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Nächster Halt: Freiheit

Barry Jenkins Serie „Underground Railroad“ versucht nicht, das Leid der Sklaverei möglichst authentisch darzustellen – und ist genau deshalb so beeindruckend

  • 4 Min.
The Underground Railroad

Die Flucht vor der Sklaverei war für Afroamerikaner*innen im frühen 19. Jahrhundert traumatisch – daran lässt Barry Jenkins, Regisseur von „Underground Railroad“, keinen Zweifel. In einer Szene seiner Serie sieht diese Flucht allerdings aus wie eine Luxusreise: Da wartet die Hauptfigur Cora, die von einer Baumwollplantage geflohen ist, auf einem hübschen marmorgetäfelten Bahnsteig. Ein Bahnhofslokal versorgt die Reisenden mit Wein. Kurz darauf fährt ein edler Nachtzug ein.

Um die Hintergründe gleich mal aufzuklären: Die historische „Underground Railroad“, auf die sich die Serie bezieht, war natürlich keine Eisenbahn, sondern der sehr anschauliche Name eines Fluchthilfe-Netzwerks, das versklavte Afroamerikaner*innen aus den US-amerikanischen Südstaaten in die freien Nordstaaten und nach Kanada schleuste. U-Bahnen gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ohnehin noch nicht. Das Bild, dass versklavte Menschen mit einem unterirdischen Zug in die Freiheit fahren könnten, steht damals wie heute wohl eher für die Hoffnung, den Gefahren, die an der Oberfläche lauern, unbeschadet zu entkommen. Die Menschen gingen durch ihren Fluchtversuch ein großes Risiko ein: Wurden sie auf dem Weg erwischt, drohten ihnen Auspeitschen, Verstümmelung, Folter oder Hinrichtung. 

„Schiene“ stand für Fluchtroute, „Bahnhof“ hieß die Schutzhütte am Ende einer Etappe

Tatsächlich war die gesamte Operation der Abolitionisten – so nannten sich die Sklaverei-Gegner*innen damals – auf Bahnmetaphorik aufgebaut. Die „Schienen“ standen für die Fluchtrouten über Land und Wasser im Grenzgebiet zu den „Sklavenstaaten“ und quer durch die Nordstaaten. „Bahnhöfe“ hießen die Schutzhütten am Ende einer Etappe. „Lokführer*innen“ und „Schaffner*innen“ wie die berühmte Schwarze Freiheitskämpferin und Aktivistin Harriet Tubman brachten die Flüchtenden von A nach B. Nach groben Schätzungen flohen ab Anfang des 19. Jahrhunderts bis etwa Mitte der 1860er-Jahre zwischen 25.000 und 100.000 versklavte Menschen über das Netzwerk der Fluchthelfer*innen. (Der Begriff „Underground Railroad“ tauchte dabei erstmals 1831 auf.) Zur Relation: 1860 lebten rund vier Millionen Schwarze als Sklaven in den USA. Erst 1865, nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges, wurde die Sklaverei in den gesamten USA offiziell abgeschafft.

 

Die Bahnmetaphern der flüchtenden „Passagiere“ nahm der Schriftsteller Colson Whitehead wörtlich: In seinem prämierten Roman „Underground Railroad“ von 2016 führt der Weg in die Freiheit mit Dampflokomotiven durch ein gigantisches Tunnellabyrinth. Mit Barry Jenkins, der für seinen Film „Moonlight“ 2017 einen Oscar erhielt, hat sich dieser Geschichte nun einer der spannendsten Filmemacher der Gegenwart angenommen. Jenkins bleibt Whiteheads Roman auch insofern treu, als er dessen sprunghafte Kapitelstruktur in eine unkonventionelle Serienerzählung überträgt: Nach dem Cliffhanger am Ende einer Folge wechselt Jenkins schon mal abrupt die Perspektive, um in der gesamten nächsten Episode von einer völlig neuen Figur zu erzählen. 

Ist der Kopfgeldjäger Ridgeway ein Bote der Polizeigewalt, die Schwarze heute erleben?

Im Mittelpunkt der Serie steht die Teenagerin Cora (Thuso Mbedu), die seit ihrer Geburt auf der Plantage eines tyrannischen Sklavenhalters in Georgia lebt. Eines Tages weiht der etwa gleichaltrige Caesar (Aaron Pierre) sie in seinen Fluchtplan ein – und Cora schließt sich ihm an. Durch einen geheimen Eisenbahntunnel entkommen die beiden nach South Carolina, wo sie jedoch in neue Abhängigkeitsverhältnisse geraten. Über North Carolina und Tennessee reist Cora, unterstützt von Schwarzen und Weißen im Dienst der „Underground Railroad“, weiter gen Norden. Eines ihrer größten Probleme dabei: Der Kopfgeldjäger Ridgeway (Joel Edgerton) setzt alles daran, sie mit Gewalt ihrem rechtlichen Eigentümer zurückzubringen.

Anders als der letzte große Film aus Hollywood, der sich des Themas Sklaverei annahm – Steve McQueens „12 Years a Slave“ –, behauptet Barry Jenkins nicht, das reale Leid der Sklaverei möglichst authentisch darzustellen. So entfernt sich „Underground Railroad“ nach der ersten Folge, die noch historisch akkurat das Leben auf einer Plantage schildert, immer mehr von dieser Erzählweise zu einer beeindruckenden poetischen Bilderwelt, die eigentlich eine Kinoleinwand verdient hätte: Eine Allee voller gehängter Menschen wird zum Symbol der Grausamkeit, eine brennende Prärie zur Seelenlandschaft der Hauptfigur, die Scheinwerfer der unterirdischen Dampflok zum Licht der Hoffnung.

Gerade diese Offenheit von „Underground Railroad“, also der Wechsel zwischen Historischem und Fantastischem, sorgt dafür, dass man beim Schauen immer wieder Fiktion mit der realen Gegenwart abgleichen will. So fragt man sich zum Beispiel, ob der Kopfgeldjäger Ridgeway als historischer Vorläufer für die anhaltende Gewalt, die US-amerikanische Polizisten heute gegenüber Schwarzen ausüben, interpretiert werden könnte. Oder ob die Untergrundbahn, die sich als Leitmotiv durch die Serie zieht, nicht auch für ein Gefühl steht, das derzeit die Black-Lives-Matter-Bewegung antreibt – für einen solidarischen Schutzraum abseits der weißen Macht. 

„Underground Railroad“ läuft ab dem 14. Mai bei Amazon Prime. 

Titelbild: Amazon Studios

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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