Lange nichts mehr von der "Spaßgesellschaft" gehört? Es war in den düsteren Zeiten von New Economy, Love Nation, Privatfernsehen und Extremsport, also in den 1990ern, als dieser Begriff durch die Feuilletons, Talkrunden, politischen Debatten und Clubs taumelte. Befreiende und tabulose Ironie, so wurde behauptet, begrüßt und beklagt, regle das gesellschaftliche Zusammenleben auf ähnliche Weise wie der Markt sich selbst. 

Von der "Spaßgesellschaft" spricht heute kaum noch jemand. Ein anderer Begriff, von dem man einigermaßen ironiefrei sagen kann, dass er bereits damals Ergänzung und Ausgleich zur Vorstellung von der Spaßgesellschaft darstellte, hält sich jedoch seither in der Debatte. Die Rede ist von der "Kontrollgesellschaft". Anders als bei dem Begriff der Spaßgesellschaft zeigt sich gerade in den aktuellen Debatten um "Überwachungsstaat", Datenschutz, Videoüberwachung oder die kapitalistische Durchdringung ehemals öffentlichen Raums, dass die Rede von der "Kontrollgesellschaft" zunehmend eine gesellschaftliche Entsprechung zu finden scheint.

Macht ist Teil des Systems

Der Begriff Kontrollgesellschaft kommt von dem französischen Philosophen Gilles Deleuze (1925-1995). In seinem Text "Postskriptum über die Kontrollgesellschaften" von 1990 baute Deleuze auf dem von Michel Foucault für europäische Gesellschaften des 18. und 19. Jahrhunderts beschriebenen Prinzip der "Disziplinargesellschaft" auf und erweiterte es für die modernen Gesellschaften hin zum Prinzip der Kontrollgesellschaften. 

Macht, so eine der zentralen Thesen des Textes, wird in der Kontrollgesellschaft weder von Individuen noch von Institutionen ausgeübt. Sie ist Teil des Systems, systemimmanent. Macht installiert sich in den modernen Gesellschaften als quasi automatischer Prozess, der andauernd von der Gesellschaft selbst angetrieben wird und dabei so schwierig zu sehen wie zu fassen ist. Und genau darauf beruht die Effizienz, die Wirksamkeit der Kontrollgesellschaft. Um die Geschichte dieser Effizienz zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf den Begriff der Disziplinargesellschaft zu werfen, der mit der Vorstellung der Kontrollgesellschaft verbunden ist.

Der Körper ist politisch

In seiner berühmten Untersuchung "Überwachen und Strafen" (1975), einem Buch über die Entwicklung des französischen Strafsystems, analysiert der französische Philosoph und studierte Psychologe Michel Foucault (1926-1984) die Entwicklungen disziplinarischer Maßnahmen des 18. und. 19. Jahrhunderts. Dreh- und Angelpunkt in "Überwachen und Strafen" ist der menschliche Körper als Ort dessen, was als "Seele", "Individuum" oder "Subjekt" bezeichnet wird. Foucault geht es dabei um den Zusammenhang zwischen dem ökonomischen Wert des Körpers und dem ökonomischen Nutzen, der sich aus dessen Arbeitskraft ergibt: "Der Körper steht [...] unmittelbar im Feld des Politischen; die Machtverhältnisse legen ihre Hand auf ihn; sie umkleiden ihn, markieren ihn, dressieren ihn, martern ihn, zwingen ihn zu Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen." 

Die Ablösung der Marter durch die Haft beschreibt Foucault als Prozess der Entdeckung des Individuums. Dazu gehört dann auch eine Entdeckung der Seele beziehungsweise des "Subjektes". Diese Reformen des Strafsystems setzten dabei nicht so sehr auf gerechtere Prinzipien, sondern auf die "Etablierung einer neuen 'Ökonomie' der Strafgewalt und die Gewährleistung einer besseren Verteilung der Gewalt". Diese Zweckmäßigkeit und Effizienz durchdrang, so Foucault, den Gesellschaftskörper von da an gleichmäßig. Und zwar auch außerhalb der Gefängnisse, nämlich in den Körpern aller Subjekte der Gesellschaft. Die Gesellschaft selbst ist zur "Disziplinargesellschaft", zum Gefängnis geworden, so könnte man Foucaults These verknappen.

Totale Institutionen

An dieser Stelle setzt der Text Gilles Deleuzes zur Kontrollgesellschaft an. Deleuze, der mit Foucault freundschaftlich verbunden war und dessen gemeinsam mit Félix Guattari verfasstes Buch "Anti-Ödipus" von Foucault als eine Quelle für "Überwachen und Strafen" genannt wird, geht davon aus, dass die bei Foucault beschriebenen disziplinierenden "totalen Institutionen", Schule, Kirche, Krankenhaus, Gefängnis und Familie, in eine Krise geraten sind und nur durch beständige Reformen künstlich am Leben erhalten werden: "Eine Reform nach der anderen wird von den zuständigen Ministern für notwendig erklärt: Schulreform, Industriereform, Krankenhausreform, Armeereform, Gefängnisreform. Aber jeder weiß, dass diese Institutionen über kurz oder lang am Ende sind. Es handelt sich nur noch darum, ihre Agonie zu verwalten und die Leute zu beschäftigen, bis die neuen Kräfte, die schon an die Türe klopfen, ihren Platz eingenommen haben." 

Dass es sich bei diesen neuen Kräften nicht mehr – nur – um Organe staatlicher Machtausübung handelt, macht Deleuze unmissverständlich klar: "Die Eroberung des Marktes geschieht durch Kontrollergreifung und nicht mehr durch Disziplinierung", schreibt er. Damit ist auch gesagt, dass sich Macht nicht mehr (nur) durch Strafe oder deren Androhung regelt, sondern vor allem durch den Verbrauch von Waren und einer Vorstellung, als Subjekt selbst Ware zu sein, die einer andauernden Selbstkontrolle unterliegt: "In den Disziplinargesellschaften hörte man nie auf anzufangen (von der Schule in die Kaserne, von der Kaserne in die Fabrik), während man in den Kontrollgesellschaften nie mit irgend etwas fertig wird: Unternehmen, Weiterbildung, Dienstleistung."

Tapetenwechsel

Diese Aussage griffen die Autoren Tom Holert und Mark Terkessidis 1996 in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband "Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft" auf. Der Reader, in dem rund ein Dutzend Autorinnen und Autoren über Cultural Studies, Schlager, Techno oder Science Fiction unter dem Aspekt der Kontrollgesellschaft schrieben, geht von der Beobachtung aus, dass Spaß "eine endloseRessource sowohl für Produktion als auch Konsumption" geworden sei. Denn "während in der Disziplinargesellschaft Arbeit und Erholung strikt getrennt waren, sieht Arbeit heute aus wie Freizeit und Freizeit wie Arbeit". 

Fragen wie "Sehe ich noch gut genug aus? Bin ich noch beweglich genug? Bin ich nicht zu alt für einen neuen Job? Habe ich diese Tapete nicht schon seit Jahren?" würden dabei als Instrument ständiger (Selbst-)Kontrolle nicht nur einer auf Konsum getrimmten Gesellschaft Jugendlichkeit als Zielvorgabe setzen, sondern trügen dadurch auch zur Abschaffung von Jugend bei. Seitdem, lautet die Schlussfolgerung, ist auch Pop ganz schön alt geworden. 

Dabei mag dies nicht einmal das größte Problem des Lebens in der Kontrollgesellschaft sein. Denn für das technische Szenario absoluter Kontrolle erahnt Deleuze eine Stadt, "in der jeder seine Wohnung, seine Straße, sein Viertel dank seiner elektronischen (dividuellen) Karte verlassen kann, durch die diese oder jene Schranke sich öffnet; aber die Karte könnte auch an einem bestimmten Tag oder für bestimmte Stunden ungültig sein; was zählt, ist nicht die Barriere, sondern der Computer, der die – erlaubte oder unerlaubte – Position jedes Einzelnen erfasst und eine universelle Modulation durchführt." 

Die Anzahl der Chipkarten, die man als Individuum im Alltag benötigt, hat sich seit 1990 tatsächlich ebenso vervielfacht wie die Möglichkeiten, auf die Chipkartenbesitzer/innen Kontrolle auszuüben: zum Beispiel die Praxis der Erstellung von Kundinnen- und Kundenprofilen über so genannte Payback-Karten. Wenn Deleuze von "dividuellen", also teilbaren Karten spricht, fallen jedoch auch andere akuelle Kartentypen ein, die einer noch effizienteren Kontrollsituation zuarbeiten könnten: die "Google Street View"-Autos, die dieser Tage durch die Städte fahren, um Ansichten von Straßenpanoramen digital auf Google Mapsund Google Earth verfügbar zu machen, erstellen Karten, die "dividueller", also weltweit teilbarer sind, als dies vor knapp 20 Jahren denkbar gewesen wäre.

Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (Suhrkamp Taschenbuch 1993, 408 S., 11.50 €)

Gilles Deleuze: Unterhandlungen 1972–1990, darin: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften (Edition Suhrkamp 1993, 272 S., 11 €)


Tom Holert/Mark Terkessidis (Hg.): Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft (Edition ID Archiv 1996, 190 S., vergriffen, gebraucht bei zvab.de oder amazon.com).

 

http://querdurch.hfbk.net
Virtualität und Kontrolle. Internationales Symposium zu den Kontrollgesellschaften vom November 2008

www.surveillance-studies.org
Technologie und Kontrolle: Surveillance Studies. Das Forschungsnetzwerk zu Überwachung

www.nadir.org
Gilles Deleuze: "Postskriptum über die Kontrollgesellschaften"

Martin Conrads lebt als Journalist in Berlin.