In Russland werden Homosexuelle staatlicherseits diskriminiert, gewalttätige Übergriffe von Rechtsradikalen kommen häufig vor. Über die Lage von Schwulen und Lesben in Russland haben wir mit dem Aktivisten Wanja Kilber von der deutsch-russischen Organisation Quarteera gesprochen. Der Verein setzt sich gegen die Diskriminierung und Verfolgung russischsprachiger Homosexueller ein. Weltweit kritisiert wird Russland für das 2013 beschlossene Gesetz gegen sogenannte „Homo-Propaganda“. Es dient laut dem russischen Gesetzgeber dem „Kinderschutz“, kriminalisiert de facto aber Lesben und Schwule. Das Gesetz verbietet positive Äußerungen über Homosexualität („nicht traditionelle sexuelle Beziehungen“) gegenüber Jugendlichen und in den Medien. Damit wird auch Aufklärung und Beratung praktisch verhindert. Der russische Staat erkennt zudem gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht an.

fluter.de: Lassen Sie uns über Nachrichten aus Russland aus der jüngsten Zeit sprechen. In Moskau wurde am Weltfrauentag eine Frau vorübergehend festgenommen, weil sie mit der Regenbogenflagge der Lesben und Schwulen demonstrieren wollte. Ebenfalls im März versuchte Moskau bei den Vereinten Nationen in New York zu erreichen, dass die Ehen von homosexuellen UN-Mitarbeitern künftig nicht mehr anerkannt werden, wenn sie im Heimatland nicht gleichgestellt sind. Der Versuch, Homo-Feindlichkeit zu exportieren, scheiterte jedoch. Sind das typische Nachrichten?

Wanja Kilber: Ja, das ist leider so. Im heutigen Russland wird das Engagement von Bürgerrechtlern unterdrückt. Doch schwule und lesbische Aktivistinnen und Aktivisten gehen trotzdem auf die Straße, auch wenn sie wissen, dass ihnen etwas passieren kann, dass sie höchstwahrscheinlich festgenommen werden. Ihr Mut ist zu bewundern.

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Blutiger Überfall: In St. Petersburg wird im Sommer 2013 eine Gay-Pride-Demonstration von Homo-Gegnern attackiert (Foto: Mads Nissen/laif)
Blutiger Überfall: In St. Petersburg wird im Sommer 2013 eine Gay-Pride-Demonstration von Homo-Gegnern attackiert (Foto: Mads Nissen/laif)

Präsident Wladimir Putin inszeniert sich als Hüter von Moral und Sittlichkeit. Rechtspopulisten und religiöse Fundamentalisten in Europa und den USA begrüßen das. Wie setzt sich Russland international für die sogenannten Familienwerte ein?

Wir beobachten mit Sorge, dass aus Russland neokonservative Strömungen im Ausland unterstützt werden, in Frankreich, aber auch in Deutschland. Man spielt nicht nur im eigenen Land mit Homophobie und Xenophobie, sondern auch international. Putin bringt neureligiösen Eifer mit der lautstarken Klage über den Werteverfall im Westen zusammen.

Es geht um ideologischen Einfluss, aber auch um finanzielle Unterstützung?

Dass Frankreichs rechtspopulistischer Front National einen Millionenkredit aus Russland erhalten hat, ist ja kein Geheimnis. Eine Verbindungsstelle des Kreml nach Frankreich ist der Thinktank Institut für Demokratie und Kooperation (IDC), der 2008 gegründet wurde. Das IDC ist auch in Deutschland aktiv, es war 2013 Kooperationspartner bei der Konferenz zur „Zukunft der Familie“ des rechtspopulistischen Magazins „Compact“ in Leipzig. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Werden Europas Völker abgeschafft? Familienfeindlichkeit. Geburtenabsturz. Sexuelle Umerziehung“.

Wer trat dort auf?

Das waren Leute wie Thilo Sarrazin und die französische Homo-Ehe-Gegnerin Béatrice Bourges sowie mehrere Referenten aus Russland. Darunter auch Jelena Misulina, Duma-Abgeordnete und Mitverfasserin des Gesetzes gegen „Homo-Propaganda“. Wir von Quarteera haben in Leipzig gegen diese homophobe Stimmungsmache protestiert.

Zurück nach Russland: Dort hat Ikea jüngst sein Online-Magazin „Ikea Family Live“ eingestellt. Begründung: Der Inhalt könnte unter das 2013 beschlossene Gesetz gegen „Homo-Propaganda“ fallen. Die Generalstaatsanwaltschaft will unterdessen „Children 404“, ein Beratungsprojekt für lesbische und schwule Jugendliche, aus dem Netz verbannen. Das sind die direkten Auswirkungen des „Propaganda“-Gesetzes – welche Folgen hat es für den gesellschaftlichen Alltag?

Das Gesetz hat in zweierlei Hinsicht Auswirkungen auf die Lebenssituation in Russland: Zum einen schafft es eine Atmosphäre der Angst. Schwule, Lesben und Trans*Menschen müssen fürchten, erpresst und ausspioniert zu werden. Das Gesetz hat homophobe Tendenzen nachweislich bestärkt, es ist ein Schulterklopfen für Homo-Hasser und Gewalttäter.

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Peitsche schwingen gegen Schwule und Lesben: Homo-Gegner 2013 in St. Petersburg (Foto: Mads Nissen/laif)
Peitsche schwingen gegen Schwule und Lesben: Homo-Gegner 2013 in St. Petersburg (Foto: Mads Nissen/laif)

Es gab mehr Übergriffe?

Ja, die Anzahl von Hassverbrechen hat sich gesteigert, das ergeben auch Studien der Menschrechtsorganisation Human Rights Watch. Die Folge ist eine neue Auswanderungswelle. Auf der anderen Seite wurden durch das Gesetz auch so viele Berichte und Debatten über das Thema Homosexualität ausgelöst, wie es sie noch nie gegeben hat in Russland. Weil aufgrund des Gesetzes auch Ausstellungen, Bücher und Aufführungen verboten werden, wächst auch in der Kulturszene ein Bewusstsein dafür, wie ungerecht homophobe Verfolgung ist. Das ist ein kleines Glück im großen Unglück, wir fanden Verbündete.

Gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern haben befürchtet, dass es auch ein Gesetz geben könnte, das den Jugendämtern erlaubt, ihnen die Kinder wegzunehmen. Ist das noch eine Gefahr?

Der entsprechende Gesetzentwurf des Duma-Abgeordneten Alexej Schurawljow wurde nur auf Eis gelegt, aber nicht zurückgezogen. Wegen der Angst davor, dass ihnen die Kinder weggenommen werden könnten, aber auch wegen Anfeindungen in ihrem Umfeld wandern solche Paare ins Ausland aus. Wir wissen von mehreren Frauenpaaren mit Kindern, die nach Deutschland gekommen sind oder eine Ausreise planen.

2014 gab es vor und während der Olympischen Winterspiele in Sotschi weltweit Debatten über die homophobe Politik in Russland. Die deutsche Aktivistengruppe „Enough Is Enough“ entzündete am Potsdamer Platz in Berlin zur Mahnung eine „Rainbow Flame“. Was ist übrig geblieben von der öffentlichen Aufmerksamkeit?

Die „Flame“-Aktion am Potsdamer Platz war gut. Videos davon findet man immer wieder im Netz auch in Russland – die Community fühlt sich dadurch bestärkt. Doch die Debatte im Vorfeld von Sotschi brachte letztlich eine Riesenenttäuschung. Denn sobald die Olympischen Spiele eröffnet waren und der Sport begann, tat sich nichts mehr. Niemand setzte vor Ort wirklich ein Zeichen, es wurde mucksmäuschenstill. Die Debatte schlief ein, dann wurde das Ganze vom Ukraine-Krieg überschattet, und es gab andere Themen für die Medien.

Was könnten Gründe dafür sein, dass Wladimir Putin die homophobe Karte spielt?

Mit Schwulen und Lesben in der Sündenbock-Rolle lässt sich jedenfalls ablenken von Missständen wie der ungeheuren Korruption im Land. Und Kritiker können diffamiert werden als Homo-Freunde.

Welche historischen Wurzeln hat das homophobe Klima in der russischen Öffentlichkeit? Gibt es da Traditionen, an die angeknüpft wird?

Das größte Problem sehe ich darin, dass es in Russland im 20. Jahrhundert keine Phase der sexuellen Aufklärung oder sexuellen Revolution gab wie im Westen. Man durfte nicht über Sex sprechen. Dieses Überbleibsel der Sowjetzeit verbindet sich mit der neuen christlich-orthodoxen Tradition, für die alles Körperliche tabu ist, und wird von der Politik missbraucht für eigene Zwecke.

Quarteera e.V. ist eine Organisation russischsprachiger Lesben, Schwuler, Bisexueller, Trans*Personen und ihrer Freunde in Deutschland. Der Verein wurde 2011 in Berlin gegründet. Der Name ist ein Wortspiel, das sich auf die Wörter Queer, Art und Quartier bezieht. Quarteera organisiert Debatten und Proteste, bietet Beratung an. Der Verein kümmert sich auch um Flüchtlinge, die Russland wegen Diskriminierungen und der homophoben Atmosphäre verlassen haben. Bislang gab es laut Quarteera bei den durch den Verein betreuten Personen drei erfolgreiche Asylanträge, zwei Personen werden geduldet. Quarteera weiß nach eigenen Angaben von rund 40 Asylanträgen aus russischsprachigen Ländern.

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Wanja Kilber vom Verein Quarteera (Foto: privat)
Wanja Kilber vom Verein Quarteera (Foto: privat)

Wanja Kilber ist einer von fünf Vorstandsleuten des Vereins Quarteera. Der Grafikdesigner, Jahrgang 1981, stammt aus Kasachstan und lebt in Hamburg. Er kam Ende der 1990er-Jahre nach Deutschland. Im Hauptberuf arbeitet Kilber als Bühnenbildner und Figurenmacher für Schattentheater.