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Benni sieht pink

„Systemsprenger“ erzählt von einem Mädchen, dessen Wut das Jugendhilfesystem überfordert – und geht als Kandidat ins Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film

  • 2 Min.
Still aus dem Film „Systemsprenger“

Worum geht’s?

Um Benni, neun Jahre alt. Mit ihren Wutausbrüchen jagt sie nicht nur den Nachbarjungs Angst ein, sondern auch ihrer Mutter. Die ist bald überfordert mit ihrem Kind, Benni landet im Jugendheim. Bald will niemand das unberechenbare Mädchen mehr aufnehmen, nirgendwo kann es ankommen. So rutscht es immer tiefer in eine Spirale aus Wut und Verlustängsten. Dabei will Benni nur zurück zu Mama.

Wie wird’s erzählt?

Regisseurin Nora Fingscheidt wechselt zwischen sehr laut und sehr leise: laut, wenn Benni in der x-ten Einrichtung in einem ihrer Wutanfälle ein Bobbycar gegen die Glastür pfeffert, sie den Erziehern Beleidigungen entgegenbrüllt, sie den Kopf einer Mitschülerin auf die Tischplatte schlägt und die ganze Klasse entsetzt aufschreit. Bei den Wutanfällen bricht das Bild, knallbunte Fragmente schießen durcheinander, wir sehen, was Benni sieht – und die sieht rot, oder eher: knallpink. Darunter schneller werdende, wilde Musik, bis es plötzlich ganz still wird und wir nur noch Bennis Herzschlag hören.


Was zeigt uns das?

Schuld an seiner ausweglosen Situation ist nicht das Kind. Schuld ist auch nicht die Mutter; sie liebt das Kind und verachtet sich selbst dafür, dass sie mit der Erziehung überfordert ist. Schuld ist nicht das Jugendamt, das immer wieder versucht zu helfen und immer wieder scheitert. Solche Kinderschicksale sind vielfältig. Um sie zu verstehen, reicht es nicht, eine Person oder Institution zu beschuldigen, man muss die ganze Geschichte kennen. Nicht die Kinder sprengen ein System, sondern das System scheitert, wenn Kinder keine Möglichkeit mehr haben, irgendwo anzukommen.

Lisa Stutzky hat viele der „Systemsprenger"-Rollen besetzt. Hier erzählt sie, wie man Casterin wird – und was eine gute ausmacht

Good Job!

Gabriela Maria Schmeide als engagierte und am Ende doch resignierende Jugendamtsmitarbeiterin, Lisa Hagmeister als überforderte Mutter und Albrecht Schuch als raubeiniger Streetworker mit weichem Herz spielen allesamt überragend. Die elfjährige Helena Zengel stiehlt jedoch allen die Schau. Ihre Benni lässt keinen kalt. Sie zeigt die Verzweiflung, aber immer wieder auch die Hoffnung einer kleinen großen Kämpferin so intensiv, dass man kaum glauben kann, dass das alles nur gespielt ist.

Klappt nicht so:

Einmal greift der Film doch arg tief in die Klischee-Kiste: Streetworker Micha entpuppt sich natürlich selbst als ehemaliger Problemfall, der seine Aggressionen heute glücklicherweise im Griff hat. Da fragt man sich, ob eigentlich alle Sozialarbeiter mal Problemfälle waren.

FYI

Kinder wie Benni werden tatsächlich als „Systemsprenger“ bezeichnet – allerdings inoffiziell. Ein solcher Fall begegnete der Regisseurin bei Dreharbeiten zu einem anderen Projekt: Das Mädchen war 14 und kam in eine Einrichtung für wohnungslose Frauen, weil sie keine Jugendeinrichtung mehr nehmen wollte. Filmfigur Benni ist mit Absicht erst neun, damit die Pubertät keine Ausrede ist.

Ideal für …

… alle, die einen intensiven Film sehen möchten. Man zuckt in Fingscheidts Regiedebüt zusammen, hält die Luft an, leidet fast körperlich. Und hat doch am Ende das Gefühl, einen richtig guten Film gesehen zu haben.

„Systemsprenger startet am 19. September in den deutschen Kinos und ist für den Oscar 2020 nominiert. Der Film wurde unter sieben Bewerbern als Kandidat für die Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“ ausgewählt.

Titelbild: Yunus Roy Imer/Port au Prince Pictures

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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