Das Heft – Nr. 80

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Bruchbude

Gut die Hälfte des in Deutschland anfallenden Mülls sind Bau- und Abbruchabfälle. Dabei ließe sich mit den Resten vom Abriss wieder etwas bauen – zum Beispiel ein Recyclinghaus

  • 4 Min.
Recyclinghaus

Als Achim Bothmann sein neues Zuhause das erste Mal betrat, störte ihn vor allem der Teppichboden im ersten Stock. „Teppich kann ich eigentlich überhaupt nicht ab“, sagt er – doch in diesem Fall knickte er ein. „Der Teppich wurde aus sogenannten Geisternetzen hergestellt“, so der Bauingenieur. Geisternetze sind Fischernetze, die herrenlos im Meer umhertreiben. Mit dem Teppich im Recyclinghaus wurde also das Meer ein kleines Stück von Müll befreit. Ein Gedanke, der ihm und seiner Familie gefällt und das Haus für sie umso wohnlicher macht.

Das erste Recyclinghaus Deutschlands hat drei Stockwerke, sechs Zimmer und insgesamt rund 150 Quadratmeter Wohnfläche. Bothmann ist mit seiner Partnerin Dorothee Weinlich und ihren zwei Kindern vor zwei Jahren eingezogen. Seitdem müssen sie immer wieder mal staunenden Gästen erklären, wie es sich zusammensetzt. Also: Die Fassade besteht aus gebrauchten Glas- und Zementplatten von einem Abrisshaus. Manche Innenwände sind aus alten Ziegeln, andere bestehen aus Spanplatten vom Messebau, die auch als Türen verwendet wurden. Das Sonnenlicht fällt durch Fenster, die auch schon in einem anderen Gebäude eingesetzt waren. Die Fensterrahmen bestehen aus Aluminium, das sonst im Schrottcontainer gelandet wäre.

230 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle entstehen in Deutschland jährlich 

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Waschbecken

Zapfanlage im Bad: Kronkorken statt Mosaikfliesen, ein Retro-Waschbecken statt Neuware – auch im Haus wurde auf Recycling geachtet

Vom Fundament bis hin zur mit Kronkorken verzierten Wand im Badezimmer – fast das gesamte Haus wurde aus Materialien errichtet, die normalerweise weggeworfen werden, oder zumindest aus Bauteilen, die später leicht wiederverwertbar sind. Viel wird auch beim Bauherrn und Eigentümer des Recyclinghauses, dem Hannoveraner Wohnungsbauunternehmen Gundlach, entsorgt. „Wir erleben es täglich auf unseren Baustellen“, sagt Franz-Josef Gerbens, Ökologiebeauftragter bei Gundlach. Das Recyclinghaus sei der Versuch, weniger Müll zu produzieren. „Es ist ein Experiment. Wir wollten ausprobieren, was mit Recycling alles möglich ist.“

Die Baubranche ist ein gigantischer Müllproduzent. Mit rund 230 Millionen Tonnen im Jahr machen Bau- und Abbruchabfälle mehr als die Hälfte des gesamten deutschen Müllaufkommens aus. Das meiste davon endet auf Deponien und als Verfüllmaterial in Löchern vom Braunkohleabbau, ein Teil kommt auch im Straßenbau unter. Doch so gut wie nichts wird in neuen Häusern wiederverwertet. „Abreißen und wegwerfen ist billiger als wiederverwerten“, sagt Gerbens. Im Recyclinghaus hingegen haben sogar alte Gehwegplatten einen neuen Platz erhalten – als Ersatz für den Estrich unter dem Fußbodenbelag. Das Fundament besteht aus sogenanntem Recyclingbeton. Dabei handelt es sich um ein Gemisch aus Alt und Neu. Einmal verbauter Beton, zurückgewonnen und zerkleinert, wurde mit natürlichen Rohstoffen wie Sand und Kies vermischt. Eine Mixtur, die bei Gundlach offenbar Gefallen findet. Das Bauunternehmen plant in der Nachbarschaft zum Recyclinghaus ein neues Wohnquartier. Auch hier soll Recyclingbeton eingesetzt werden.

Bei dem Bauunternehmen ist man zuversichtlich, dass in Zukunft weniger Abfälle auf Baustellen anfallen. Die Hoffnung beruht auf industriell recycelten Materialien, wie sie auch im Recyclinghaus zum Einsatz gekommen sind. Dazu gehören alte Jutesäcke, die ursprünglich für den Transport von Kakaobohnen genutzt wurden. Sie eignen sich als Dämmstoff.

Ein Problem beim Recycling auf dem Bau sind die höheren Kosten und – man mag es angesichts der wachsenden Müllberge kaum glauben – die mangelnde Verfügbarkeit von geeignetem Material. „Man muss die Bauteile genau dann bekommen, wenn man sie braucht“, sagt der Architekt Nils Nolting vom Büro Cityförster in Hannover. Er hat das Recyclinghaus entworfen und weiß genau, wie knifflig die Materialsuche ist. Während neue Materialien nach Belieben verfügbar sind, musste Nolting nehmen, was er kriegen konnte und was die Baufirma von ihren anderen Baustellen für ihn abzweigte. Wann immer etwas nützlich schien, erhielt der Architekt einen Anruf. Entscheidungen mussten spontan getroffen werden.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

2 Kommentare
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R. Schomisch
  ·  
30.09.2021-03:09

Absolute Spitze! Der Mut das Ganze so anzupacken unglaublich aber nachahmenswert.
In der Beschreibung fehlt leider eine KOste-
gegenüberstellung

Hubert Schu Arc...
  ·  
06.10.2021-12:10

Die `Bruchbude´ ist auch stilistisch recht gut strukturiert worden - in dem heutigen Allerwelts-Mischmasch nicht selbstverständlich.
Es war immer üblich, von Vorgängerbauten Teile zu belassen oder Spolien-Elemente in die neue Architektur zu integrieren; gut, dass Bau- und Baustoff-Recycling wieder gefragt ist.
Vielleicht sollte man jedoch noch stärker auf den Ortsbezug achten.