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Diese Filme zeigen das Leben hinter Gittern

Der Alltag Inhaftierter ist ein klassischer, meist ziemlich ernster und hochpolitischer Filmstoff – manchmal wird aber auch gesungen und getanzt

  • 4 Min.
Szene aus der Netflix-Serie Orange is the new Black

Der 13.

In Erinnerung bleibt gleich der erste Satz. Der stammt von Barack Obama. Er sagt, die USA stellten 5 Prozent der Weltbevölkerung, aber 25 Prozent der Gefängnisinsassen weltweit. Irgendwas scheint da aus dem Ruder gelaufen im land of the free. Zumal die Insassen recht ungleich verteilt sind: 37 Prozent sind Schwarze, die aber nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen (2013). Wie das kommt, erklärt Regisseurin Ava DuVernay mit einem weiten, elegant argumentierenden Erzählbogen. Mit der Abschaffung der Sklaverei 1865 begann ein Prozess der Kriminalisierung der Schwarzen in den USA, der aus wirtschaftlichen und politischen Interessen bis heute fortwirkt. Denn wer in den USA im Gefängnis sitzt, verliert sein Wahlrecht. Besonders streng ist das Gesetz im politisch hart umkämpften Swing State Florida. Hier waren sogar Freigelassene vom Wahlrecht ausgeschlossen. Mit der Folge, dass laut Schätzungen jeder Zehnte nicht wählen kann. Das wurde nun geändert: Bei der Präsidentschaftswahl 2020 können 1,4 Millionen Amerikaner mehr ihre Stimme abgeben.

„13th“, USA 2017, 100 Minuten

Die Verurteilten

Lebenslänglich, zweimal sogar, lautet das Urteil für den jungen Bankmanager Andy Dufresne (Tim Robbins), einen Doppelmord soll er verübt haben. Im Gefängnis muss Dufresne, eher der stille Typ, Schikanen und Willkür durch das Wachpersonal und Mitgefangene ertragen, gleichzeitig findet er Freunde und Aufgaben wie den Aufbau einer Gefängnisbibliothek. Der Handlungsbogen von „Die Verurteilten“ – dessen Drehbuchvorlage übrigens eine Kurzgeschichte von Stephen King ist – umfasst Jahrzehnte, und immer geht es um eine Frage: Wie schafft man es, in einem entmenschlichenden Umfeld und ohne Perspektive auf Entlassung seine Menschlichkeit, seine Würde und auch seine Hoffnung zu bewahren?

„The Shawshank Redemption“, USA 1994, 142 Minuten

Dead Man Walking

Ist die Hinrichtung eine gerechte Strafe für ein Kapitalverbrechen, kann sie den Hinterbliebenen eines Mordopfers Genugtuung bieten? In den USA befürwortet eine knappe Mehrheit die Todesstrafe. Ungefähr 3.000 Häftlinge warten hier auf ihre Hinrichtung. „Dead Man Walking“ schildert – semifiktiv, denn basierend auf zwei wahren Fällen – die letzten Monate des Todeskandidaten Matthew Poncelet (Sean Penn), der von der Nonne Helen Prejean (Susan Sarandon) seelsorgerisch begleitet wird und ein letztes Gnadengesuch erwirken will. Dabei ist Poncelet alles andere als ein Sympathieträger, und gerade das macht „Dead Man Walking“ so differenziert bei Fragen nach Moral und Gerechtigkeit. Klare Antworten sollte man allerdings nicht erwarten.

„Dead Man Walking“, USA 1995, 122 Minuten

Orange Is the New Black

Für ein Drogenvergehen in ihrer Jugend muss Piper Chapman (Taylor Schilling), eine prototypische weiße Mittelschichts-US-Amerikanerin, ein Jahr ins Frauengefängnis. Und erlebt dort stellvertretend für das Netflix-Mittelschichtspublikum all das, was man sich im Mikrokosmos Gefängnis eben so vorstellt: eine florierende Schattenwirtschaft, das knallhart durchgesetzte Recht der Stärkeren, Schutz durch Gruppenbildung, Liebschaften, sexistische Wärter. „Orange Is the New Black“ mischt Sozialkritik mit Emotionen und viel Humor, ist so vielschichtig erzählt, dass es seit Jahren zu den beliebtesten Serien des Streamingdienstes Netflix gehört – und beweist ganz nebenbei, dass eine Serie natürlich auch sehr gut funktioniert, wenn fast alle Figuren weiblich sind und viele davon auch noch queer und/oder of color.

„Orange Is the New Black“, USA, seit 2013, bisher 78 Folgen in sechs Staffeln

Hunger

66 Tage. So lange dauerte der Hungerstreik von Bobby Sands. Am 5. Mai 1981 starb der Mann, der aus Sicht der britischen Regierung ein Terrorist der IRA war, aus Sicht nicht weniger katholischer Bewohner Nordirlands ein Freiheitskämpfer. Vom Hungerstreik im Maze Prison, wo in den 1970er- und 80er-Jahren Hunderte Teilnehmer des nordirischen Bürgerkriegs inhaftiert waren, handelt Steve McQueens Debütfilm „Hunger“. Die Häftlinge wollen als politische Gefangene anerkannt werden, sie weigern sich, die normale Sträflingskleidung zu tragen, beschmieren ihre Zellen mit Kot und erdulden Misshandlungen durch die Wärter. „Hunger“ ist so radikal wie das Anliegen von Bobby Sands, intensiv, hochästhetisch, schonungslos – auch für Hauptdarsteller Michael Fassbender: Der nahm während der Dreharbeiten 20 Kilo ab.

„Hunger“, Großbritannien 2008, 92 Minuten

American History X

Die Zeit im Gefängnis verändert einen Menschen – manchmal sogar zum Guten. Als glühender Nazi geht Derek Vinyard (Edward Norton) in Haft, verurteilt zu drei Jahren für den Totschlag an zwei Schwarzen. Im Gefängnis schließt er sich Mithäftlingen aus der rechten Aryan Brotherhood an. Doch als er wieder rauskommt, hat er sich von der Szene abgewandt, sehr zum Missfallen seines kleinen Bruders Danny, der ein Neonazi geworden ist. In Rückblenden wird der Läuterungsprozess Derek Vinyards gezeigt, dem sich in einem Umfeld, in dem Weiße in der Minderheit sind, neue Sichtweisen eröffnen.

„American History X“, USA 1998, 114 Minuten

Chicago

Misshandlungen, Hungerstreiks, Rassismus, Todeskandidaten, die auf ihre Hinrichtung warten: Wenig überraschend, dass das Gefängnisfilmgenre eine eher ernste Angelegenheit ist. Dabei kann so ein Film auch ganz anders aussehen – zum Beispiel wie ein Jazzmusical aus den 1920ern, mit Theaterkunstlicht, Kostümwechseln und ausgefeilt choreografierten Gesangseinlagen. Die Story von „Chicago“ dreht sich um eine Möchtegern- und eine echte Varietékünstlerin (Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones), beide wegen Mordes im Frauengefängnis, und einen windigen Staranwalt (Richard Gere), der genau weiß, wie er seine Klientinnen in der Öffentlichkeit präsentieren muss. So ist „Chicago“ auch Mediensatire, vor allem aber: große Hollywood-Unterhaltung, prämiert mit sechs Oscars.

„Chicago“, USA 2002, 113 Minuten

Down by Law

Treffen sich ein Radio-DJ, ein Zuhälter und ein Italiener in einer Gefängniszelle in New Orleans … Klingt wie ein Witz und ist auch ziemlich lustig: „Down by Law“ ist einer der früheren Filme des Independent-Regisseurs Jim Jarmusch, und der lässt seine Protagonisten (Tom Waits, John Lurie, Roberto Begnini) in einem präzise gefilmten schwarz-weißen Theaterstück voller absurder Szenen und Dialoge aufeinander los, erst in Freiheit, dann im Gefängnis, schließlich auf der Flucht. Zwischendurch tanzen die drei durch ihre Zelle und skandieren „I scream. You scream. We all scream for ice cream.“ Viel Spaß!

„Down by Law“, USA 1986, 107 Minuten

Titelfoto: Netflix



 

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