In Regensburg gibt es für nur 157. 000 Einwohner ganze 13 Yogastudios – und das sind nur die, die im Telefonbuch stehen. In Duisburg teilen sich fast eine halbe Million Menschen – ebenfalls laut Telefonbuch – ein einziges. Warum ist das so? Es hat viel mit der Anwesenheit oder Abwesenheit einer ganz bestimmten Altersgruppe in einer Stadt zu tun: den 30- bis 35-Jährigen, von denen es in Deutschland mal deutlich mehr gab.

Yogastudios, ebenso wie Biomärkte, werden dort gebaut, wo ihre Zielgruppe lebt. Und das sind vor allem Menschen zwischen 30 und 35, die gerade voll ins Berufs- und Familienleben starten. Die wohnen indessen nicht gleichmäßig übers Land verteilt. Vielmehr sammeln sie sich wie ein Schwarm in einigen wenigen Städten.

Das zeigt ein Blick in die Bevölkerungsstatistik: In Deutschland gab es im Jahr 2013 nur 19 Städte, in denen die 30- bis 35-Jährigen über acht Prozent der Bevölkerung ausmachten. Regensburg ist eine der 19 – Duisburg nicht. Ganz vorne liegt Frankfurt am Main mit gut 9,5 Prozent, danach folgen München (9,47 Prozent) und Heidelberg (9,28 Prozent). Neben Großstädten sind auch viele kleine Universitätsstädte vertreten, etwa Leipzig, Jena oder Mainz. Der Bevölkerungsforscher Harald Simons, der das Phänomen entdeckt hat, nennt diese Orte „Schwarmstädte“.

Wer umzieht, möchte gern in einer gefühlt „hippen“ Stadt leben. Soweit klar. Nur: Was macht eine Stadt „hip“? Für Simons ist klar: Es sind nicht Yogastudios oder Biomärkte. Für Leute um die dreißig ist es vor allem die Zahl der Altersgenossen in einer Stadt, die diesen Ort für sie attraktiv macht.

Denn wenn sich an einem Ort viele junge Leute sammeln, sagt Simons, „dann ändern sie dort das öffentliche Leben nach ihren Vorstellungen.“ Soll heißen: Nette Cafés, Kneipen, Yogastudios und Biomärkte ziehen ihnen hinterher. Wer schon einmal durch In-Viertel wie Berlin-Friedrichshain gezogen ist, weiß, wie das aussieht.

Wer jetzt glaubt, es habe die jungen Leute halt schon immer in die Städte gezogen, täuscht sich. Denn erst seit einigen Jahren ballen sie sich so stark zusammen. 2013 gab es 19 Städte mit mehr als acht Prozent 30- bis 35-Jährigen. 2000 waren es 192 – mehr als zehn Mmal so viele. Jeder, der schon mal den Begriff „demografischer Wandel“ gehört hat, kann ihn hier am Werke sehen.

Eben dieser demografische Wandel bildet die Grundlage für einen selbstverstärkenden Effekt: Die Generation der 30- bis 35-Jährigen ist zur Minderheit geworden und findet kaum noch Leute in ihrem Alter. Diese Altersgruppe war im Jahr 2013 um ein Viertel kleiner als im Jahr 2000. Und weil sie weniger geworden sind, aber am liebsten unter ihresgleichen leben möchten, fliehen immer mehr von ihnen dahin, wo auch die anderen schon sind: in Schwarmstädte, nach „Hipsterhausen“.








 

Interview

Der Ökonom Harald Simons forscht zum Wanderungsverhalten junger Menschen und hat das Konzept der „Schwarmstädte“ entwickelt.

fluter: Herr Simons, warum sammeln sich die Menschen zwischen 30 und 35 in so wenigen Städten?

Harald Simons: Ich sehe darin vor allem eine Folge des sogenannten Pillenknicks. Mit der Einführung der Antibabypille hat sich die Zahl der Geburten fast halbiert. Damit sind die Jüngeren zur Minderheit geworden. Wenn sie sich nun in einzelnen Städten zusammenrotten, sind sie da aber wieder viele – und ändern das öffentliche Leben. Beispiele sind die Kastanienallee oder Friedrichshain in Berlin, die Maxvorstadt in München, das Schanzenviertel in Hamburg. Es geht aber gar nicht so sehr um nette Kneipen oder Cafés, sondern einfach um die Zahl der möglichen Freunde.

Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Die Bevölkerung entmischt sich. Auf dem Land und in den unbeliebten Städten bleiben die Älteren, in den hippen Schwarmstädten sammeln sich die Jungen. Frappierend ist, dass wir heute schon auf dem Land praktisch keinen Kreis mehr haben, der auch nur auf eine durchschnittliche Anzahl von 30- bis 35-Jährigen kommt. Das verändert auch die Städte: Dort ballen sich Innovationskraft und Gründungen, dort entstehen neue Ideen, neue Moden.

Für die Provinz klingt das nach einer düsteren Prognose.

Ist es letztlich auch. Für die jungen Leute ist dieses Verhalten aber sehr sinnvoll, weil dadurch ihr Lebensglück steigt. Als 30-Jähriger würde ich mich diesem Zug auch anschließen. Düster ist die Prognose für Städte wie Salzgitter, Bottrop oder Pirmasens.

Wie geht das denn in Zukunft weiter?

Erst mal ist der Prozess selbstverstärkend: Mit jedem, der umzieht von Gera nach Leipzig, wird Leipzig noch attraktiver und Gera noch unattraktiver. Dann nimmt die Zahl der jungen Menschen insgesamt weiter ab. Nicht mehr so drastisch wie bisher, aber sie bröckelt vor sich hin. Das heißt, die Jungen müssen sich noch enger zusammenrotten. Einerseits werden die Unterschiede zwischen Stadt und Land weiter zunehmen, andererseits werden sich die Wanderungsströme auf noch weniger Städte konzentrieren. Das dürfte dann auch was mit den Mietpreisen und Lebenshaltungskosten zu tun haben, bei denen es ja drastische Unterschiede gibt.

Harald Simons ist Professor für Volkswirtschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig. Er gehört dem Vorstand des Beratungsunternehmens empirica in Berlin an, wo er zum Wanderungsverhalten junger Menschen forscht.

Bastian Benrath studiert an der Deutschen Journalistenschule in München. Wenn er demnächst mal wieder umzieht, stehen auch auf seiner Liste einige Schwarmstädte ganz oben. Aber vielleicht eher die im Norden.

Quelle Bevölkerungsdaten: Statistische Ämter des Bundes und der Länder Geodaten: (c) GeoBasis-DE / BKG 2013