Thema – Flucht

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Ab nach Mexiko!

In Venezuela fehlt es an Essen, Medizin und Jobs, nicht aber an Inflation und korrupten Politikern. Unserem Autor ist seit Jahren klar: Er will da raus. Leichter gesagt als getan

Ab nach Mexico

Migration heißt, dein bisheriges Leben zurückzulassen, um für ein neues zu kämpfen. Du verabschiedest dich von deiner Familie, ohne zu wissen, wann oder ob du sie jemals wiedersehen wirst. Du verabschiedest dich von dem Essen, mit dem du aufgewachsen bist, von den Straßen, die du kennst, von Traditionen – von allem, woran du Erinnerungen hast, von deinem Zuhause. Es ist eine Wette auf das Unbekannte, auf eine bessere Zukunft. Verlockend ist diese Option nur für Menschen, die nicht viel zu verlieren haben. In den vergangenen 20 Jahren haben bis zu vier Millionen Venezolaner ihr Land verlassen. Das ist ungefähr jeder zehnte.

Meine Migration begann vor ein paar Jahren, nachdem ich realisiert hatte, dass meine Möglichkeiten und meine Lebensqualität Tag für Tag schrumpften. Mein Gehalt reichte nicht mehr aus, um Lebensmittel zu kaufen, ich wurde mehrmals überfallen, und bei meinen Eltern wurde eingebrochen. Dann verlor ich meinen Job, weil mein Arbeitgeber Bankrott ging.

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Reisepass
Bis zu vier Millionen Venezolaner haben in den vergangenen 20 Jahren ihr Land verlassen – oft mit einem Touristenvisum

Geld für Flüge sparen, wenn das Gehalt gerade mal zum Überleben reicht? Viel Spaß!

Aus Venezuela zu emigrieren ist schwierig. Wegen der niedrigen Löhne, der Hyperinflation und der Kosten, in Venezuela zu überleben, ist Sparen ein Luxus. Einer der wenigen Wege, es dennoch zu schaffen, ist, US-Dollar oder Euro zu verdienen. Doch nur wenige Betriebe bieten an, in diesen Währungen zu entlohnen. Also suchte ich nach Onlinejobs. Ich war offen für alles – Hauptsache, ich würde an eine jener Währungen kommen, in denen Flugtickets verkauft werden. Indem ich meine Ausgaben auf das Allerwichtigste reduzierte, konnte ich schließlich genug Geld sparen, um mich mit ein bisschen Bargeld auf den Weg zu machen.

Während ich noch versuchte, alles für die Abreise Nötige zusammenzukriegen, musste ich mich entscheiden: Wohin will ich? Wo habe ich die größten Chancen? Wo würde es mir besser gehen?

Meine Mutter lebte zu dieser Zeit in Florida, doch ich besaß kein Visum für die USA. Mein Bruder war gerade dabei, in die Niederlande zu immigrieren. Mit ihm zu gehen würde aber schwierig werden, weil die Flüge dorthin sehr teuer, die Sprache kompliziert und die Bestimmungen zur legalen Einwanderung kompliziert sind. Kolumbien, Peru, Chile, Argentinien und Mexiko schienen bessere Alternativen zu sein. Da ich in Mexiko Freunde hatte, bei denen ich kostenlos würde wohnen können, entschied ich mich dafür. Außerdem waren die Flugtickets günstiger und die Kultur dort nicht ganz so fremd.

„Ohne einen Grund genannt zu bekommen, mussten Freunde von mir nach zwölf Stunden Wartezeit wieder in ein Flugzeug nach Hause steigen. “

Die sozialen Netzwerke sind voll mit Geschichten von Venezolanern, denen die Einreise nach Mexiko verwehrt wurde. Ich selbst habe Freunde, die bei der Ankunft im Flughafen in Mexiko City erfahren mussten, dass sie das Land nicht betreten dürfen. Ihr Antrag auf ein Touristenvisum wurde abgelehnt. Ohne einen Grund genannt zu bekommen, mussten sie nach zwölf Stunden Wartezeit wieder in ein Flugzeug nach Hause steigen.

Meine Reise sollte von Caracas nach Bogota und von dort nach Mexiko City führen. Auch ich wollte als Tourist einreisen. Nur: Was würde ich tun, wenn sie mich ablehnten? Ich brauchte einen Plan B.

Ich kontaktierte Freunde, die in Bogota leben, und erzählte ihnen von meinem Vorhaben und dem Risiko, nach Kolumbien zurückgeschickt zu werden. Ich wollte wissen, ob ich im Notfall auf sie zählen und bei ihnen unterkommen könnte. Dann würde ich weitersehen – und eine Rückkehr nach Venezuela um jeden Preis verhindern. Ein sehr rudimentärer Notfallplan.

Am 12. April dieses Jahres reiste ich von Caracas nach Bogota. Es war ein ruhiger Flug, knapp zwei Stunden. In Bogota musste ich bis zum nächsten Morgen warten, um nach Mexico City weiterzufliegen. Das war der Flug, der mich nervös machte: Mein Plan hing davon ab, was der Beamte am Flughafen mit meinem Antrag machen würde.

Für Venezolaner ist es schwierig, in Mexiko Asyl zu bekommen …

Zu meiner Überraschung ging die Einreise schnell und einfach vonstatten. Der Beamte fragte mich nur nach meinem Reisepass, wo ich wohnen wollte – und hieß mich dann in Mexiko willkommen. Plötzlich hielt ich eine Aufenthaltserlaubnis für sechs Monate in den Händen. Unglaublich, ich war in Mexiko City!

Auch meinem Kumpel, der mich vom Flughafen abholte, stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Erst da war mir wirklich klar: Ich war nicht der Einzige, der Angst gehabt hatte. Meine Freunde, die mich erwarteten, kannten natürlich all die Geschichten und Risiken. Wir atmeten auf, es war vorbei.

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Unter Präsident Hugo Chávez veränderte sich das Leben vieler Venezolaner erheblich. Doch er verzockte sich übel und hinterließ eine bankrotte Wirtschaft

In Mexiko gibt es mehrere Möglichkeiten, seinen Status zu festigen. Um auf unbestimmte Zeit bleiben zu dürfen, kann man zum Beispiel einen Antrag stellen, als Flüchtling anerkannt zu werden. Das klappt allerdings nur dann, wenn man nachweisen kann, dass die eigene Sicherheit im Heimatland gefährdet ist. Es gibt noch andere Kriterien: So darf man während des Asylverfahrens keiner Arbeit nachgehen. Außerdem muss man wöchentlich beim Amt für Migration vorstellig werden. Erschwert wird das Ganze dadurch, dass die finanziellen Kapazitäten des mexikanischen Amts für Flüchtlingshilfe begrenzt sind, unter anderem deshalb, weil der Hauptsitz dieser Behörde im letzten Jahr durch ein Erdbeben beschädigt wurde.

Am 1. Juli wurde der Linkspolitiker Andrés Manuel López Obrador zum neuen Präsidenten Mexikos gewählt. Einige meiner Freunde vergleichen ihn mit Hugo Chávez, dem ehemaligen sozialistischen Präsidenten von Venezuela. Tatsächlich scheinen manche von Obradors Vorschlägen direkt aus Chávez’ Notizbuch zu stammen. Obrador ist allerdings moderater: Er will keine Planwirtschaft einführen, sondern vor allem die Korruption im Land bekämpfen.

… einige Agenturen bieten deshalb an, bei der Beschaffung eines Arbeitsvisums zu helfen – natürlich entgeltlich 

Ich bin noch nicht sicher, ob ich um Asyl ersuchen soll. Der Prozess ist langwierig, und die Erfolgsaussichten sind gering. Wahrscheinlich werde ich ein Arbeitsvisum beantragen. Auch das ist schwierig, aber es gibt Agenturen, die einem dabei helfen; sie verlangen dafür ungefähr 1.000 US-Dollar. Weil ich mich als Tourist nicht um Jobs bewerben darf, werde ich eine Weile „schwarz“ arbeiten müssen.

Ich werde mich anstrengen an diesem neuen Ort, der mir eine Chance gegeben hat – und die Hoffnung, dass ich mein Leben mit Fleiß und Hingabe verbessern kann.

Aus dem Englischen übersetzt

Illustrationen: Tine Fetz

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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