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„The Assistant“ zeigt den Arbeitsalltag einer jungen Frau im Filmbusiness – und rechnet dabei auch mit einem gewissen Filmmogul ab

The Assistant, Berlinale / Foto: Forensic Films

Montagmorgen, irgendwo in New York, eine junge Frau steigt in ein Auto. Draußen ist es noch dunkel, und als es losfährt, schläft sie mit offenem Mund auf dem Rücksitz ein. Dann kommt das Auto vor einem Gebäude zum Stehen. Jane ist an ihrem Arbeitsplatz angekommen, ein neuer Tag im Büro beginnt.

 

Die junge College-Absolventin arbeitet seit zwei Monaten in ihrem Traumjob als Juniorassistentin eines Filmmoguls. Jane kommt morgens als Erste und geht abends als Letzte. Dazwischen kümmert sie sich um alles Mögliche: um die kaputten Staubsauger der Reinigungskräfte, um das Mittagessen der Kolleg*innen oder den Protein-Shake ihres Chefs. Aber nicht nur das, Jane reinigt auch das verdreckte Polstersofa in dessen Büro und findet beim Aufräumen den Ohrring einer Frau. Außerdem nimmt sie Telefonanrufe der wütenden Ehefrau entgegen und muss daraufhin Beleidigungen des Chefs in Kauf nehmen. Trotzdem ist es Jane, die sich danach per Mail entschuldigt. Ihre zwei Arbeitskollegen schauen ihr dabei über die Schulter und diktieren die Sätze, damit der Chef auch sicher besänftigt wird.

Augen zu und durch für den Traumjob

Jane und ihre Kolleg*innen arbeiten in einem toxischen Arbeitsumfeld. Aber sie ertragen die Launen und (Misse-)Taten, denn für „ihn“ zu arbeiten, so sind sich alle einig, ist einfach eine „riesige Chance“. Eine Chance, für die auch Jane dankbar sein sollte, schließlich sehnen sich Hunderte nach ihrem Job! Und überhaupt, schreibt der Chef in einer Mail an Jane, sei er nur so hart zu ihr, weil er sie für schlau halte und „etwas Großes“ aus ihr machen werde. Nur: Warum fühlt sich dann alles so falsch an?



   

An diesem Montag werden Jane mit jeder Stunde die systematischen Erniedrigungen und Grenzüberschreitungen ihres Chefs deutlicher. Zunächst erträgt sie alles stoisch, bis sie eine sehr junge Frau in ein Hotel fährt, in dem sich auch der Chef aufhält. Jane sorgt sich um das Mädchen und wendet sich schließlich schweren Herzens an das Beschwerdemanagement. Auf offene Ohren oder gar Hilfe stößt sie aber nicht.

„The Assistant“ geht unter die Haut

Über zwei Jahre ist es her, dass die Anschuldigungen gegen den US-amerikanischen Filmmogul Harvey Weinstein öffentlich wurden: Über 80 Frauen, darunter berühmte Schauspielerinnen wie Uma Thurman oder Angelina Jolie, warfen ihm Belästigung, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung vor. In dem gerade zu Ende gehenden Prozess (das Strafmaß – zwischen fünf und 25 Jahre Freiheitsstrafe – soll am 11. März verkündet werden) geht es nur um zwei Fälle: Die ehemalige Produktionsassistentin Mimi Haleyi warf Weinstein vor, sie zum Oralsex gezwungen zu haben, die Schauspielerin Jessica Mann, von ihm vergewaltigt worden zu sein. In zwei von fünf Anklagepunkten ist Weinstein nun am 24.2. schuldig gesprochen worden: der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung. Weinsteins Anwälte wollen in Berufung gehen.

Mit „The Assistant“ knüpft die Regisseurin und Drehbuchautorin Kitty Green an einige der Erzählungen von Betroffenen aus dem Umfeld Weinsteins an. Der Gedanke an den Produzenten begleitet einen den gesamten Film lang und hinterlässt ein beklemmendes Gefühl – eine leise Ahnung davon, wie schwierig es für Betroffene sein kann, Hilfe zu bekommen. 

… ganz ohne schnelle Schnitte oder Soundtrack

„The Assistant“ wird mit viel Ruhe und statischen Bildern von Kameramann Michael Latham erzählt und kommt – bis auf den Schluss – komplett ohne Musik aus. Trotzdem wirkt der Thriller nie langatmig, keine Szene überflüssig. Selbst wenn Jane, gespielt von Julia Garner, das Polstersofa schrubbt oder den gefundenen Ohrring seiner Besitzerin überreicht. Oder wenn sie die vom Chef benutzten Alprostadil-Spritzen (ein Mittel, das zu Erektionen verhelfen kann) entsorgt oder gegen Ende ihren Stress am Chauffeur entlädt. All das verdeutlicht die Gewaltspirale und die teils subtilen Formen von Machtmissbrauch. Der Chef wird dabei nie beim Namen genannt – oder überhaupt gezeigt. Und doch ist er allgegenwärtig.

Kitty Green zeigt in den 87 Minuten des Films, wie schwer es Betroffenen gemacht wird, Grenzüberschreitungen als solche überhaupt zu erkennen. Und selbst wenn sie erkannt und angesprochen werden, finden viele zunächst keine Hilfe, sondern stoßen auf Schweigen oder sogar weitere Formen von Missbrauch. „The Assistant“ – ein scheinbar ganz normaler Tag in einer Welt von (weißen) mächtigen Männern.

„The Assistant“ (Panorama, USA 2019) läuft ab dem 23.2. auf der Berlinale zu fünf verschiedenen Terminen. Alle Infos gibt es hier

Foto: Forensic Films

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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