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Fünf Minuten für die Zeitumstellung

Während die EU-Kommission prüft, welche Auswirkungen die Zeitumstellung hat, haben auch wir uns schon mal schlau gemacht. Was soll die Sommerzeit bringen? Wie reagieren Menschen und Tiere darauf? Und wie handhaben andere Länder das Thema?

Junge und Kuh schlafen

Wird die Sommerzeit bald abgeschafft?

384 Abgeordnete des EU-Parlaments stimmten im Februar dafür, 154 dagegen, die Sommerzeit und ihre Auswirkungen zu prüfen. Jetzt ist die EU-Kommission an der Reihe. Kommen die von ihr beauftragten Experten zu dem Ergebnis, dass die Nachteile überwiegen, geht sie mit den Mitgliedsstaaten in Verhandlungen. Wird man sich einig – was allerdings ein bisschen dauern kann –, könnte die Sommerzeit EU-weit tatsächlich abgeschafft werden.

Was spricht gegen die Sommerzeit?

Wird eine Kuh plötzlich eine Stunde früher gemolken als sonst, gibt sie tagelang weniger Milch

Viele Experten argumentieren, dass die Zeitumstellung körperlich für Mensch und Tier schwierig ist: Sie soll zum Beispiel für einen kollektiven Jetlag sorgen, das Herzinfarktrisiko in der Bevölkerung steigern und zu Verlusten in der Landwirtschaft führen. Letzteres ist bewiesen: Wird eine Kuh plötzlich eine Stunde früher gemolken als sonst, bringt das ihren Biorhythmus derart durcheinander, dass sie tagelang weniger Milch gibt. Viele Landwirte „verteilen“ die Zeitumstellung deshalb auf mehrere Tage, melken also jeden Tag ein bisschen früher, bis die Stunde voll ist. Eine weitere Annahme, die besagt, dass es durch die Zeitumstellung zu mehr Verkehrsunfällen kommen soll, ist dagegen umstritten.

Was spricht dafür?

Längere Sommertage sind gut gegen Depressionen, argumentieren Befürworter, zumindest aber eine angenehme Abwechslung. Weil die Wachphase der meisten Menschen in die helle Phase des Tages verschoben wird, bekommen sie automatisch mehr natürliches Licht ab. Ist es nach Feierabend noch hell und lau, steigt auch die Motivation, aktiv zu sein oder Sport zu treiben.

Das Argument, durch die saisonale Zeitumstellung würde Energie gespart, hält sich hartnäckig. Sowohl das deutsche Umweltbundesamt als auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft kommen aber zu dem Schluss, dass es keinen nennenswerten Effekt gibt. Zwar wird durch die verminderte Beleuchtung tatsächlich etwas Strom gespart – der „Mehrverbrauch an Heizenergie durch Vorverlegung der Hauptheizzeit“ kompensiert das Ganze aber wieder, teilte die Bundesregierung mit.

Sollte die Zeitumstellung abgeschafft werden?

Wer hat’s erfunden?

Zum ersten Mal wurde die Uhrzeit am 30. April 1916 im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn umgestellt. Die Rüstungsindustrie verschlang große Mengen an Brennstoff, außerdem verhinderte die Seeblockade der britischen Royal Navy den Import von Petroleum (zum Befüllen von Lampen) und Paraffin (zum Ziehen von Kerzen). Auf Vorschlag Henry von Böttingers, Mitglied des Preußischen Herrenhauses, beschloss die Reichskanzlei schließlich, das Tageslicht in den Sommermonaten bestmöglich zu nutzen: Der Arbeitsalltag sollte bei natürlichem Licht beginnen und bei natürlichem Licht enden. Bald führten auch gegnerische Kriegsparteien die Sommerzeit ein. Nach Kriegsende schaffte man sie wieder ab – und führte sie im Zweiten Weltkrieg wieder ein. Die USA stellten während des Zweiten Weltkrieges die Uhren sogar ganzjährig vor und nannten die Praxis „War Time“. In Deutschland galt in der Nachkriegszeit, genauer im Jahr 1947, gar eine „Hochsommerzeit“: Für mehrere Wochen wurden die Uhren eine weitere Stunde vorgestellt.

Seit wann gilt in Deutschland die Sommerzeit, wie wir sie kennen?

1950 wurde die Sommerzeit in Deutschland abgeschafft und erst 30 Jahre später, als Reaktion auf die Ölkrise der 70er-Jahre, wieder eingeführt. Seit 1996 ist die Sommerzeit in allen Ländern der Europäischen Union einheitlich geregelt, um den Binnenmarkt zu harmonisieren. Davon abgesehen, dass eine EU-Richtlinie es untersagt: Die Sommerzeit im Alleingang wieder abzuschaffen würde handels- und reisetechnisch im Chaos enden.

DST Countries Map.png
By TimeZonesBoy - Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Die blau und orange markierten Länder stellen die Uhr zweimal im Jahr um. Die hellgrauen Länder haben die Sommerzeit abgeschafft, die dunkelgrauen sie gar nicht erst eingeführt. 

Wie gehen andere Länder mit der Sommerzeit um?

Weltweit ist die saisonale Zeitumstellung auf dem Rückzug

Die saisonale Zeitumstellung ist vor allem in Europa und Nordamerika verbreitet, weltweit ist sie aber auf dem Rückzug. Russland etwa kehrte 2014 zur ganzjährigen Normalzeit zurück. Zuvor hatte Wladimir Putins Vorgänger Dmitri Medwedew drei Jahre lang die ganzjährige Sommerzeit ausprobiert; das Experiment fand wenig Anklang, weil es dadurch im Winter morgens länger dunkel blieb.

Die Türkei wiederum erklärte 2016 die Sommerzeit zu ihrer Standardzeit. Und in Israel läuft es noch mal anders: Nach dem Zweiten Weltkrieg führten die Briten, unter deren Mandat Palästina damals stand, in der Region die Sommerzeit ein. Seit der israelischen Staatsgründung 1948 protestieren religiöse Vertreter dagegen – unter anderem, weil sich jüdische und muslimische Gebets- und Fastenzeiten nach dem Sonnenstand richten. 2005 einigten sich die säkularen und religiösen Parteien in der Knesset, die Sommerzeit immer vor dem Feiertag Jom Kippur zu beenden, damit das Warten auf das abendliche Fastenbrechen nicht zu lange dauert. Das Problem: Manchmal fällt der Feiertag auf Mitte September, manchmal auf Mitte Oktober. 2013 entschied man schließlich, die Uhren einfach immer am letzten Sonntag im Oktober umzustellen – so wie es mittlerweile auch alle EU-Mitgliedsstaaten machen.

Die Palästinensische Autonomiebehörde wiederum unterbrach 2011 die Sommerzeit kurzerhand für die Zeit des Ramadan. Und in der Geburtskirche in Bethlehem und in der Grabeskirche in Jerusalem gilt die Sommerzeit überhaupt nicht – auf den Parkplätzen davor dann aber schon.

Titelbild: Art Phaneuf / Alamy Stock Photo

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

5 Kommentare
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Meenhard Fokken
  ·  
06.07.2018-02:07

Ich finde es aus gesundheitlichen Gründen wichtig das Tageslicht zu nutzen. Die Natur hat die dunkle Tageszeit als Schlafzeit vorgesehen. Die Zeitumstellung bereitet jedoch offenbar vielen Menschen ein wenig Stress. Daher bin ich für eine ganzjährige Sommerzeit. Damit es im Winter morgens schneller hell wird kann man die Schulen, die Arbeits- und Öffnungszeiten je nach Bedarf im Winter eine Stumde später beginnen lassen.

Ella Dn
  ·  
14.09.2018-06:09

Scheinbar haben Sie nicht bedacht, dass es mit der Sommerzeit im Winter erst um 9 Uhr hell wird... Sehr interessant, dass Sie so lange schlafen! Und wer will schon eine Stunde früher anfangen?! Jeder ist froh früh Zuhause zu sein, damit noch Zeit für die Familie da ist. Oder damit die Kinder sich noch mit Freunden treffen können.
Erst denken, dann handeln...

TS
  ·  
10.10.2018-08:10

Wo liegt denn bitteschön der große Unterschied, wenn die Zeitumstellung nicht mehr da ist, man dafür aber eine Stunde später zur Arbeit geht? Daß würde den Rhythmus ja auch wieder ändern. Ich mag es, wenn es im Sommer lange hellen ist und ich noch etwas mehr vom Tag habe. Gleichzeitig mag ich es, wenn es morgens hellen ist, wenn ich aufstehe. Dieses Gerede über Jetleg und den Biorhythmus finde ich etwas überzogen. Es geht gerade mal um eine Stunde. Geht ihr alle jeden Tag zur gleichen Minute ins Bett und steht jeden Tag, auch am Wochenende zum gleichen Zeitpunkt auf? Ich glaube nicht und das bringt euch doch auch nicht durcheinander.

Ed Kellberg
  ·  
25.09.2018-03:09

Interessant, aber leider falsch, die diesjährige Sommerzeit in Israel geht bis zum 28.10.2018, Yom Kippur war dieses Jahr aber schon am 19.9.

fluter-Redaktion
  ·  
26.09.2018-03:09

Hallo Ed,
danke für den Hinweis. In dem Verweis auf den frühen Feiertag lag auch schon die halbe Lösung des Konflikts:

Weil Jom Kippur mal früher, mal später stattfindet (und er Unterschied ganz schön krass ist), entschied die Knesset 2013, den Zeitpunkt der Zeitumstellung zu vereinheitlichen. Jetzt findet sie immer am letzten Sonntag im Oktober statt. Wir haben die Stelle korrigiert. Danke!