Thema – Integration

ABO
Mediathek

Von der Horror-Schule zum Vorzeigeprojekt

– so wird die Geschichte der Berliner Rütli-Schule gerne von den Medien erzählt. Wir haben drei Mädchen gefragt, die selbst auf der Schule waren. Sie sehen das etwas anders

Rütlischule

Ein Schülerleben ist es her, da berichteten Medien noch von der „Horror-Schule“ Rütli im Berliner Stadtteil Neukölln. Das ist heute nicht mehr so. Inzwischen wurde die Schule von einer Hauptschule in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt, die alle schulischen Abschlüsse bietet, und sie gilt als Vorzeigebeispiel für gelungene Bildungspolitik. Fragt man die Schülerinnen und Schüler, ist deren Wahrnehmung unterschiedlich: „Die Rütli ist ein Vorzeigeprojekt nach außen, aber von innen merkt man davon nichts“, sagt zum Beispiel Aisha, 19 Jahre alt. Wie also sehen sie die Erfolgsgeschichte ihrer Rütli-Schule?

 Sanela, 19 Jahre


„Früher war die Rütli-Schule schlimm, also die Schüler waren schlimm. Einige Lehrer hatten Angst, weil die Schüler sie zusammenschlagen wollten. Als ich an die Schule kam, war das schon nicht mehr so. Da hat man nichts mehr davon mitbekommen. Es wurde einem nur noch erzählt.

Ich bin dann vier Jahre auf die Rütli gegangen. Ich war immer schlecht und hatte keine Motivation. Und es gab Lehrer, die haben sich überhaupt nicht für mich interessiert. In der zehnten Klasse hat mir dann eine Lehrerin gesagt: ‚Du wirst es eh nicht schaffen. Wozu machst du noch weiter? Brich doch einfach ab.‘ 

Das hat mir den Rest meiner Motivation genommen. Und dann bin ich mit Mittlerem Schulabschluss von der Schule abgegangen. Jetzt mach ich an einer Berufsfachschule eine Ausbildung zur Sozialassistentin. Ich will danach Krankenschwester werden.“

In Interviews betont die bekannte Leiterin der Rütli-Schule, Cordula Heckmann, immer wieder ein Prinzip der Bildungspolitik: Keiner soll zurückbleiben. Auch wenn die Eltern Hartz IV bekommen, die Schule abgebrochen haben oder kaum Deutsch sprechen – die Kinder sollen trotzdem einen Schulabschluss erreichen können. Aber so einfach scheint das nicht zu sein: Die Zahlen der Schulabbrecher schwanken. Etwa jeder sechste Schüler verließ die Schule 2016 ohne Abschluss.

Aişe (18)

„Heute gehe ich in die elfte Klasse der Rütli-Schule. Wenn du dich an der Schule bewirbst, weißt du, was das für eine Schule ist. Ich habe geheult, als ich angenommen wurde. Und ich mache mir Sorgen, wie ich nach meinem Abschluss einen Job finden soll. Die meisten Leute reagieren total schockiert, wenn ich erzähle, dass ich zur Rütli gehe.

Aber die Schule hat sich geändert inzwischen. Ich will hier mein Abitur machen. Die Schule hat viel Geld bekommen in den letzten Jahren. Leider sehen wir davon nichts. Wir bräuchten zum Beispiel neue Computer in den PC-Räumen. Aber dafür ist kein Geld da, heißt es dann. Der Neubau nebenan ist das Erste, was man wirklich sieht. Aber der ist ja nicht für uns, sondern für die Jüngeren.

Immerhin habe ich jetzt ein Stipendium, das ist besonders für sozial schwache Schüler. Mit dem Geld will ich Koreanisch lernen. Ich will K-Pop verstehen und später mal was mit Sprache studieren. Bei der Bewerbung für das Stipendium haben mir die Leute in dem Mädchentreff ‚Reachina‘ geholfen, in den ich immer gehe. Sie haben mir Mathe-Nachhilfe gegeben und ein Empfehlungsschreiben ausgestellt.“

Die Medien berichten inzwischen positiver. Die Rütli-Schule ist zur Erfolgsstory geworden. Vor kurzem ist die bisherige Bezirksbürgermeisterin des Stadtteils, Franziska Giffey, zur Bundesfamilienministerin aufgestiegen. Man bescheinigte ihr „Brennpunkt-Erfahrung“. Sie habe die Rütli-Schule zum „Vorzeige-Campus“ gemacht und ein „Umdenken“ im Stadtteil bewirkt.

Es gab wichtige Veränderungen an der Rütli-Schule in den letzten Jahren. Aber viele dieser Veränderungen brauchen Zeit. Manchmal so viel Zeit, dass sie wohl erst den Schülern in ein paar Jahren nutzen werden. Bis dahin müssen die Schülerinnen und Schüler versuchen, die Erfolgsstory der Rütli-Schule auch zu ihrer eigenen Erfolgsstory zu machen.

Meltem (22)

„Ich habe mein Abitur an der Rütli-Schule gemacht, und es war damals schon so, dass die Schulleiterin sehr damit beschäftigt war, ihre Schule in den Medien gut aussehen zu lassen. Wenn wichtige Leute zu Besuch kamen, dann wurden die Fahnen auf dem Schuldach gehisst. Dann wusste man: Besuch ist im Haus. 

Aber die Schulleiterin war auch sehr streng, zum Beispiel beim Thema Rassismus. Wenn einer die anderen Schüler beschimpft hat, dann hat sie das nie durchgehen lassen. Sie hat das dann geklärt. Manche mussten die Schule auch verlassen. Wir Schüler haben auch sehr viel gemacht für diese Schule. Wir haben zum Beispiel unsere eigene Trommelgruppe aufgemacht. Manchmal denke ich, wir haben zu viel getan. Es hieß immer, wir kriegen neue Instrumente, aber die haben wir nie gekriegt. So ist zum Beispiel unser Steeldrum-Kurs verloren gegangen. Das fand ich traurig. 

Als wir Abitur gemacht haben, waren wir auf dem Titelbild einer großen Zeitung. Die Kommentare, die danach im Internet standen, haben mir echt gereicht: ‚Wieso die?‘ oder ‚Die haben das doch gar nicht verdient, die Scheißausländer‘. Da dachte ich dann wieder: Wieso war ich ausgerechnet auf dieser Schule?“

Die Zahl der Schulabbrecher steigt auch im Stadtteil seit fünf Jahren wieder an. Millionenschwere Bildungsprogramme für Berlin-Neukölln verpuffen scheinbar ohne greifbare Erfolge. Diese Dinge werden selten angesprochen, wenn es um das „Wunder von Neukölln“ geht. Kritiker bemängeln außerdem, dass inzwischen neue „Verlierer-Schulen“ entstanden seien, mit schwieriger Klientel und noch größeren Klassen als zuvor, sagt zum Beispiel der Gewerkschafter Norbert Gundacker, der den Rütli-Brandbrief 2006 an die Öffentlichkeit gebracht hatte. 

Was sichtbar wird, sind die Veränderungen im Stadtteil: Neukölln wandelt sich vom vernachlässigten und von Armut geprägten Viertel zum Szenekiez für Studenten und junge Familien – die Gentrifizierung macht auch vor Neukölln nicht halt, die Preise für Leben und Wohnen steigen, und nicht alle können mithalten. Die Rütli-Schule könnte aber davon langfristig profitieren. Für sie bedeutet das eine soziale Mischung ihrer Schülerinnen und Schüler. Und sie ist bestens vorbereitet: Wichtige Veränderungen wurden angepackt, und das Image der Schule hat sich ins Positive gedreht. Seit einigen Jahren gibt es wieder mehr Anmeldungen als Plätze an der Schule. 

Für die Schüler bedeuten die Veränderungen im Stadtteil kurzfristig aber erst einmal neue Probleme. Aişe und Sanela müssen bald umziehen. Ihre Familien haben die Kündigung erhalten, weil die Mietwohnungen zu Eigentumswohnungen umgewandelt werden. Ihrem Mädchentreff droht das gleiche Schicksal. Das Fazit von Meltem ist ernüchternd: „Es ist wie bei der Rütli. Es wird scheinbar was gemacht. Aber in Wirklichkeit müssen erst einmal alle raus.“ 

Was hat sich geändert an der Rütli-Schule?

Punkt 1: Mehr Neues: Etwa 32 Millionen Euro wurden in den „Campus Rütli“ investiert. Das Gelände ist einladend, die Schule wurde saniert. Ein Neubau nebenan soll im kommenden Jahr fertig werden. Die Verantwortlichen betonen, die Schule bekäme nicht mehr Geld als andere. Der Campus Rütli erhält auch Geld zum Beispiel von der EU und von privaten Stiftungen.

Punkt 2: Mehr Personal. Nach dem Brandbrief 2006 wurde die Rütli-Hauptschule mit zwei benachbarten Schulen zusammengelegt. Mehr Schüler bedeuteten auch mehr Sozialarbeiter. Und auch mehr interkulturelle Moderatoren, die bei Bedarf mit den Eltern auf Arabisch und Türkisch sprechen. Außerdem gibt es auf dem Gelände inzwischen Kitas und bald auch ein Stadtteilzentrum. Dadurch werden die Eltern von Anfang an stärker einbezogen. Und die Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen, haben nun bessere Chancen, es zu lernen, bevor sie in die Schule kommen.

Punkt 3: Mehr Vernetzung. Neu ist auch die „Pädagogische Werkstatt“, wo sich Lehrer über ihren Unterricht austauschen können. In monatlichen Planungsrunden setzen sie sich mit Mitarbeitern der Kitas, Schulen und Jugendeinrichtungen auf dem Gelände zusammen. Sie überlegen gemeinsam, welche Unterstützung ein Kind am meisten braucht – zum Beispiel Hausaufgabenhilfe, einen Lernpaten oder ein Stipendium. Diese Werkstätten sind ein Erfolgsmodell, und es gibt sie inzwischen an neun weiteren „Brennpunkt-Schulen“ in Deutschland.

Illustrationen: Tine Fetz

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
Meine Meinung dazu...
Die Angabe eines Namens ist freiwillig. Ich willige mit "Speichern" ein, dass die bpb den ggf. angegebenen Namen zum Zweck der Prüfung und Veröffentlichung meines Kommentars verarbeitet. Sie können diese Einwilligung jederzeit widerrufen. Ausführliche Informationen zu Datenschutz und Betroffenenrechten finden Sie hier: Datenschutzerklärung
Ludger Wedding
  ·  
25.07.2018-11:07

"Aişe und Sanela müssen bald umziehen. Ihre Familien haben die Kündigung erhalten, weil die Mietwohnungen zu Eigentumswohnungen umgewandelt werden."
So ein Satz ist schlicht und einfach ignorant oder pure Propaganda. Ich bin ein großer Gegner der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen - und gerade deshalb weise ich darauf hin, dass in Berlin ein genereller Kündigungsschutz und ein 10-jähriger Kündigungsschutz speziell wegen Eigenbedarfs bei der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen besteht. Miete geht immer vor Eigentum - außer bei Eigenbedarf. Und gerade da besteht ebendieser 10-jährige Schutz. Wenn sich Mieter*innen als Opfer fühlen und von unberechtigten Kündigungen einschüchtern lassen, sind sie schlicht nicht informiert. Auf einem anderen Blatt stehen Familien, die die Mieten aufgrund von Modernisierung nicht mehr bezahlen können. Das hat aber mit der Umwandlung in Eigentum zumindest juristisch nichts zu tun.