Nach knapp drei Wochen ist klar: Fernsehen im Netz ist ein Prozess. Das neue Jugendangebot von ARD und ZDF ist nicht einfach so „da“. Es ist im Entstehen. Die öffentlich-rechtlichen Sender wagen tatsächlich den Absprung vom Linearfernsehen unserer Eltern. Auch optisch. Funk sieht aus wie eine Mischung aus Bento und Netflix. Alles ist bunt und blinkt. Es kann von Show zu Show geslidet, geklickt und gestreamt werden. Das Ganze nennt sich „Content-Netzwerk“.

Jugendliche gelten als schwierige TV-Zielgruppe. Längst nutzen sie das Handy beziehungsweise Smartphone und das Internet intensiver als das Fernsehen. Das öffentlich-rechtliche Programm wiederum orientiert sich mit seinen Formaten an der Alterskohorte der Ü-60-Jährigen – was auch dem Durchschnittsalter der Zuschauer entspricht. Tendenz steigend. Die Jüngeren schauen Privatfernsehen oder klicken sich durch YouTube. Keine leichte Aufgabe, das zu ändern.

Viele eingekaufte YouTube-Kanäle, kaum Eigenproduktionen

„Wir müssen eine nachhaltige Reichweite bei jungen Menschen komplett neu für uns aufbauen“, sagt Programmchef Florian Hager dazu. Das stimmt. Blöd deshalb, dass beim Funk-Start am 1. Oktober die Hälfte der angekündigten 40 Formate fehlt. Zu sehen sind eingekaufte YouTube-Kanäle und kaum Eigenproduktionen. Verlinkungen zu den offiziellen Social-Media-Profilen gibt’s auch nirgends. Hat man sich die Funk-Facebook-Seite dann ergoogelt, heißt es dort: „Liked uns nicht! Unsere Inhalte gibt’s nämlich nicht hier, sondern überall im Netz.“ Aha.

Alle Funk-Formate werden dezentral über Drittplattformen wie YouTube, Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat und per App gestreut. Der Zuschauer soll selbst entdecken. Damit das Viralgehen klappt, haben ARD und ZDF unter anderem die Sieben-Tage-Hürde für Netzinhalte aufgehoben. Außerdem betreuen Mittzwanziger und nicht wie sonst so oft beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen jung gebliebene Mittvierziger das neue Programm: Ex-Beefträger Florentin Will etwa hat die Sketch-Sendung „Gute Arbeit“. Die „Dattelträgerin“ Nemi El-Hassan fragt bei „Jäger & Sammler“ kritisch nach („Welt“-Feuilletonistin Ronja von Rönne hat das Format schon wieder verlassen). YouTuber wie Rayk Anders (Headlinez) und LeFloid bleiben unabhängig, erhalten aber redaktionelle Unterstützung – und Geld: 45 Millionen stehen Funk jährlich zur Verfügung.

Das ist egozentrisch, aber so ist das Netz

Einige der meist nur fünfminütigen Sendungen erscheinen wöchentlich. Einige irgendwann. Einige sehen selbst gemacht aus. Einige extrem professionell. Einige sind albern. Einige informativ. Einige politisch. Und alle sind mit viel Meinung.

Noch etwas haben sie gemeinsam: das Thema, das die Generation „Selfie“ bei allem politischen und ökologischen Engagement eben am meisten interessiert: sie selbst. Fragen wie „Wer bin ich?“, „Was esse ich?“, „Wen liebe ich?“, „Wie sehe ich aus?“ und „Wie will ich leben?“ stehen bei Funk-Formaten im Vordergrund. Das ist egozentrisch, aber so ist das Netz.

Noch halten sich die verteilten Likes, Faves und Herzchen in Grenzen. Und Kommentare reichen von mit Emojis dekoriertem „Supi!!!“ bis zu „Was macht ihr da mit meinem Rundfunkbeitrag?“. Auch klingen Vokabeln wie „Hey!“ und „So lame“ im „Über uns“ von funk.net erst mal anbiedernd jugendlich. Doch insgesamt ist der Ton auf Facebook & Co. lustiger als bei ARD und ZDF.

Fünf Funk-Formate im Schnelldurchlauf:

Auf Klo

Zielgruppe: 14- bis 17-Jährige

Worum geht’s? Ein Damenklo irgendwo in Berlin. Zwei Frauen reden über Freundschaft, Sex, Liebe, Karriere und die Zukunft. Dabei wirbeln GIFs von blinkenden Kackehaufen durchs Bild.

Und dann? Werden interessante, junge, starke Frauen vorgestellt. Gerade waren etwa die YouTuberin Marie Meimberg und die Missy-Autorin Hengameh Yaghoobifarah dabei. Das Private wird im Gespräch gesellschaftlich relevant: Es geht darum, warum Dicksein schön und Streberinsein okay ist.

Satz, der hängen bleibt: „Ich fand’s geil, Hausaufgaben zu machen!“

Social-Media: Mit einem „Liken nicht vergessen!“ wird die Sendung beendet und mit ausladenden YouTuber-Gesten in Richtung Kommentare gezeigt. Da die Interviewten selbst Netzbekanntheiten sind, posten, teilen und retweeten sie eifrig in den eigenen Accounts.

Geht noch besser: Es wird noch experimentiert. Die Mitmach-Spiele für die Gäste wirken noch gewollt. Es gibt aber auch die eklig-schöne Rubrik „Kackfact“, die mit Chemie-Nerd-Wissen über Schimmelpilze glänzt. Die ist tatsächlich lustig. Mal schauen, was der Redaktion noch einfällt.

FYI: Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim ist Chemikerin und schreibt gerade ihre Doktorarbeit. Bei Funk hat sie noch einen weiteren Channel, der „schönschlau“ heißt und Fragen stellt wie „Was passiert, wenn man im Weltraum rülpst?“.

Y-Kollektiv

Zielgruppe: 25- bis 29-Jährige

Worum geht’s? Das Investigativformat fragt, wie das Investigativformate so machen, kritisch nach: „Wie viel kostet eine syrische Zweitfrau in der Türkei?“, „Wie asozial sind MMA-Käfig-Kämpfe in Deutschland?“, „Wie leben Tiere in Massentierhaltung?“ Und das oft mit einer Go-Pro-Kamera auf dem Kopf. Das wackelt, soll authentisch wirken und bringt den Zuschauer ganz nah heran. Manchmal erschreckend nah.

Und dann? Die Reporter begeben sich oft allein auf die Suche. Im Ich-Stil filmen sie dabei auch sich selbst und ordnen für den Zuschauer ihre Gedanken und Gefühle ein. Man muss sich daran gewöhnen, dass viele Sätze mit „Ich finde“, „Ich denke“, „Ich bin“ beginnen. Informativ und gut recherchiert sind die Inhalte trotzdem.

Satz, der hängen bleibt: „Ich trinke Bier, um das Vertrauen der Leute zu gewinnen.“

Social-Media: Wie bei den meisten Funk-Formaten gibt es auf Facebook, Instagram und Twitter zusätzliche Clips und GIFs mit mehr Infos. Was bei einer Informations- und Reportagesendung ja auch sinnvoll ist.

Das geht noch besser: Einmal „Krass!“ sagen genügt für eine Fünf-Minuten-Reportage völlig.

FYI: Das Y-Kollektiv ist ein Netzwerk von jungen Journalisten. Mit dabei ist Manuel Möglich, der zuletzt für das ZDFneo-Format „Wild Germany“ mit Satanisten und Neonazis sprach. Und auch Gülseren Ölçüm, die 2012 für das interkulturelle Online-Magazin „MiGazin“ den Grimme Online Award bekam.

Tourettikette 

Zielgruppe: 14- bis 25-Jährige

Worum geht’s? Tourettikette lehrt Etikette. Jeder darf eine Frage à la Dr. Sommer schicken, und YouTuber Bijan Kaffenberger erteilt den oft richtigen Rat. Dabei sitzt er in einem Ledersessel neben Bärenfell, Whisky und Zigarre.

Und dann? Kaffenberger beantwortet Fragen wie „Ich heiße Kevin. Was soll ich tun?“, „Darf ich auf Ritalin zur Arbeit gehen?“ oder „Ist mein Vater noch ein Hurra-Patriot oder schon ein Nazi?“. Das macht er klug, ironisch bis hintersinnig. Dabei geht er auf tatsächliche Ängste ein – deckt aber auch latenten Rassismus und anderen Hass auf.

Satz, der hängen bleibt: „Kevin, dein Name ist doch eigentlich en vogue. Es gibt viele erfolgreiche Fußballer, die heißen Kevin. Kevin Kurányi zum Beispiel. Wenn du aber kein fußballerisches Talent hast, musst du dir etwas anderes suchen. Vielleicht eine Freundin, die Chantal heißt.“

Social-Media: Diese Woche hat @Herr_Bijan seinen Twitteraccount plötzlich gelöscht. Schade.

Geht noch besser: Die Zigarren sind nur Deko – aber, nun ja, ist ja auch der Jugendkanal.

FYI: Bijan Kaffenberger hat Tourette. Daher der Name der Show.

Hochkant

Zielgruppe: 14- bis 18-Jährige

Worum geht’s? Ein Nachrichten- und Morgenmagazin auf Snapchat, das aktuelle politische und popkulturelle Themen erklärt und dabei mit den Snapchat-Features wie pinkfarbene Schrift im Bild, Katzenohren, Filtern, Emojis und anderen Spielereien arbeitet. Alles aus der Selfie-Perspektive, mit dem Smartphone hochformatig (!) im eigenen Wohnzimmer gedreht.

Und dann? Geht es um den Friedensnobelpreis oder den US-Wahlkampf. Erinnert an „heuteplus“ im ZDF, nur mit mehr Glitzer und Einhörnern. Dahinter steht wohl der Gedanke, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Jugendlichen für die üblichen trockenen Nachrichtensendungen zu kurz sein könnte. Ob das stimmt?

Satz, der hängen bleibt: „Zum Beispiel wurde eine US-YouTuberin, die über ihre Depressionen spricht, entmonetarisiert. Aber vor so eine Depression passt halt keine Happy-Werbe-Welt, ’ne.“

Social-Media: 84 Abonnenten auf YouTube. Hm. Na ja. Auf Snapchat läuft’s bestimmt besser.

Geht noch besser: Die Moderatoren Salwa Houmsi, Eva Schulz und Florian Prokop sehen frühmorgens noch ziemlich verschlafen aus – was wiederum nur ehrlich ist.

FYI: Viele Schüler haben kaum Nachrichten-Apps auf ihrem Smartphone. Informationen werden oft über die Freundeskreise verbreitet, besonders über soziale Netzwerke wie WhatsApp und Facebook. 2015 nutzten 38 Prozent der Mädchen und 25 Prozent der Jungen zwischen 12 und 19 Jahren täglich Snapchat. Hier knüpft die rbb-Produktion „Hochkant“ an.

Kliemannsland

Zielgruppe: 20- bis 29-Jährige

Warum geht’s? Einen Bauernhof kaufen – das ist ja der neue Traum, und Do-it-yourself-YouTuber Fynn Kliemann lebt ihn. Klingt erst mal nach einer Sendung, die auch im NDR laufen könnte. Nur wird der niedersächsische Hof hier in einen riesigen Spielplatz für Hipster umgebaut. Aus dem Kuhstall wird ein Tonstudio.

Und dann? Passiert eigentlich nicht viel: Treckerrennen, Mutproben, Streiche. Die Folgen sind eine Mischung aus Kliemanns YouTube-Heimwerkersendung und Joko & Klaas – denn immer bauen alle nur Blödsinn und haben dabei eine große Klappe: „Geil!“, „Mach mal, Alter!“, „Schubs das mal um!“, „Wo ist meine Flex?“

Satz, der hängen bleibt: „Wir müssen das hier alles noch ein bisschen sexier machen. Obwohl’s das ja schon wird, weil wir hier sind, ’ne.“

Social-Media: Die Zehn-Minuten-Clips schaut man besser auf YouTube oder Facebook, denn der eigene Funk-Player hat noch einige Macken. Beim Klick auf „Pause“ lädt er neu. Und die nächste Folge startet nicht automatisch. Das nervt.

Geht noch besser: nichts. Die Sendung ist super. Streckenweise zwar platt, aber verbunden mit (meist) nützlichen Heimwerkertipps darf Unterhaltung auch das sein. Selbst bei ARD und ZDF.

FYI: Haben die Öffentlich-Rechtlichen Kliemann den Hof eigentlich gekauft? Weiß das jemand? Falls ja: Schreibt in unsere Kommentare!

Titelfoto: Mara Lea Hohn