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Bisher ging es hier höchstens um Sonnenöl (Foto: Gino Maccanti)
Bisher ging es hier höchstens um Sonnenöl (Foto: Gino Maccanti)

Trinkwasser war auf den Kanarischen Inseln immer schon knapp. Selbst als noch nicht zwölf Millionen Touristen im Jahr kamen, die in den Pools planschen und keine Lust haben, beim Duschen Wasser zu sparen. Dramatisch wurde es aber erst, als das Wasser, das früher Bananen und Tomaten wachsen ließ, vor allem für die Hotels und Golfplätze genutzt wurde – und der Bedarf immer weiter stieg. Ohne das teure, aus Meerwasser gewonnene Süßwasser – die erste Entsalzungsanlage ging bereits 1964 in Betrieb – wären die Kanarischen Inseln schon lange nicht mehr lebensfähig. Ohne den Tourismus allerdings auch nicht.

Nun sehen die Bewohner der Kanaren beides bedroht – das Wasser und den Tourismus –, und zwar durch Probebohrungen vor der Küste, die der spanische Ölkonzern Repsol vornehmen will. Repsol und die spanische Regierung erhoffen sich riesige Ölvorkommen tief unter dem Meeresgrund, etwa 140.000 Barrel pro Tag könnten schätzungsweise 25 Jahre lang gefördert werden. Das wären knapp zehn Prozent des nationalen Bedarfs, was größere Unabhängigkeit und bis zu 3000 Arbeitsplätze bedeuten würde.

Viele der zwei Millionen Canarios haben allerdings ein weitaus hässlicheres Szenario vor Augen. Sie erinnern an die Umweltkatastrophe, die sich im April 2010 im Golf von Mexiko ereignete. Damals explodierte die Ölplattform „Deepwater Horizon“ – ebenfalls während der Probebohrungen – und hinterließ eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes. Unter der litten nicht nur Fauna und Meeresflora, sondern auch der Tourismus. Fast 40 Milliarden Dollar musste der Ölkonzern BP für die Schadensbeseitigung und Entschädigungszahlungen zurückstellen. 

Je größer die Entfernung zur Küste, desto kleiner das Protestpotenzial

Bislang haben die Proteste nichts ausrichten können. Zu groß scheint im wirtschaftlich gebeutelten Spanien die Hoffnung auf neue Einkünfte zu sein. In einem Gutachten von Repsol und dem Landwirtschaftsministerium wird die Gefahr einer Ölpest auf 0,003 Prozent geschätzt. Selbst das Umweltministerium hegt keine Einwände.

Offiziell sollen die Probebohrungen 60 Kilometer vor den Küsten Lanzarotes und Fuerteventuras (an der Grenze zu marokkanischen Gewässern) stattfinden. Selbst bei einer Katastrophe, so das Gutachten, sei zwar die Fauna bedroht, jedoch nicht die Strandidylle. Allerdings präsentierten Zeitungen bereits andere Karten der geplanten Bohrungen, auf denen die betreffenden Gebiete bis auf zehn Kilometer an die Küste Fuerteventuras heranreichen. Für Aufsehen in der spanischen Presse sorgte auch die Zustimmung des Industrie- und Tourismusministers José Manuel Soria, dem eine so große Nähe zum Ölkonzern Repsol nachgesagt wird, dass ihn viele Journalisten im Anschluss an seine Politkarriere dort im Management sehen.

Die Mehrheit der Canarios ist gegen die Bohrungen, allerdings nimmt das Protestpotenzial ab, je größer die Entfernung zum Geschehen ist. Auf Lanzarote ist der Widerstand größer als auf Gran Canaria, auf Gran Canaria größer als auf La Gomera. Dass der schottische Konzern Cairn Energy seine Probebohrungen vor der Küste Marokkos wegen mangelhafter Qualität des Öls abgebrochen hat, ist ein schwacher Hoffnungsfunke auf Seiten der Umweltschützer. Denn inzwischen hat auch das Tribunal Supremo, der Oberste Gerichtshof des Landes, grünes Licht für Bohrungen gegeben. Es kann also losgehen.

Boris von Brauchitsch ist als Publizist und Kunsthistoriker ein wahres Multitalent. Er schrieb bereits Biografien über Caravaggio und Michelangelo und zuletzt für das Staatstheater Kassel ein Stück über die documenta. Er verbringt die Hälfte des Jahres auf Gran Canaria und beobachtet von dort aus seit Jahren die spanische Politik.