Thema – Identität

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Die vergessenen Europäer

Das RomArchive macht sichtbar, was in der Kulturgeschichte oft vergessen wird: die kulturellen Einflüsse von Sinti und Roma

Damian Le Bas - Back To The Future! Safe European Home 1938

Jahrhundertelange Verfolgung und Unterdrückung hinterlassen Spuren. Oder verwischen sie. Den Beitrag von Sinti und Roma zur europäischen Kultur- und Kunstgeschichte sparen viele Bibliotheken, Museen und Archive jedenfalls aus. Das RomArchive möchte sie sichtbar machen. Dafür sammeln die Macher:innen, viele selbst Angehörige der Minderheiten, Zeitzeugenberichte, gehen Lücken in der Kulturforschung nach, arbeiten Akten und Sammlungen auf und archivieren sie auf Deutsch, Englisch und Romanes. Bislang sind aus 600 Jahren Kulturgeschichte gut 5.000 digitale Exponate dokumentiert – von denen wir fünf ausgewählt haben, die den Einfluss der Sinti und Roma auf die europäische Kultur deutlich machen.

Musik

Eine typische Sinti- und Roma-Musik gibt es natürlich nicht. So wie sich die Angehörigen der Minderheiten von Land zu Land, von Gruppe zu Gruppe, ja von Familie zu Familie unterscheiden, gibt es auch unterschiedliche Musikgenres. Was sich aber sagen lässt: Sinti und Roma haben einen wesentlichen Anteil daran, die Volksmusik in den unterschiedlichsten Ländern zu erhalten. Vielerorts waren sie die Einzigen, die alte lokale Volkslieder überhaupt noch kannten. Im Schlager, der durch lokale Volksmusiken geprägt ist, sind Sinti und Roma bis heute durch Größen wie Marianne Rosenberg vertreten. Und: Sinti und Roma haben die klassische Musik geprägt. Der ungarische Rom János Bihari beispielsweise konnte zwar weder schreiben noch Noten lesen, war aber im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert ein gefragter Komponist und Violinist. Bihari prägte die in Ungarn populären Tanz- und Musikstile Csárdás und Verbunkos, deren Einflüsse sich in den Werken anderer Komponisten seiner Zeit wie Liszt, Beethoven und Mozart wiederfinden. Außerdem war er der erste Rom-Kapellmeister und spielte unter anderem vor dem Wiener Kongress. 

Kunst

Dass Damian Le Bas (links im Titelbild) aus einer irischen Roma-Travellerfamilie stammte, hat er in seiner Kunst nie verheimlicht. Mit Collagen, die Roma-Symbole wie das Spinnrad, Lagerfeuer oder Wohnwagen teils bis ins Absurde überzeichnen, wurde Le Bas einer der großen zeitgenössischen Künstler aus den Roma-Communitys. „I’m putting Gypsies on the map“, beschrieb er seine Arbeit. Sein bekanntestes Werk nimmt das wortwörtlich: Für „Back To The Future! Safe European Home 1938“ bemalte Le Bas eine Europakarte von 1938. Die Jahreszahl 1938 verweist auf den drohenden Weltkrieg und den Völkermord an den europäischen Sinti und Roma. Das Gemälde ist aber nicht nur Warnung, sondern auch ein Hinweis: Le Bas zeigt Europa nicht mehr als Ansammlung klar abgegrenzter Staaten, sondern als Fläche lachender Gesichter – Sinti und Roma, überall. Nachdem Le Bas 2007 gemeinsam mit seiner Frau Delaine, die auch als Künstlerin arbeitet, den ersten Roma-Pavillon auf der Biennale in Venedig kuratiert hatte, träumte er von einer eigenen Roma-Biennale, die Roma-Kunst jenseits von Stereotypen Raum gibt. Dieser Wunsch wurde Jahre später wahr: 2018 zeigte das Gorki-Theater in Berlin die erste Roma-Biennale. Die Damian Le Bas nicht mehr erlebte: Er verstarb überraschend im Dezember 2017. Seitdem führt Delaine Le Bas das Projekt weiter.

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Back To The Future! Safe European Home 1938 (Daiman Le Bas  / Courtesy Galerie Kai Dikhas / Foto: Diego Castallano Cano)
Sehenden Auges: Damian Le Bas' Arbeit „Back To The Future! Safe European Home 1938" (Daiman Le Bas / Courtesy Galerie Kai Dikhas / Foto: Diego Castallano Cano), CC-BY-NC-ND 4.0 International

Flamenco

Den Flamenco-Tanz verbinden viele mit Spanien, aber nur wenige mit den spanischen Roma – bei denen die Wurzeln des Tanzes liegen. Die Minderheit, die sich selbst Gitano nennt, wurde über Jahrhunderte ausgegrenzt und verfolgt. Anfang des 19. Jahrhunderts begann sie, diese Leidensgeschichte durch Tanz, Musik und Gesang auszudrücken: Der Flamenco war geboren. Damals war er noch ein rein ritueller Tanz, der innerhalb der Roma-Gemeinschaft praktiziert wurde. Bis Ende des Jahrhunderts die ersten Flamencobars eröffneten und auch Nichtroma den Tanz entdeckten. Neue Formen entstanden, zum Teil weitaus kommerziellere: Schließlich war der Flamenco plötzlich auch ein Bühnenerlebnis. Bis heute gibt es große Flamencotänzerinnen wie die Romni Belén Maya, die in ihren Shows die Geschichte des Tanzes und der Gitano erzählt.

Literatur

Die Darstellung von Sinti- und Roma-Figuren in der Oper „Carmen“ oder dem Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ sind Schwerstarbeit für Sensitivity Reader: In den meisten literarischen Werken werden sie romantisiert, sexualisiert und rassistisch dargestellt. Das mag auch daran liegen, dass es bis Mitte des 20. Jahrhunderts kaum Literatur von Sinti und Roma selbst gab: Viele lebten als Nomaden und hatten am jeweiligen Aufenthaltsort Schulverbot, sodass ein Großteil der Gemeinschaften weder lesen noch schreiben konnte.

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Aus dieser Not entstand ein zentrales Element vieler Sinti- und Roma-Communitys: die Oralität. Geschichten wurden mündlich weitergegeben. Und konnten sich so über Jahre entwickeln, auch durch den Tonfall, die Mimik und Gestik ihres jeweiligen Erzählers. Geschichten, die in Deutschland viele kennen, waren auch darunter: Viele „wandernde Märchen“ wurden hier erst durch Sammler wie die Gebrüder Grimm in einheitlichen Fassungen niedergeschrieben. Der Dichter und Rom Károly Bari sammelte über Jahrzehnte Tondokumente solcher oral literature.

Theater

Ob als Regisseure, Schauspieler, Tänzer, Akrobaten oder Tierbändiger: Sinti und Roma haben das europäische Theater in den verschiedensten Funktionen mitgestaltet. Und betrieben auch ganz eigene Bühnen, die Roma-Theater. Das Romathan-Theater im slowakischen Košice und das Teatr Romen in Moskau produzieren bis heute Stücke und bilden Künstler aus. Zum Beispiel Vadim Kolpakov, der die Teatr-Romen-Akademie besuchte und mehrfach mit Madonna auftrat. Eines der bekanntesten Roma-Theater ist aber das Pralipe in Skopje (im heutigen Nordmazedonien). Im Grunde war das Pralipe keine Bühne für einzelne Stücke, sondern für Sinti und Roma selbst. Sie führten eigene Stücke auf, aber auch Werke von Shakespeare oder Bertold Brecht – immer in ihrer Sprache, dem Romanes. Das sollte die Sprache am Leben erhalten und Nichtroma einen Zugang zur Kultur verschaffen. In Zusammenarbeit mit dem Theater an der Ruhr in Mülheim ging das Pralipe-Ensemble Anfang der 90er-Jahre auf Tour durch ganz Deutschland.

Titelbild links: Nihad Nino Pušija / CC-BY-NC-ND 4.0 International

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