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Reisefrust

Weil wir immer Neues sehen wollen, zerstören wir die Ziele, nach denen wir uns sehnen. Das Drama des Geheimtipps beschreibt Marco d’Eramo in seiner Tourismuskritik „Die Welt im Selfie“

Super Sunday

Florenz ist zu voll! Allein der Spazierweg im Parco delle Cascine ist „verstopft von sechshundert Russen oder Engländern“, die Stadt in der Toskana „ein Museum voller Ausländer, die ihre eigenen Gepflogenheiten dorthin verpflanzen“.

 

Special: Wie wir reisen

Dieses Zitat ist keine Ein-Sterne-Bewertung auf TripAdvisor, sondern 200 Jahre alt und stammt von dem französischen Schriftsteller Stendhal. Damals war Reisen noch ein Oberschichtenprivileg, heute hingegen wächst die Tourismusbranche immer weiter: Weltweit hängen zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts und der Arbeitsplätze an ihr. Und so ruft der italienische Journalist und Autor Marco d’Eramo in seinem Sachbuch „Die Welt im Selfie“ das Zeitalter des Tourismus aus.

Unesco-Weltkulturerbe – ein Todesurteil

Der Tourismus wirkt für d’Eramo heute weltverändernd wie früher die Schwerindustrie. Denn neben der massiven Umweltbelastung – Klimaerwärmung durch Flugzeugbenzin oder Zerstörung von unberührten Lebensräumen wie in den Alpen – beeinflusst der Tourismus die Reiseziele, schafft neue und löscht alte aus.

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Marco d’Eramo: „Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters“. Aus dem Italienischen von Martina Kempter. Suhrkamp, Berlin 2018, 362 Seiten, 26 Euro

Marco d’Eramo: „Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters“. Suhrkamp, 362 Seiten, 26 Euro

Am schlimmsten hat es für d’Eramo dabei Touristenstädte wie Venedig, Rom oder das chinesische Lijiang getroffen. In den überlaufenen Stadtzentren ersetzt eine überteuerte, uniforme Starbucks-Ökonomie die Dienstleistungen für Einheimische. Das Todesurteil hierfür sei das Label des Unesco-Weltkulturerbes. Vergeben mit bestem Gewissen für den Schutz des Originalen und Authentischen – was immer das auch sein mag –, erreicht es oft das Gegenteil. „Der Tourismus tötet die Stadt auf subtile Weise, indem er ihr das Innenleben wegnimmt und sie als eine Art Stadtpräparat zu einem riesigen Themenpark macht“, kritisiert d’Eramo.

Das nämlich, so eine immer wiederkehrende Kernthese des Buches, sei das ewige Schicksal des Touristen und mache ihn zur tragischen Gestalt: Immer strebt er nach Authentizität, sucht beispielsweise das ursprüngliche Spanien, will bei den Locals übernachten und Orte besuchen, wo er keine anderen Touristen trifft. Doch wirklich unberührt ist einzig das Tal, in das kein Bus fährt, und ein echter Geheimtipp ist ein Stadtviertel immer nur einige Jahre, bevor man selbst da war. Alles, wonach der Tourist strebt, macht er kaputt.

In seinem Touristenbegriff ist d’Eramo ein wenig festgefahren, die Motivation eines nicht unbedeutenden Teils der Menschen, die wirklich nur unter ihresgleichen am Strand liegen wollen, unterschlägt er. Trotzdem ist „Die Welt im Selfie“ in ihren stärksten Passagen eine mitreißende Analyse der Ökonomie und der Soziologie des Tourismus. Manch eine/r dürfte sich beim Lesen mehr als einmal hart bei der eigenen Selbstgerechtigkeit ertappt fühlen.

Touristenbashing als Unterschichtenverachtung

Mitunter schlägt Marco d’Eramo recht verstiegene, essayhafte Volten um das Hauptthema, hier wechselt der Tonfall dann eher zu dem eines Hauptseminars Soziologie. Er hat seinen Marx gelesen, seinen Hegel, seinen Bourdieu und seinen Barthes – und das zeigt er auch gerne. Dabei ist d’Eramo zu klug, um den Tourismus einfach nur zu verteufeln. Er bietet positive Deutungen an, beschreibt den Tourismus als „Hunger nach Welt“ und macht den Touristen zum „Synonym jeder Form moderne Neugier auf alles, was anders ist als man selbst“.

Und das eingangs beschriebene Touristenbashing – wer hat es noch nicht selbst gemacht? – ordnet er als Distinktionsstreben und als Ausdruck von Unterschichtenverachtung ein, bedingt durch die historische Entwicklung des Reisens: War dies im 17. Jahrhundert nur für junge Adlige üblich und möglich, kamen nach und nach immer mehr Gesellschaftsklassen hinzu. Bis schließlich im 20. Jahrhundert die Einführung des bezahlten Urlaubs für die Arbeiterschaft und die Massenverfügbarkeit von Automobil und Flugreisen das Zeitalter des Tourismus einleiteten. Nun können in Industriestaaten alle in die Ferien fahren – und tun dies auch. Was für ein Drama!

Ideal für … alle, die sich im Urlaub über die vielen Touristen aufregen und selbst natürlich clever nur die „Geheimtipps“ im Lonely Planet anschauen.

Titelbild: Jörg Brüggemann / OSTKREUZ 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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