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Obamas alter Kumpel

Auf Joe Biden können sich viele einigen, er kann Kompromiss – und steht damit für den „dritten Weg“. Sein größter Trumpf aber: Er war Vizepräsident unter Barack Obama

  • 3 Min.
Foto: Ronen Tivony/SOPA Images/LightRocket via Getty Images
 

Im November 2020 will Donald Trump wieder zum US-Präsidenten gewählt werden. Der Wahlkampf läuft bereits: Über 20 Kandidat*innen der Demokratischen Partei wollen gegen ihn antreten. Doch nur eine*r darf. Fluter.de stellt die fünf aussichtsreichsten vor – plus einen weniger aussichtsreichen Republikaner.

„Uncle Joe“ wird er genannt – von Unterstützern und Gegnern. Für viele US-Amerikaner symbolisiert Joe Biden, was dem aktuellen Präsidenten Donald Trump fehlt: Verlässlichkeit, Charme, die Fähigkeit zur Diplomatie. Biden isst gerne Eis und kann nett lächeln, seine Pilotenbrille ist legendär, das Internet scheint ihm fremd, der gute alte Onkel Joe eben.

Doch Biden hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten noch einen anderen Ruf verdient: den des aufdringlichen Onkels.

Im Internet finden sich massenweise Videos, die Biden dabei zeigen, wie er Frauen und Mädchen in der Öffentlichkeit etwas zu nahe kommt: Mal betätschelt er sie, mal küsst er sie auf den Kopf, mal knetet er ihre Schultern. Im Frühjahr berichteten mehrere Frauen in den Medien über Belästigungen durch Biden. Wirklich geschadet hat ihm das anscheinend nicht: Der Politveteran steht weiterhin in allen Umfragen der demokratischen Präsidentschaftskandidaten auf Platz eins. Die meisten Demokraten sehen in Biden offenbar den einzigen Kandidaten, der Trump gewachsen ist.

Alter: 76

Position: Ehemaliger Vizepräsident und Senator aus Delaware

Wahlkampfthemen: Investitionen in die Bildung, Obamacare, Mindestlohn

Basis: Ältere und afroamerikanische Wähler, Gewerkschaftler aus dem Mittleren Westen, Obama-Fans, alle Demokraten, die die Partei in der politischen Mitte sehen, Christen

Spenden: 19,8 Millionen Dollar

Als Biden Ende April in einem Onlinevideo mit ernstem Ton seine Präsidentschaftskandidatur verkündete, gab er sich überzeugt davon, dass die Menschen in den vier Trump-Jahren irgendwann eine „Abweichung in der Geschichte“ erkennen würden. Nostalgie ist ein entscheidender Faktor in seiner Kampagne, er möchte das „Rückgrat von Amerika wiederherstellen“.

Wer Biden zuhört oder seine Kampagnenwebsite besucht, bekommt dagegen ein eher unpräzises Programm präsentiert: Höhere Steuern für Reiche? Ja, aber nur ein bisschen. Medicare for all? Nur als freiwillige Option. Beim Klimaschutz legte er erst nach parteiinterner Kritik einen detaillierten eigenen Plan vor. Demnach will Biden, dass die USA bis 2050 CO2-neutral und gleichzeitig Millionen neue Jobs geschaffen werden. Auch beim Thema Bildung liefert er schon eine detaillierte Agenda: mehr Gehalt für Lehrer, Aufwertung der Schulen in sozialen Brennpunkten, kostenloses Community College.

Abgesehen davon wirkt es so, als würde sich Biden stark darauf verlassen, dass das Land ihn als netten Kumpel von Obama sieht und schätzt. Auf Twitter postete Biden Anfang Juni zum wiederholten Male dasselbe Foto seines Joe-&-Barack-Freundschaftsbändchens. „Das ist ein Witz, oder?“, antwortete der ehemalige Obama-Berater David Axelrod. War es aber nicht.

Seine erste Wahlkampfveranstaltung hielt Biden in Pittsburgh, Pennsylvania, ab. Dort, im Mittleren Westen, sieht Biden, der von 1973 bis 2009 für Delaware im Senat saß, seine Stammwählerschaft: Arbeiter, Gewerkschaftler, Wechselwähler.

Und sonst so? Diese Kandidat*innen haben gute Chancen, 2020 gegen Donald Trump antreten zu dürfen

Biden ist kein begnadeter Redner – er tappt immer wieder in Fettnäpfchen und verrennt sich in Rechtfertigungen. Nach der ersten TV-Debatte der Demokraten verlor er massiv an Zustimmung. Und trotzdem schafft Biden es, viele Leute für sich zu erwärmen. Als 2015 sein Sohn Beau an einem Hirntumor starb, litten auch politische Gegner mit dem damaligen Vizepräsidenten. Es war nicht die erste Schicksalsnachricht für Biden: 1972 starben seine erste Ehefrau Neilia und seine Tochter Naomi bei einem Verkehrsunfall. „Wie Trauer zu Joe Bidens ‚Superkraft‘ wurde“, schrieb das Magazin „Politico“ Anfang dieses Jahres zynisch.

Biden steht für den „third way“, den dritten Weg, der eine Art Kompromiss zwischen linken Demokraten und rechten Republikanern markiert. Auf diesem Weg geht er in seine dritte Kandidatur: Bereits 1988 und 2008 versuchte Biden, Präsident zu werden, scheiterte aber frühzeitig. 2020 ist seine letzte Chance, bei Amtsantritt wäre er mit 78 Jahren der älteste US-Präsident der Geschichte. Seine lange Politikerkarriere ist somit vielleicht auch sein größter Schwachpunkt, denn Biden steht eher für die Vergangenheit als für die Zukunft. Während andere Kandidaten in den Medien gehypt, aber von den allermeisten Wählern ignoriert werden, wird Biden in den Medien stark kritisiert, aber von vielen Wählern geschätzt. Das erinnert in gewisser Weise an Trump.

Titelbild: Ronen Tivony/SOPA Images/LightRocket via Getty Images

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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