Karen Eliot kann eigentlich jeder sein. Das Sammelpseudonym benutzen vor allem Kulturschaffende und Künstler als subversiven Akt. Bei vielen Karen Eliot-Aktionen geht es darum, das Internet als künstlerisches Medium zu verwenden. Häufige Themen sind Urheberrecht, Überwachung und Selbststdarstellung im Internet. Unter dem Namen Power_seller_08 hat Karen Eliot in Sweatshops gefertigte Kleindungsstücke bei Ebay angeboten und dabei die Entstehungsgeschichte des Artikels im Angebot aufgeschrieben. Als Karen Eliot 2012 ein Stipendium bekam, wurde das Geld im Rahmen einer Gruppenausstellung unter lokalen Künstlern geteilt.


 

Fluter.de: Karen, seit 2012 kann jeder, der will, deinen Facebook-Account verwenden. Wie, bitte schön, bist du denn auf die Idee gekommen?​

Karen Eliot: Während meines Kunststudiums in Köln habe ich mich mit Machtstrukturen und Überwachung beschäftigt. An der Uni Köln können einige wenige, wenn sie sich sehr anstrengen, einen Ausstellungsplatz auf der Art Cologne bekommen. Und schon vom ersten Semester an denken alle, sie müssen das unbedingt schaffen, sonst versauen sie sich ihre Karriere. Als ich mein Diplom gemacht habe, bekam ich dann die Gelegenheit, auf der Messe eine Arbeit auszustellen. Ich habe den Platz angenommen, aber über Facebook verlost.Fluter.de: Karen, seit 2012 kann jeder, der will, deinen Facebook-Account verwenden. Wie, bitte schön, bist du denn auf die Idee gekommen?

Wie hast du das gemacht?

Die Leute sollen nicht ihre Arbeit zeigen, wie das so üblich ist in der Kunst, sondern erklären, was an ihnen besonders ist. So wie in einer Castingshow. Und der, der die meisten Likes bekommt, gewinnt den Platz. Für diese Aktion habe ich den Namen Karen Eliot verwendet ...

... ein kollektives Pseudonym, das oft von Künstlern genutzt wird.

Genau. Und daraufhin habe ich beschlossen, meinen bisher privaten Facebook-Account zu öffnen, indem ich das Passwort ins Profilbild stelle, damit alle, die wollen, ihn nutzen können.

Hattest du keine Angst, dass die Leute Unsinn damit anstellen?

Nein. Vor den anderen Menschen muss man keine Angst haben, sondern vor Sachen wie Scoring. Das ist, wenn etwa Banken oder Versicherungen einen Wert anhand von den Daten erheben, die wir im Netz hinterlassen. Da droht uns eine krasse Kontrollgesellschaft. Ein kollektiv genutzter Account ist ein Gegenentwurf zu so einer Überwachung.

Das musst du erklären.

Der Karen-Eliot-Account ist nicht überwachbar. Weil er von vielen genutzt wird, kann man da nichts auswerten oder verkaufen. Targeted Advertising funktioniert nicht. Jegliche Art von Tracking genauso wenig. Die Daten sind komplett wertlos. Ich habe da für mich auch gelernt zu vertrauen. Ich benutze den Account nach wie vor privat, man kann meine Gespräche mitverfolgen. Die meisten Leute haben wahnsinnig viel Respekt vor anderen. Richtig schlimme Posts oder Löschungsversuche kommen sehr selten vor.

Oft werden die sozialen Medien für eine allgemeine verbale Verrohung verantwortlich gemacht. Teilst du diese Einschätzung?

Bei einem eigenen Account ist das vielleicht so. Da kann man weitgehend machen, was man will. Bei Karen Eliot ist das anders. Wer da Hasskommentare postet, riskiert, dass der Account für ein paar Tage offline ist. Grundsätzlich ist es für mich nicht die Frage, ob Social Media gut oder schlecht ist, sondern wofür wir es verwenden.

Wer waren die ersten Karen-Eliot-Nutzer?

Das hat sich aus meinem Freundeskreis entwickelt. Aber schnell geöffnet. Ein paar von diesen Sammelpseudonymen wie Karen Eliot, Luther Blisset oder Monty Cantsin sind ja bereits eine weltweite Community. Viele nutzen ihn, die aus Prinzip keinen eigenen Facebook-Account haben. Um Nachrichten zu lesen, Events mitzukriegen.

Was wird denn so gepostet auf dem Account?

Sehr viel genutzt wurde der Account zu der Zeit von Occupy. Weil die Bewegung ähnlich funktioniert hat wie das Projekt: ohne Leute, die das anführen. Oft auch, um Flashmobs zu organisieren. Das hängt dann nicht an einem persönlich. Die Themen entwickeln sich generell parallel zu den politischen Ereignissen. Nach Occupy kam der NSA-Skandal und ein großer Aufschrei gegen Überwachung. Bei #StopWatchingUs war der Account ziemlich groß dabei. Dann waren die Montagsdemos, aus denen sich Pegida entwickelt hat, ein großes Thema. Ich untersuche gerade, ob eine kollektive Identität wie Karen Eliot auch eine Persönlichkeitsentwicklung durchlebt.

„Ein offenes System funktioniert nicht mit Zensur. Es ist ja niemand da, bei dem man sich beschweren könnte.“

Und in welcher Phase wäre Karen Eliot jetzt?

Ich habe das Gefühl, dass sie die Pubertät überwunden hat. Letztes Jahr hat sich die Stimmung auf dem Facebook-Account extrem aufgeheizt. Im Frühling bis Sommer haben mal Leute Hakenkreuze gepostet. Und ich habe sogar Mord- und Vergewaltigungsdrohungen bekommen. Jetzt ist es wieder viel ruhiger.

Wie hast du auf die Hakenkreuze reagiert?

Ein offenes System funktioniert nicht mit Zensur. Es ist ja niemand da, bei dem man sich beschweren könnte. Und ich kann nichts verbieten, ich kann das höchstens übertönen. Die meisten aus dem linken Spektrum regen sich fürchterlich auf und wollen den Account löschen.

Was machst du, wenn das jemand versucht?

Ich mach ihn selbst für ein paar Tage dicht. Ich hab bei Facebook meine Telefonnummer hinterlegt – was für mich als Antiüberwachungsaktivistin natürlich ein Witz ist. Dadurch kriege ich eine Nachricht, wenn jemand versucht, das Passwort zu ändern oder das Konto zu löschen. Ich kann das zurücksetzen, und nach ein paar Tagen mach ich den Account wieder auf. Ich würde aber nichts zensieren.

Auch keine Nazipositionen?

Wenn man dagegen argumentieren möchte und nicht einfach nur draufhauen, dann muss man die Positionen verstehen. Das heißt ja nicht, dass man das gutheißt oder gar unterstützt. Im Gegenteil. Karen Eliot hat offene Arme für jede Form von Anderssein. Das ist das Gegenteil von Faschismus. Eine Haltung, mit der ich leben kann.

Aus der Politik und Teilen der Gesellschaft kommt immer wieder die Forderung an Facebook, Hasskommentare zu löschen. Wie ist deine Haltung dazu?

Wo fängt man da an? Wo hört man auf? Man kann Menschen mit Worten verletzen. Und es gibt bestimmt Sachen, die löschenswert sind. Grundsätzlich finde ich aber Diskussion immer besser. Die hohen Ergebnisse der AfD gerade liegen bestimmt auch daran, dass die Leute sich nicht trauen, ihre Meinung offen auszusprechen, und aus Trotz machen sie dann, wenn sie alleine in ihrer Wahlkabine sitzen, das Kreuz bei der AfD.

Mark Zuckerberg war neulich in Berlin und traf Facebook-Nutzer zu einer Fragerunde. Besonders kritisch ging es da nicht zu. Unter anderem wollte jemand wissen, wie gut er das Wickeln seiner Tochter Max beherrscht. Was hättest du ihn gefragt?

Ich hätte ihn natürlich eingeladen, sich als Karen einzuloggen.

Was passierte eigentlich auf der Art Cologne, nachdem du deinen Platz auf Facebook verlost hast?

Da musste die Feuerwehr anrücken.

Oh. Warum das denn?

Es gab viel Ärger. Es hat ein Typ gewonnen, der das System gehackt und sich ganz viele Likes gegeben hat. Seine Arbeit, die er auf der Messe ausgestellt hat, war ein Haufen Geld, der zusammengeklebt war und an dem ein Schild hing, auf dem stand: „Zu verschenken“. Irgendjemand hat schließlich versucht, den Geldhaufen, der auf eine Bodenplatte geklebt war, abzureißen und mitzunehmen. Aber da drin war so ein stinkendes Zeug, wahrscheinlich Buttersäure. Solche Sachen passieren.