Noch heute blickt Ernst Albert Fabarius mit hohlen Wangen über den Schulhof. Dass er ein autoritärer, unnahbarer Rektor war, sieht man der Büste in Witzenhausen an. Die Deutsche Kolonialschule (DKS), die der evangelische Divisionspfarrer dort 1898 gründete, sollte junge Menschen für den Dienst in den Kolonien ausbilden. Kulturpioniere sollten sie sein, „Deutschlands Ehr, daheim und überm Meer“ verbreiten. Eine Statue, die denen „überm Meer“ gedenkt, also den Opfern des deutschen Kolonialismus, die steht nirgends auf dem Hof.

Ein Versäumnis, findet Hendrik Dorgathen, Comic-Zeichner und Leiter der Klasse Illustration/Comic der Kunsthochschule Kassel. Mit seinen eigenen sowie Studierenden der Fächer Geschichte und Agrarwissenschaften untersuchte er die Geschichte dieser in Deutschland einmaligen Institution, die sogar das Ende der deutschen Kolonien 1919 überlebte. Erst 1944 stellte sie endgültig den Schulbetrieb ein. Heute ist in dem Gebäude ihr Nachfolgeinstitut, das Deutsche Institut für Tropische und Subtropische Landwirtschaft, untergebracht.

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Szene aus dem Comicband Raus Rein über die Deutsche Kolonialschule
Wie aus Selemani Bin Juma Franz Seelemann wurde, erzählt der Comic von Florian Biermeier. Geschickt macht er dabei auf ein historiografisches Dilemma aufmerksam: über die Opfer weiß man viel weniger als über die Täter

Gut erforscht, aber wenig bekannt

Herausgekommen ist ein lesenswerter Band mit vielen Comics und einigen begleitenden Texten. Und das ist ein Glück. Denn obwohl die deutsche Kolonialgeschichte wissenschaftlich als gut erforscht gilt, ist in der breiteren Öffentlichkeit nicht viel über sie bekannt. Auch wenn die Bundesregierung erst im Juli das Massaker an den Herero und Nama im heutigen Namibia (1904 bis 1908) als Völkermord einstufte.

Die Folgen des Kolonialismus seien beträchtlich gewesen, wie es im Vorwort heißt: „Der Kolonialismus, sein Menschenbild, die daraus resultierende Politik und die dabei angewandten Mittel nahmen vorweg, was in den folgenden Jahrzehnten über den Rest der Welt kommen sollte: Nationalismus, Rassismus, Habgier und das totalitäre Denken von Faschismus und Kommunismus.“

Lücken in der Quellenlage

Der Band hält sich erst gar nicht mit einer komplizierten historischen Beweisführung auf. Er setzt auf die Stärken der bildlichen Erzählung und die Methode der „fiktiven historischen Narration“: Überlieferte Fakten werden in ein fiktives Szenario gesetzt. Sehr gut gelingt das Florian Biermeier, der die Geschichte von Franz Seelemann erzählt. Der hieß eigentlich gar nicht Seelemann, sondern Selemani Bin Juma. Von ihm weiß man kaum etwas, außer dass er als Kind nach Deutschland kam, einem Offizier diente, der im Ersten Weltkrieg fiel, und danach in einem Rittergut als Diener arbeitete, in das die Kolonialschule einzog. Als er 1940 starb, besaß er ein Hemd, zwei Hosen, drei Jacken und sechs Mützen. Das steht auf einer Spendenbescheinigung, die mit „Heil Hitler“ unterschrieben ist.

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Szene aus dem Comicband Raus Rein über die Deutsche Kolonialschule
Auch der Arzt Otto Buchinger unterrichtete an der Deutschen Kolonialschule. Das Heilfasten, das er begründete, wird noch heute praktiziert

Immer wieder zeigt Biermeier die Lücken der dünnen Quellenlage auf. Ob Selemani Bin Juma verschleppt wurde, ob er seinen Eltern Lebewohl sagen konnte, was er über sein neues Zuhause dachte und ob er versuchte, in seine Heimat zurückzukehren – unbekannt. Damit macht Biermeier geschickt auf ein historiografisches Dilemma aufmerksam: Über die Opfer weiß man oft viel weniger als über die Täter.

Die Macht der Bilder

Über den DKS-Absolventen Hanns Bagdahn ist viel mehr überliefert. Aus seinen Memoiren zeichnete Elena Seubert seine Biografie. 1931 ging er nach seinem Abschluss nach Angola und baute dort eine Farm auf. Besonders zimperlich ging er nicht mit seinen schwarzen Arbeitern um. Als er in den Wirren des Bürgerkriegs 1975 das Land verlassen musste, empörte er sich, dass ausgerechnet er, der sein ganzes Leben aufopferungsvoll „zum Wohl des Schwarzen gearbeitet“ hätte, nun vertrieben würde. Zurück in der Heimat, fand er eine Stelle. In Witzenhausen betreute er ab 1976 das gerade eröffnete Völkerkundliche Museum.

In den begleitenden Texten geht es nicht nur um die Kolonialschule, sondern auch um die Macht der Bilder im Kolonialismus. In Reiseberichten Mitte des 19. Jahrhunderts sei Afrika differenziert beschrieben worden „als Heimat von Staaten, Imperien und komplexen Gesellschaften, deren kultureller Reichtum zu erforschen war“, wie es in dem Text heißt. Ab 1880 dann, also zu dem Zeitpunkt, als das Deutsche Reich seine kolonialen Ambitionen verstärkte, sei es mit der Differenzierung vorbei gewesen. Eine Trivialisierung setzte ein, die, so der Text, bis heute vorherrsche. „Aus den vormals edlen Wilden mit ihrer angeblich unverdorbenen Weisheit wurden dumme, faule und unhygienische Schwarze.“ Über diesen Prozess hätte man dann doch gerne mehr erfahren. Aber das ist ja auch nicht das Schlechteste, wenn ein Band es schafft, die Neugier zu wecken.

Hendrik Dorgathen, Marion Hulverscheidt: "Raus Rein - Texte und Comics zur Geschichte der ehemaligen Kolonialschule in Witzenhausen", Avant Verlag 2016, 178 Seiten, 24,95 Euro

Während seines Geschichtsstudiums ist Felix Denk, Redakteur bei fluter.de, nicht auf die Kolonialschule in Witzenhausen gestoßen. Der Band schloss also eine echte Wissenslücke.