fluter: Herr Groß, Sie haben 2015 ein Buch über das Nichtwissen herausgebracht: das „Routledge International Handbook of Ignorance Studies“. Seit wann befasst sich die Wissenschaft dezidiert mit dem, was man nicht weiß? 

Matthias Groß: Die Auseinandersetzung mit dem Nichtwissen ist praktisch so alt wie die Menschheit selbst. Der Sokrates zugeschriebene Ausspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ wird als erster Forschungsversuch angesehen. Auch in der Psychologie, den Wirtschaftswissenschaften und der Spieltheorie gibt es schon lange Forschung dazu. Der gebündelte Versuch, sich mit Nichtwissen zu befassen, ist aber relativ neu: Erst in den letzten Jahren hat er als eigenständiger Forschungsstrang größere Wellen geschlagen.

Nichtwissen, Unwissen, Ignoranz – wie unterscheiden sich diese Begriffe? 

Die Wörter Unwissen und Ignoranz sind im Deutschen – übrigens im Gegensatz zum englischen ignorance – ganz klar negativ konnotiert. Sie beinhalten das aktive Ausklammern von Wissen, das man hätte haben können und das für eine Entscheidung wichtig gewesen wäre. Bei dem Wort Unwissen schwingt auch noch ein Hauch von „Dummheit“ mit. Wenn wir in der Forschung von der Abwesenheit von Wissen sprechen, verwenden wir das Wort Nichtwissen. Das ist neutraler.

„Über komplexe Dinge wie die Wahlen in den USA oder die Flüchtlingskrise können wir gar nicht alle Informationen einholen“

nichtwissen2.jpg

Hohlkopf
Alles mitkriegen geht nicht, irgendwo muss man mal einen Schnitt machen – aber wo?

Ob Brexit oder die Wahl von Trump zum US-Präsidenten – in letzter Zeit hört man oft die These, dass Menschen über wichtige Hintergründe einer Entscheidung gar nichts wissen wollen. Welche Rolle spielt willentliches Nichtwissen, wenn es um demokratisches Handeln geht?

Eine sehr große. In politischen Entscheidungsprozessen gibt es viele Dinge, die Menschen zu hören leid sind und deshalb nicht weiterverfolgen. Und dann gibt es noch Wissensbestände, die sehr strategisch ausgeklammert werden. 

Zum Beispiel?

Das ist dann oft der Fall, wenn Wissen in Konflikt mit dem eigenen Verhalten steht: wenn es um Konsum oder Umwelt geht. 

Sprich, wer gern und viel Auto fährt, klammert womöglich gezielt Erkenntnisse über den Klimawandel aus?

Zum Beispiel. Was man aber im Hinterkopf behalten sollte: Wenn ich etwa wissen will, ob der Klimawandel menschengemacht ist oder nicht, muss ich als jemand, der nicht gerade Atmosphärenphysik studiert hat, verlässliche Informationen von Leuten holen, denen ich vertraue. Mit der Sache selbst – dem Klimawandel – hat das erst mal wenig zu tun.

Aber man kann doch gezielt nach Beiträgen suchen, in denen verlässliche Experten zu Wort kommen.

Das würde man erwarten. Häufig ist es aber so, dass man sich auf Personen verlässt, denen man eine richtige Einschätzung „halt einfach zutraut“ – weil sie sich in anderen Dingen als kompetent erwiesen haben oder weil sie über sekundäre Merkmale wie Charisma, schöne Haare oder was auch immer verfügen. Auch wenn dieses Verhalten je nach Neigung, Bildung etc. unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann – grundsätzlich trifft es auf uns alle zu. Man muss das aber auch mal neutral betrachten: Über komplexe Dinge wie die Wahlen in den USA oder die Flüchtlingskrise können wir gar nicht alle Informationen einholen. Eine gewisse Vorauswahl müssen wir vornehmen, um Entscheidungen überhaupt treffen zu können. 

„Wir leben in einer Zeit der widersprüchlichen Gewissheiten. Egal um welche Lebensbereiche es geht: Wir werden überwälzt von Informationen“

Wann wird das gefährlich?

Wir leben in einer Zeit der widersprüchlichen Gewissheiten. Egal um welche Lebensbereiche es geht: Wir werden überwälzt von Informationen. Ganz profan: Ich renoviere gerade meinen Keller und recherchiere, wie man am besten verputzt. Aus dem Internet, in verschiedenen Baumärkten und von meinem Nachbarn bekomme ich unterschiedlichste Informationen. Soll ich jetzt dem Fachmann vertrauen, der Erfahrung eines Freundes oder dem Wissen möglichst vieler Menschen? Dieses Problem gibt es in allen Bereichen. Was die Politik betrifft, gibt es oft keine andere Möglichkeit, sich zu informieren, als über die Massenmedien. Viele Leute sind diesen gegenüber aber sehr skeptisch. Gefährlich wird es dann, wenn Menschen aus Unsicherheit heraus Heuristiken entwickeln, subjektive Raster, mit denen sie das herausfiltern, was sie als wahr erachten.

nichtwissen1.jpg

Hohlkopf
Mut zur Wissenslücke: Man kann nicht erst Atmosphärenphysik studieren, bevor man sich über den Klimawandel eine Meinung bildet

... und alles andere ignorieren.

Genau. Wer sich einmal auf ein Weltbild festgelegt hat, klammert Dinge, die diesem widersprechen, leicht aus. Seine Meinung zu ändern, wenn man Neues erfährt, ist dann schwierig. Ein Strang der Nichtwissensforschung sieht sich an, wie diese Dynamik funktioniert und wo es mögliche Einfallszonen gibt, um damit konstruktiv umzugehen. Wenn zum Beispiel ein neuer Lebensabschnitt beginnt, ein Studium zu Ende geht oder eine Heirat ansteht, sind wir generell aufgeschlossener für Veränderung. Deshalb kann es sinnvoll sein, gerade in solchen Phasen entsprechende Angebote zu schaffen, etwa finanzielle Anreize, um vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Wächst das Nichtwissen in der Bevölkerung? 

Das ist eine viel diskutierte Frage, die man auf einem Stammtischniveau vielleicht bejahen mag. Ich sehe aber keinen empirischen Hinweis darauf. In den Fünfzigern war die Bevölkerung in ganz vielen Bereichen viel unwissender als heute. Damals dachten zum Beispiel viele, Rauchen wäre gesund. Es besteht immer eine Symmetrie: Je mehr wir wissen, desto mehr sind wir uns dessen bewusst, was wir noch nicht wissen. Zumindest sollte das so sein: Manche Menschen glauben leider, ausgelernt zu haben, nur weil sie über irgendeine Sache einen Artikel gelesen haben.

„Verschwörungstheorien, egal welcher politischen Couleur, sind momentan vor allem deshalb so erfolgreich, weil sie die Welt vereinfachen“

Ist das der Grund, warum Populisten mit zum Teil konspirativen Theorien so viel Gehör finden? 

matthiasgross.jpg

Matthias Gross
Auch wenn du das jetzt vielleicht gar nicht wissen möchtest: Matthias Groß ist Professor für Umweltsoziologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und am Institut für Soziologie der Universität Jena. Neben Wissen und Nichtwissen gehören zu seinen Forschungsschwerpunkten unter anderem experimentelle Praktiken in Wissenschaft und Gesellschaft

Verschwörungstheorien, egal welcher politischen Couleur, sind momentan vor allem deshalb so erfolgreich, weil sie die Welt vereinfachen. Sie teilen Menschen in Gut und Böse, behaupten, dass es irgendwo eine böse Macht gibt, die uns an der Nase herumführt.

Einige Medien halten mit „Fact Checks“ dagegen, zum Beispiel als Reaktion auf Falschaussagen in TV-Duellen oder Tweets. Kann man damit an festgefahrenen Meinungen rütteln? 

Denkbar ist das. Manche von uns sind aber auch schon abgestumpft, was das angeht. Gerade in den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen erwartet man direkt, dass kurz vor den Wahlen noch dieses oder jenes aufgedeckt wird, um einen bestimmten Teil der Wählerschaft in eine Richtung zu lenken – manche schmunzeln nur noch, wenn im Fernsehen „Fact Checks“ kommen. Andere wiederum vermuten, dass hinter jeder Enthüllung eine Verschwörung steckt: böse Absichten von Journalisten oder irgendwelcher Lobbygruppen. „Fact Checks“ erreichen also leider nicht immer das beabsichtigte Ziel. 

Gibt es Lebensbereiche, in denen man auch mal auf seinem Nichtwissen beharren darf? 

Ganz sicher sogar. In der pränatalen Gendiagnostik zum Beispiel gibt es für die werdenden Eltern ein Recht auf Nichtwissen, ein Recht darauf, ihr Kind nicht auf mögliche Krankheiten testen zu lassen. Ebenso, wenn es um das eigene Erbgut geht: Was hat man davon, mit 25 Jahren zu erfahren, dass man im Alter von 50 an einer obskuren Krankheit sterben könnte, für die es gar keine Vorsorge- oder gar Heilungsmöglichkeit gibt? Aber das ist ein sehr schwieriges Thema, weil wir in der modernen Gesellschaft natürlich denken, dass mehr Wissen immer eine Verbesserung bedeutet. 

Apropos moderne Gesellschaft: Die spezialisiert sich ja immer weiter – und mit ihr das Wissen. Sehen Sie darin eine Gefahr?

Im Sinne einer produktiven Arbeitsteilung ist das einfach notwendig. Eine Ausdifferenzierung von Expertisen kann aber auch ein Hinweis darauf sein, dass Ungleichheit wächst. Die zunehmende Komplexität der technisierten Gesellschaft führt dazu, dass wir immer mehr auf das Wissen anderer vertrauen müssen. Spezialisierung darf man deshalb auf keinen Fall mit Transparenz verwechseln: Gerade im Bereich der Politik muss Wissen so dargestellt werden, dass es für jeden verständlich ist.

Fotos: Jan Q. Maschinski