Worum geht‘s?

Elena steht kurz vorm Abitur. Nur ein Wochenende bleibt ihr noch zur Vorbereitung der Philosophie-Prüfung. Ihr Bruder Robert, Typ melancholisch-philosophischer Teenager, soll ihr beim Lernen helfen. Dafür ziehen sich die beiden auf eine Sommerwiese zurück, irgendwo in der bayerischen Provinz, im Hintergrund schimmern die Alpen. Praktisch, dass eine Tanke in Sichtweite ist, so reißt die Bierversorgung nicht ab. Während seiner Monologe über Heidegger betrinkt sich Robert, die Schwester zahlt schließlich. Sie ist es meist, die immer wieder Rituale und Wetten initiiert: „Vor dem Abitur vögele ich mit einem. Irgendeinem.“ Wenn nicht, soll Robert ihren Golf bekommen. Doch es mehrt sich der Eindruck, dass die Geschwister sich eigentlich gegenseitig begehren, so körperlich – teils grob, teils zärtlich – ist ihre Beziehung zueinander.

Was zeigt uns das?

„Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ ist anfangs noch eine recht verquaste Coming-of-Age-Story. Trotz aller Eigenheiten geht es auch hier um die erste Liebe und das verunsicherte Begehren spätpubertärer Körper. Roberts von Akne übersäter Rücken illustriert Letzteres anschaulich. Mit dem Fokus auf dem innigen Verhältnis der Zwillinge, die sich zu zweit eine eigene Welt erschaffen haben, entwickelt sich der Film jedoch immer mehr zur Groteske. Die Rollenspiele werden abgründiger, auch zunehmend gewalttätig, wenn die Geschwister auf der Tankstelle Mitarbeiter und Passanten belästigen. All das stellt der Film in einen Sinnzusammenhang mit dem philosophischen Konzept der Zeit, das die beiden diskutieren. „Der Sinn des Seins ist die Zeit“, sagt Robert nach Heidegger-Lektüre.

Wie wird’s erzählt?

Über die volle Länge von drei Stunden wechselt der Film kaum die Schauplätze: Sommerwiese, Tankstelle, Badesee. An diesen drei Orten verbringen Robert und Elena das ganze Wochenende. Das reduzierte Setting erfasst Philip Gröning (Regisseur, Kameramann, Co-Autor und Co-Editor) mit einer gleichzeitig dialoglastigen und bildgewaltigen Inszenierung.

Good Job!

Die Kameraarbeit ist, für sich genommen, durchaus eindrucksvoll. Grasgewusel, satte Sommerfarben, verschlungene Körper und Stillleben auf der Picknickdecke: Die Bildmotive und der Kino-Look des Films, das Spiel mit Schärfe und extremen Einstellungsgrößen, erinnern zuweilen an impressionistische Gemälde.

Geht gar nicht

Allein, es ist zuviel des Guten, von allem und von Anfang an. Das fängt bei der Bildgestaltung an, die von der Leinwand zu schreien scheint: „Na los, finde mich ästhetisch!“ Das geht weiter bei den zähen Philosophie-Monologen, die sich Robert und Elena aus Schulbüchern und Reclamheften vorlesen, etwa: „Die Wahrheit der Philosophie hat als Ziel das Glück“, oder: „Bevor wir darüber nachdenken, wie wir richtig handeln, müssen wir lernen, richtig zu denken.“ Und es endet schließlich in der willkürlich wirkenden Radikalisierung des Plots, die für sich freilich immer noch ein metaphysisches Gedankengebäude beansprucht.

Ideal für...

Heidegger-Versteher, die zugleich radikales Autorenkino schätzen, das sich auf den ästhetisierten Tabubruch spezialisiert hat.