Thema – Erinnern

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Es kann sich lohnen, mal wieder ins Museum zu gehen. Denn was gezeigt wird und wie, hat sich sehr verändert. Manches ist aber auch etwas daneben. Sechs Beispiele

Computerspielemuseum

Unter den prüfenden Blicken der Museumswärter von Vitrine zu Vitrine schreiten und ehrfürchtig betrachten, was als kulturell besonders wertvoll gilt oder zum klassischen Naturwissenschaftskanon zählt – Anfassen verboten!

So waren Museen vielleicht früher, zum Glück ist das vielerorts längst anders. Und auch Alltagskultur ist zum Ausstellungsgegenstand geworden. „Das ging in den 80er-Jahren verstärkt los, in der DDR sogar schon früher“, sagt Dr. Oliver Rump, Professor im Studiengang Museumskunde an der HTW Berlin. „Gerade erleben wir eine zweite Welle.“ Auch etablierte Häuser machen da mit. So hat etwa das Museum Europäischer Kulturen in seiner Ausstellung „Kulturkontakte“ den Döner thematisiert – als Objekt der deutsch-türkischen Migrationskultur.

Das Wort „Museum“ ist übrigens kein geschützter Begriff, was in den letzten Jahren Tür und Tor geöffnet hat für – um nur ein paar Beispiele zu nennen – Currywurst-Museen,  Schnarchmuseen oder sogar Bauchnabelfusselmuseen.

Doch auch in den seriöseren Häusern wandeln sich nicht nur die Inhalte, sondern auch die Ausstellungskonzepte. Sie versuchen interaktiver (nicht nur gucken, sondern auch was machen) und partizipativer (die Museumsbesucher beeinflussen die Ausstellung) zu werden. So ist für das Humboldt Forum, das 2019 in Berlin eröffnet, eine „Scan your label“-Station im Gespräch. Hier können Besucher den Produktionsort ihrer Kleidung eingeben, woraus in Echtzeit eine Weltkarte generiert wird, die zur Reflexion über Globalisierung und Ausbeutung anregen soll.

„Es geht auch die Hoheit verloren, wer die Objekte aussucht und beschreibt, also die Inventarisierung und Dokumentation“, sagt Oliver Rump. „Das haben früher fast nur Wissenschaftler gemacht in einer Sprache, die der Besucher kaum verstanden hat.“ Beispielsweise hat das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig große Teile seiner Objektdatenbank digitalisiert und im Internet veröffentlicht, über 150.000 Objekte – inklusive der Option, dass Nutzer Informationen ergänzen und verbessern. Das ist eine kleine Revolution. Denn normalerweise setzt der Großteil der Museumsobjekte im Lager Staub an. Was ausgestellt und welche Geschichte damit erzählt wird, entscheiden allein die Ausstellungsmacher.

Rump gehen solche Entwicklungen allerdings nicht weit genug: „Rückkanäle sind ja schön, auch beim Feedback und in der Ausarbeitung von kommenden Ausstellungen. Die Frage ist bloß, ob dann auch der nächste Schritt passiert: Fließen die Erkenntnisse wirklich ein, oder hatte der Kurator nicht doch schon sein Konzept in der Tasche?“

 

Nichtsdestotrotz, es tut sich einiges, wie auch unser kleiner Museumsrundgang zeigt:

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Erika Fuchs Haus

Foto: Nicolas Armer / dpa

1. Anguck! Versteh! Ausdenk! – das Museum für Comic und Sprachkunst

In den Zeitungsfeuilletons werden Comics so langsam als Kultur anerkannt (zumindest wenn sie sich „Graphic Novels“ nennen), in deutschen Museen gab es sie lange nur in Form von Sonderausstellungen. Das Erika-Fuchs-Haus im fränkischen Schwarzenbach stellt sie seit 2015 erstmals in den Mittelpunkt. Das kleine Museum fokussiert sich dabei auf Teile des Entenhausen-Universums und das konkrete Schaffen von Namensgeberin Erika Fuchs, die als Übersetzerin zahlloser Disney-Comics die deutsche Alltagssprache prägte – mit Spruchweisheiten („Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“), Wortschöpfungen oder auch dem Inflektiv („Saus“, „Staun“).

So darf man in einem begehbaren Entenhausen aus Pappaufstellern Dagobert-Duck-like in Geldtalern baden. Comic-Übersetzungsarbeitsgeräte wie Zeilenzähler und Synonymwörterbuch werden vorgestellt, und schließlich sollen sich die Besucher selbst an der Sprachkunst versuchen: etwa in der „Alliteration-Anreizabteilung“ oder im „onomatopoetischen Kabinett“, wo man sich Wörter für Comic-Soundeffekte ausdenken und sie mit Erika Fuchs’ Schöpfungen vergleichen kann.

Erika-Fuchs-Haus. Bahnhofstraße 12, Schwarzenbach a. d. Saale. www.erika-fuchs.de

2. Berliner Kiezspezialitäten – Heimatkunde im Hipsterbezirk

Beim Thema Partizipation hebt Oliver Rump die regionalhistorischen Museen der Berliner Bezirke Kreuzberg und Neukölln heraus. „Das Museum Neukölln hat eine ganz tolle Dauerausstellung, ‚99 x Neukölln‘, wo Bewohner des Bezirks ihre persönlichen Objekte eingebracht haben.“ Das Kreuzberger Pendant geht noch einen Schritt weiter: Hier werden Rump zufolge verschiedene Ausstellungen von Menschen aus dem Bezirk, beispielsweise der türkischen Community, selbst gestaltet. „Bei diesem Ansatz wird das Museum praktisch zum Facilitator“, sagt Rump. „Es stellt die professionelle Umgebung, gibt auch Ratschläge und Hilfestellungen, aber eigentlich machen die Betroffenen ihre Ausstellung selbst. So es ist auch wirklich das Museum der Kreuzberger.“

Museum Neukölln. Alt-Britz 81, Berlin. www.museum-neukoelln.de
Friedrichshain-Kreuzberg Museum. Adalbertstr. 95A, Berlin. www.fhxb-museum.de

3. Ausprobierstationen – die Science Center

Probieren geht über Studieren. Nach diesem pädagogischen Prinzip arbeiten Science Center, auch Hands-on-, Erlebnis- oder Mitmach-Museen genannt, die sich in der Regel naturwissenschaftlichen Phänomenen widmen. Sie sind das Gegenteil von „Anfassen verboten“, man kann und soll selber Wellen entstehen lassen, eine Wärmekamera ausprobieren oder die Erddrehung erfahren.

In Deutschland gibt es inzwischen Dutzende davon, gern mit pseudolateinischen und -griechischen Namen wie Phänomenta, Experimenta, Imaginata, Mathematikum oder Dynamikum. Das mit mehr als 350 Experimentierstationen größte ist aber das phæno. 2005 in Wolfsburg eröffnet, ist es ein anerkannter außerschulischer Lernort, allerdings: „Ganz strikt betrachtet ist das kein Museum“, sagt Oliver Rump. Warum? Weil nach Definition des Internationalen Museumsrats ICOM ein Museum fünf Funktionen erfüllen muss: Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln. „Und ein Science Center sammelt und bewahrt nicht, weil es keine historischen Exponate hat. Es forscht in der Regel auch nicht“, sagt Rump. Deswegen gehöre es nur zu den „museumsartigen Einrichtungen“.

phæno. Willy-Brandt-Platz 1, Wolfsburg. www.phaeno.de

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Computerspielemuseum

Foto: Jörg Metzner

4. Super Mario überambitioniert – das Computerspielemuseum

Noch schwerer als Comics haben es Computerspiele bezüglich ihrer Anerkennung als Kulturgut. Dabei wurde schon 1997 in Berlin ein Computerspielemuseum gegründet, aber erst 2011 hat es ein Zuhause in der analogen Welt gefunden. Beeindruckend ist seine Sammlung: Mehr als 25.000 Spiele und Anwendungen, 12.000 Zeitschriften und 120 Konsolen und Computersysteme werden konserviert. Die Dauerausstellung versucht auf geringem Raum wirklich sämtlichen Facetten des Themas gerecht zu werden, vom Konzept des Homo ludens über die Geschichte der interaktiven digitalen Medien bis hin zu gesellschaftlichen Fragen, Spielesucht, Produktionsbedingungen. Sogar auf ein Nischenthema wie die Machinima-Szene wird eingegangen, in der Filme mithilfe von Computerspielen „gedreht“ werden. Das ist ehrenvoll, aber erschlägt einen ein wenig; groß ist die Versuchung, sich einfach nur mit glänzenden Augen die vielen alten Konsolen anzuschauen. Der Interaktivitätsansatz ist dabei naheliegend: Spiele aus rund 40 Jahren können ausprobiert werden – bis hin zu einem Chat mit ELIZA, einer Urahnin von Siri aus dem Jahr 1966.

Computerspielemuseum. Karl-Marx-Allee 93a, Berlin. www.computerspielemuseum.de

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Fussballmuseum

Foto: DFM/Angerer

5. Ein Haus für den Fußball – besser gesagt für den DFB

Klar, es muss in Deutschland auch ein Museum für den Nationalsport Fußball geben, überraschend ist eher, dass es erst 2015 eröffnet wurde – im Mutterland des Fußballs gibt es das schon seit 2001. Unter den über 1.600 Exponaten: der WM-Finalball von 1954, der Mannschaftsbus der WM 2014, Lothar Matthäus’ Telefonrechnung aus dem WM-Quartier 1990, diverse Schuhe, Pokale (bzw. Kopien von Pokalen), Videos und Tonaufnahmen von großen Momenten. An der hochemotionalen Präsentation und am museumspädagogischen Konzept gab es nach der Eröffnung harsche Kritik. Denn die partizipativen Elemente beschränken sich auf Dinge wie eine Fernsehkommentatoren-Kabine und einen Fußballkäfig. Man darf eben nicht vergessen: Das Fußballmuseum wird vom DFB betrieben, es ist sein „zentraler Erinnerungsort“ – nicht der des deutschen Fußballs insgesamt. Kritische Distanz ist da nicht durchweg zu erwarten. Im Mittelpunkt stehen die vier Weltmeistertitel der Männer-Nationalmannschaft, große Videoleinwände ziehen die Besucher dort hin. Andere Themenbereiche wie der Amateur- oder Frauenfußball, die DDR- oder NS-Zeit gehen daneben unter. Weil dort kaum etwas blinkt und leuchtet, gehen viele Besucher daran vorbei, ohne sie überhaupt zu bemerken.

Deutsches Fußballmuseum. Platz der Deutschen Einheit 1, Dortmund. www.fussballmuseum.de

6. Sehen wir weiter – das Futurium

2019 soll in Berlin ein „Futurium“ eröffnen, das sich mit dem Leben in der Zukunft auseinandersetzt. Schon im Frühsommer 2018 öffnete das Haus für Werkstattwochen, für Workshops, Diskussionen, partizipative Settings mit den künftigen Besuchern: „Wir möchten erfahren, welche Zukunftswünsche und Ängste Sie haben, was Sie bewegt und was Sie ändern möchten.“ In drei Workshops konnte man sogar an den Exponaten der künftigen Ausstellung mitwirken – unter anderem an den Dialogen eines geplanten Roboter-Theaters.

Futurium. Alexanderufer 2, Berlin. www.futurium.de

Titelbild: Jörg Metzner

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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