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Einer von der Aral-Tankstelle

Saša Stanišić erzählt in „Herkunft“ von bosnischen Schlangen und Drachen – und wie es war, als Teenager in Heidelberg eine neue Heimat zu finden

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Saša Stanišić (Foto: © Katja Sämann)

Heutzutage ist es ja total normal, dass deutsche SchriftstellerInnen nicht unbedingt – sagen wir – Schmidt heißen müssen. Das war nicht immer so. Als zum Beispiel Feridun Zaimoğlu vor drei Jahrzehnten die Literaturszene betrat, tat er das mit einem Knall. Mit seinem Buch „Kanak Sprak“ inszenierte er sorgfältig sein Außenseitertum. Inzwischen zählt er längst zum deutschen Kanon.

Die etwas Jüngeren wie Saša Stanišić, Alina Bronsky oder Abbas Khider, die gut 20 Jahre später zu veröffentlichen begannen, hatten es nicht mehr nötig, mit ihrem mehrfachkulturellen Hintergrund zu kokettieren. Die deutsche Gesellschaft ist sich ihrer Diversität inzwischen bewusst, die Literatur ist der Ort, an dem davon erzählt werden kann. Oder auch nicht. Der aus Bosnien nach Deutschland gekommene Saša Stanišić jedenfalls hat sich, nachdem sein erster Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2008) vom Bosnienkrieg handelte, anderen Themen und Gegenden zugewandt, er hat Geschichten aus Brandenburg, Südamerika oder von sonst wo erzählt. Wie es jeder deutsche Schriftsteller machen könnte. Das wurde ihm durchaus vorgeworfen. Daher hat es etwas von programmatischer Besonderheit, wenn Stanišić sein neues Buch „Herkunft“ nennt.

„Müssten wir jetzt fliehen, wären also die Zustände an den Grenzen 1992 so restriktiv gewesen wie heute, würden wir Heidelberg nie erreichen“

Es gibt einen Friedhof in den bosnischen Bergen, da steht auf fast jedem Grabstein der Name Stanišić. Der Friedhof gehört zu dem entlegenen Weiler Oskoruša, aus dem ein Zweig der Familie stammt. Der Autor ist Sohn eines Serben und einer bosnischen Muslima und wuchs zunächst in der Stadt Višegrad auf. Im Alter von 14 Jahren floh er mit der Mutter nach Deutschland; Großeltern und Vater kamen nach. Er schreibt: „Müssten wir jetzt fliehen, wären also die Zustände an den Grenzen 1992 so restriktiv gewesen wie heute, würden wir Heidelberg nie erreichen. Die Reise wäre vor einem ungarischen Stacheldrahtzaun zu Ende.“ Die Großmutter väterlicherseits, Kristina, bleibt zurück, als Serbin droht ihr keine Gefahr.

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Herkunft

Saša Stanišić: Herkunft. Luchterhand, München 2019. 368 S., 22 Euro

16 Jahre nach der Flucht der Familie nimmt Kristina den Enkel, der gerade beginnt, sich als deutscher Autor einen Namen zu machen, erstmals mit zum Dorf der Vorfahren. Dieser Besuch wird zur Ausgangssituation von „Herkunft“. Saša Stanišić erzählt darin Szenen aus den ersten beiden Jahrzehnten seines Lebens – und dazwischen aus dem letzten Lebensjahrzehnt seiner Großmutter. Szene für Szene, Erzählung für Erzählung setzt sich die Geschichte seiner Familie zusammen, die durch den Krieg in verschiedene Länder verstreut wurde. Neue Wurzeln im Ausland zu schlagen ist für die Erwachsenen sehr schwer, für die Kinder eher nicht. Der junge Saša findet eine neue Heimat in einem Heidelberger Vorort und der örtlichen Aral-Tankstelle, wo sich eine Clique aus Zugewanderten trifft. Im Gegensatz zu den Eltern darf er später zum Studium in Deutschland bleiben und bekommt dank einer flexiblen Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde sogar eine weitere Aufenthaltserlaubnis – unter der originellen Bedingung, stets als selbstständiger Schriftsteller arbeiten zu müssen.

„Lügst du? Dann lies weiter auf Seite 342“

Das ist eine toll erzählte Erfolgsgeschichte. Stanišić ist sehr gut darin, existenzielle Härten nur dezent anzudeuten oder, noch besser, sie poetisch oder humoristisch zu verpacken. Ein großes Thema ist die fortschreitende Demenz der Großmutter, die den Enkel bei einem Ausflug nach Oskoruša überhaupt erst auf das Herkunftsthema gebracht hat. Der zunehmende Verlust ihrer Erinnerungen steht der Erinnerungssuche des schreibenden Enkels entgegen. Und als ob der sich durch das allmähliche Verschwinden der Großmutter erst auf seinen Beruf Erzähler besonnen hätte, implodiert das Buch am Ende in einem Rausch von fantastischem Was-wäre-wenn.

Das Buch lässt alle Fakten hinter sich, wenn Erzähler und Großmutter sich heimlich aus dem Altersheim schleichen, um in den Bergen auf die Suche nach dem mythenumwobenen Drachen aus der örtlichen Heimatlegende zu gehen. Möglicherweise. Denn an dieser Stelle hat der Autor es schon lange seinen LeserInnen überlassen, welchem Ausgang der Geschichte sie folgen wollen, die sich in diversen Verästelungen gabelt („Lügst du? […] – dann lies weiter auf Seite 342. Sagst du die Wahrheit […] – lies weiter auf Seite 295“). Wobei die interaktive Wahlmöglichkeit natürlich augenzwinkernder Quatsch ist: Kaum jemand wird sich davon abhalten lassen, jedem einzelnen möglichen Ausgang dieser Geschichte nachzugehen. Schließlich kann man so oft zurückblättern, wie man will, und noch einmal anders anfangen. Das ist toll, weil es diese Gelegenheit im wirklichen Leben nie geben wird.

Titelbild: Katja Sämann

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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