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Legale Hausbesetzung

Der Traum vieler Kreativer: kostenlos in Leipzigs leer stehenden Gebäuden wohnen und arbeiten. Doch die Zeit des großen Leerstands ist langsam vorbei. Ein Besuch im Wächterhaus

Wächterhaus (Foto: Thomas Victor)

Raus aus der restaurierten Altstadt Leipzigs und dem hippen Teil der Stadt geht es mit der Tram in Richtung Osten. Der Weg führt über eine lange Brücke, die das Gefühl der Abgeschiedenheit verstärkt. Nächste Station: Stannebeinplatz. Wo sich drei Grauhaarige auf einer Parkbank mit Bier zuprosten, an dem sich in einem Imbiss Asia Wok und Döner paaren. Hier steht ein Eckhaus, dessen Erdgeschoss eine Spielothek beheimatet und das ansonsten von „Hausbesetzern“ instand gehalten wird – ganz legal.

„Wächterhaus“ prangt in großen Buchstaben auf einem gelben Banner, das über die Fassade von Haus Nummer 13 gespannt ist. Dahinter verbirgt sich ein Konzept, das eine Gruppe von Leipziger Stadtplanern und Architekten 2003 entwickelt hat. Sie wollten die etwa 2.000 unsanierten Gründerzeithäuser vor Verfall oder drohendem Abriss retten – und zugleich Stadtteile beleben und Existenzgründern günstigen Raum zur Entfaltung bieten. 

Mit einem „Female DJ Workshop“ Arbeit für den Stadtteil leisten

Seit 2005 macht der Verein „HausHalten“ die Eigentümer leer stehender Gebäude ausfindig und bringt sie mit kreativen Nutzern zusammen, die sich für eine bestimmte Zeit um den Erhalt der Räume kümmern. Dafür müssen die Eigentümer nicht aufwendig renovieren, wie für reguläre Mieter, sondern lediglich Strom und Wasser wieder anschließen. Und die Wächter müssen außer den laufenden Betriebskosten kaum oder gar keine Miete zahlen. Insgesamt wurden auf diesem Weg 18 Wächterhäuser gegründet. Wohnen darf man in ihnen nur in Ausnahmefällen oder in Verbindung mit einer künstlerischen oder sozialen Nutzung.

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Etagenklo im Wächterhaus

DIY-Style: Das Klo für die gesamte Etage mussten die Wächter selbst einbauen

Meist sind es Gebäude an Hauptverkehrsstraßen oder Eckhäuser, die schwer zu vermieten sind. So wie das Wächterhaus am Stannebeinplatz, wo 2014 die Projektwohnung „Krudebude“ eingezogen ist. „Ziel war es, jungen Künstlern einen Raum zu geben, in dem sie sich entfalten können. Mit Veranstaltungen und Workshops sollten sie auch Stadtteil-Arbeit leisten“, erzählt Nora. Heute empfängt sie, 28 Jahre, gemeinsam mit Ann-Katrin, 26 Jahre, in dicker Jacke und Wollschal in der Dreizimmerwohnung im Wächterhaus. 

Es ist kalt, draußen wie drinnen. Geheizt wird noch mit Kohle. Und die alten Kachelöfen brauchen lange, um warm zu werden. „Eigentlich sind wir gegen Braunkohle und für den Hambacher Forst, daher suchen wir gerade nach alternativen Heizmöglichkeiten. Vielleicht mit Holzbriketts“, sagt Ann-Katrin. Nächste Woche soll im Plenum darüber diskutiert werden.

Die beiden Wächterinnen sind für das Studium nach Leipzig gezogen, so wie alle ihre Bekannten. Gebürtige Leipziger kennen sie nur aus der Nachbarschaft des Wächterhauses. Hier im Nordosten Leipzigs leben viele Alteingesessene, die die Verdrängung fürchten: Da, wo restauriert wird, steigt auch die Miete; da, wo es noch roh und unfertig, ja krude ist, ändert sich an der Miete nichts. Für die drei Zimmer zahlt Krudebude 300 Euro monatlich. Der gemeinnützige Verein finanziert sich durch Spenden. „Tools for Fools“ heißt einer der Workshops, den sie in ihrer Krudebude anbieten: Bewohner aus dem Viertel und aus anderen Stadtteilen Leipzigs sollen sich dabei begegnen – zum Beispiel durch einen „Kimchi und Kraut Workshop“ oder einen „Female DJ Workshop“. 
 

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Wächterhaus (Foto: Thomas Victor)

Ziehen sich warm an: Ann-Katrin und Nora im noch mit Kohle beheizten Wächterhaus

Auch andere ostdeutsche Städte wie Erfurt, Chemnitz oder Dresden haben das Modell der Wächterhäuser aufgegriffen. In Leipzig sind inzwischen fast alle Bauten aus der Gründerzeit saniert, vier Wächterhäuser gibt es noch. „Die Zeiten des großen Leerstands sind schon länger vorbei“, sagt Roman Grabolle vom Netzwerk „Leipzig – Stadt für alle“. „Nur noch etwa zwei Prozent der Wohnungen, die vor dem Bezug einer umfassenderen Sanierung bedürfen, stehen zurzeit leer.“ 

„Ist Leipzig noch zu retten?“, fragte das Fernsehen 1989. Heute wächst Leipzig so rasant, dass es liebevoll Hypezig genannt wird

Ganz anders als direkt nach der Wende, als etwa 100.000 Wohnungen in Gründerzeitbauten sanierungsbedürftig waren. 1989 stellte ein Fernsehbeitrag die Frage: „Ist Leipzig noch zu retten?“ Bilder von tristen Straßenzügen, verlassenen, verwahrlosten Wohnungen und Läden, von bröckelndem Putz an maroden Fassaden, von eingeschlagenen Fensterscheiben gingen um die Welt. Heute weisen die Altbauten in die Zukunft. Leipzig ist eine der am schnellsten wachsenden Städte Deutschlands, manche nennen es liebevoll Hypezig. Die Kaufpreise für unsanierte Altbauten haben sich hier in den vergangenen fünf Jahren mehr als vervierfacht. 

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Wächterhaus (Foto: Thomas Victor)

Leerstand im Leerstand: von einst 18 Wächterhäusern gibt es heute noch vier

Insgesamt acht Jahre können die Wächter am Stannebeinplatz bleiben. Was danach mit dem Haus geschieht, ist unklar. Im besten Fall bekommen die Zwischennutzer auch nach der Laufzeit günstige Konditionen – oder ein Kollektiv kauft gleich das ganze Haus. Es gab aber auch schon Fälle, bei denen die Gebäude danach klassisch saniert wurden und keine Übernahme möglich war.

Doch das Ungewisse scheint nicht abzuschrecken: Momentan gibt es etwa 900 Interessenten, die Hauswächter werden wollen. Bei den meisten von ihnen muss der Wunsch in einer anderen, kleineren Stadt erfüllt werden – dort, wo es mehr Leerstand als in Hypezig gibt. 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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