Riesige provisorische Städte im Sand, Tausende Zelte in Reih und Glied, Hunderttausende Menschen, die seit Jahren dort leben. Die Bilder von Flüchtlingslagern in Afrika sind heute jedem Medienkonsumenten vertraut. Doch wie sieht das Leben darin aus? Oft ganz anders, als wir uns das vorstellen, sagt Dr. Ulrike Krause von der Universität Marburg. Sie forscht unter anderem zu Flüchtlingsschutz und Entwicklungszusammenarbeit und hat selbst einige Jahre bei verschiedenen Hilfsprogrammen in Uganda mitgearbeitet.

Fluter.de: Wie kann man sich den Alltag im Flüchtlingslager vorstellen? Ist es da so gut organisiert, wie die Zeltstädte von außen oft aussehen?

Ulrike Krause: Es ist auf jeden Fall stark durchorganisiert. An oberster Stelle stehen die administrative Leitung des Asyllands und das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Daneben gibt es eine ganze Reihe von Organisationen, die die Flüchtlingshilfe umsetzen. Man denkt zuerst immer an Essen, Decken, medizinische Versorgung, aber es geht auch um Bildung, Duschen, Toiletten und Entwicklungsmöglichkeiten. Woran viele nicht denken, ist, dass die Menschen sich auch selbst organisieren. Sie bringen eigene Vorstellungen davon mit, wie man am besten zusammenlebt. Teils treffen auch unterschiedliche Nationalitäten und Ethnien aufeinander, was das Leben prägt. Vieles entwickelt sich im Lager selbst. Die Menschen leben häufig für viele Jahre in den Flüchtlingslagern und Siedlungen, einige von ihnen werden sogar dort geboren. Sie sitzen dort nicht den ganzen Tag im Zelt und warten darauf, dass ihnen Essen gebracht wird, sondern sie engagieren sich selbst.

Schauen wir uns das Kyaka II Refugee Settlement in Uganda an, wo meine letzte Forschung stattfand: Die Menschen haben Zugang zu Landwirtschaft – das unterscheidet Flüchtlingssiedlungen von Zeltlagern. Es gibt unterschiedliche Märkte und religiöse Zentren, wo die Leute hingehen. Sie haben ein Sozialleben: Sie holen zusammen Wasser von Wasserstellen oder Bohrlöchern und bestellen ihr Land. Kinder sollen mindestens in die Grundschule gehen, das heißt, sie machen nachmittags Hausaufgaben oder helfen im Haushalt. Die Leute engagieren sich auf unterschiedlichste Weise oder suchen nach Arbeitsstellen. Sie arbeiten auch häufig selbstständig, indem sie etwa Schmuck herstellen oder ihre Ernten verkaufen. Ich habe in Uganda mit einem Lehrer gesprochen, der im Kongo Physik- und Mathematiklehrer war. Er hat in der Siedlung Erwachsenenbildung gemacht – aber er hat sich dafür nicht bezahlen lassen, sondern die Teilnehmer haben zu essen und zu trinken mitgebracht, damit alle über den Tag kommen. Das wurde dann geteilt.Was machen sie denn?

Im Alltag spielen solche Gruppen eine große Rolle, oft heißt es dabei: „Gleich und Gleich gesellt sich gern.“ Auch im Flüchtlingslager?

Ja, zum Beispiel bei Mädchen, die gemeinsam zum Wasserholen gehen, um sich gegenseitig zu schützen. Oft tun sich auch Menschen zusammen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und einander vertrauen. Gerade der Konflikt im Kongo ist dafür bekannt, dass sehr, sehr häufig Vergewaltigungen stattfinden, und das betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Über diese Traumata zu sprechen bedarf eines wahnsinnig großen Vertrauens, gerade für patriarchalisch geprägte Männer.

Das sind wiederum die Geberorganisationen und Geberstaaten, etwa Deutschland. Die sitzen am allerlängsten Hebel. Wenn die den Geldhahn zudrehen, fällt die gesamte Unterstützung weg. Vor Ort selbst ist das UNHCR zusammen mit der Gastregierung am mächtigsten, weil sie ganz grundsätzliche Entscheidungen zum Leben treffen, beispielsweise wann Menschen in ihre Heimatländer zurückgehen müssen. Vor Ort haben die Organisationen das Sagen, die die Flüchtlingshilfe umsetzen. Sie entscheiden, welche Projekte wann umgesetzt werden, und haben recht viel Macht. Was mich bei der letzten Forschung am meisten mitgenommen hat, ist, dass Flüchtlinge häufig als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden.Wer hat im Lager denn wirklich das Sagen?

Wie kam das zum Ausdruck?

Sie haben teils mehrere Tage vor den Büros der Hilfsorganisationen auf ihren Termin gewartet. Aber natürlich gibt es unter den Flüchtlingen selbst auch hierarchische Unterschiede. Auf der einen Seite gibt es formelle Strukturen, die auch von den Organisationen unterstützt werden, zum Beispiel Stellvertreter in Dörfern. Aber die Flüchtlinge bringen auch eigene Hierarchien mit. Das typischste Beispiel ist: Die Frau steht unter dem Mann. Eine traditionelle Frage ist auch, ob und – wenn ja – wann Mädchen verheiratet werden oder sich selbst einen Partner suchen können.

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Schilderwald der Hilfsorganisationen: Die Einfahrt zu dem Flüchtlingslager in Uganda. Foto: © Ulrike Krause, all rights reserved (Foto: Ulrike Krause, all rights reserved)
Schilderwald der Hilfsorganisationen: Die Einfahrt zu dem Flüchtlingslager in Uganda. (Foto: Ulrike Krause, all rights reserved)

Welche Chance haben denn die Flüchtlinge selbst, solche Probleme vor Ort zu lösen? Gibt es Potenziale, die übersehen werden?

Ja, ja, ganz häufig! Wenn über Flüchtlinge gesprochen wird, werden sie oft als passive und hilfsbedürftige Opfer dargestellt. Aber es wird viel zu selten gesehen, dass das Menschen sind wie du und ich, die etwas gelernt haben, nach ihrem Lebenskonzept ein ganz normales Leben hatten und da rausgerissen wurden, in einem fremden Kontext leben und nun damit umgehen müssen. Dabei sind diese Leute weltweit sehr kreativ dabei, ihre Fähigkeiten zu nutzen. Beispielsweise verkaufen sie traditionelle Stoffe. Eigentlich gehe ich davon aus, dass die größte Herausforderung im Flüchtlingsdasein die Restriktionen sind, die die Organisationen und die Asylländer setzen.

Was könnte man besser machen?

Die meisten Flüchtlinge weltweit fliehen vor Konflikten. Es ist daher wichtig, dass Staaten sehr früh diplomatisch intervenieren. Für die Hilfe vor Ort hingegen sollten Projektstrukturen überdacht werden. Viele Organisationen müssen ihre Arbeit auf Jahresbasis planen. Wenn aber viele Flüchtlinge über 20 oder 30 Jahre in einem Lager leben, reicht das nicht. Nachhaltiger zu planen ist jedoch oft nicht möglich, weil die Geldgeber ihr System nicht ändern. Wir müssen Flüchtlinge als Menschen ansehen und nicht als Konstrukte.

Was bedeutet das?

Zum Beispiel, Projekte nicht nur in der Theorie partizipativ anzugehen. Statt Lebensmittel zu übergeben, würde ich mehr auf die Bedürfnisse der Menschen vertrauen und erst mal fragen: „Was braucht ihr hier?“ Flüchtlinge sollten viel mehr involviert und gefragt werden, was sie brauchen. Der dritte große Punkt ist das Flüchtlingsrecht. Jedes Land, das die Genfer Flüchtlingskonvention ratifiziert hat, kann spezifische Vorbehalte gegen die aufgelisteten Rechte einbringen. Und die meisten Vorbehalte gibt es bei dem Recht auf Arbeit. Das heißt, legal zu arbeiten ist schwierig. Aber der Mensch ist nicht dazu gemacht, in Abhängigkeit von anderen zu leben.


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cms-image-000046364.jpg (Foto: Ulrike Krause, all rights reserved)
(Foto: Ulrike Krause, all rights reserved)

Dr. Ulrike Krause ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg. Dort arbeitet sie im Forschungsprojekt „Genderbeziehungen im begrenzten Raum“, in dem die sexuelle und geschlechterbasierte Gewalt in Flüchtlingslagern untersucht wird. Seit 2014 ist sie Mitglied des Organisationskreises des Netzwerks Flüchtlingsforschung. Zuvor promovierte sie zur entwicklungsorientierten Flüchtlingsarbeit in Magdeburg und arbeitete im Flüchtlings- und Menschenrechtsbereich für internationale Organisationen im In- und Ausland.