.

„Mid90s“ gibt es jetzt u.a. bei Amazon, iTunes, Maxdome und Google Play im Bezahlstream.

Titelbild: 2018 Jayhawker Holdings

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Gast
  ·  
04.03.2019-11:03

...ist meiner Meinung nach ein ziemlich irreführender Begriff. Das Verhalten, das damit einzig und allein Männern zugeschrieben wird, lässt sich doch zumeist darauf zurückführen, dass vor allem junge Menschen nach Anerkennung streben. Und das gilt unabhängig vom Geschlecht. Natürlich sind die Ziele je nach Gruppe unterschiedlich - heißt, jemand in einer solchen Gruppe, wie sie oben beschrieben wird, entwickelt eher ein solches Verhalten, wie es im Film dargestellt wird, als einer, der einen Bekanntenkreis mit anderer Einstellung hat. Natürlich begünstigt das stärkere Konkurrenzdenken von Männern, dass Anerkennung mit extremeren Mitteln gesucht wird. Doch ähnliches Verhalten habe ich schon oft genug bei Angehörigen des weiblichen Geschlechts beobachtet. Das Ganze als alleiniges Problem von Männern darzustellen, ist genau der falsche Weg, um solches Verhalten wirklich zu verhindern. Denn wenn man überall nur sieht, wie schlecht Männer sind und was der ständige Konkurrenzkampf mit der Welt anrichtet, dann entwickelt man schnell eine Wut auf diese Gesellschaft, die sich andauernd über einen beklagt. Und ist es dann verwunderlich, dass auch andere Grundgedanken dieser Gesellschaft, beispielsweise Toleranz gegenüber homosexuellen Menschen, nicht übernommen werden? Man begegnet in den Medien andauernd dem Bild der bösen Männer, bei denen es nur ganz wenige Ausnahmen gibt. Denn es werden immer wieder Menschen unter dem Vorwand, andere schützen zu wollen, diskriminiert - vorzüglich weiße, heterosexuelle Männer, denn diese werden ja nach öffentlicher Wahrnehmung als einzige nicht diskriminiert - und sind daher die Hauptverdächtigen, wenn es darum geht, einen intoleranten Menschen zu finden. Will man wirklich die Welt verbessern, sollte man auch aufhören, alte durch neue Stereotypen zu ersetzen.