Thema – Pressefreiheit

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„Wer weiterarbeitet, muss geschickt sein“

Seit dem Putschversuch 2016 gehen türkische Regierung und Behörden härter denn je gegen kritische Journalist*innen vor. Wir haben vier von ihnen gefragt, warum und wie sie den Job weitermachen

Demonstration gegen die Schliessung der kritischen Tageszeitung "Cumhuriyet" (Foto:  Joris van Gennip/laif)

Cem* (28): „Jedes Wort muss weise gewählt sein, sonst kann es als Kündigungsgrund herhalten“

„Das hier ist bestimmt nicht die erste Geschichte, die ihr über den Verfall der Pressefreiheit in der Türkei lest. Vielleicht kennt ihr wen, den das Problem direkt betrifft. Und wenn nicht, habt ihr bestimmt die großen Geschichten türkischer Journalisten im Exil gehört. Ich möchte aber die Geschichten derjenigen erzählen, die noch immer als Journalisten in der Türkei arbeiten. 

Wer einmal nicht alles absegnen lässt, gehört zur wachsenden Zahl arbeitsloser Journalisten

Dafür werde ich nicht meinen echten Namen verwenden. Ich bin mir nicht sicher, wie meine Kollegen und Vorgesetzten das fänden. Als Journalisten haben wir keine Sicherheit. Ich kann jederzeit gefeuert werden, ohne Vorwarnung. Schon dieses Protokoll kann ein Grund sein, mich vor die Tür zu setzen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, was das bei der Arbeit für ein Druck ist: Ein Wort kann mir auf die Füße fallen, meine Entlassung bedeuten. Ein unvorsichtiger Satz kann mich ins Gefängnis bringen. Wer einmal nicht alles absegnen lässt, gehört, zack!, zur wachsenden Zahl arbeitsloser Journalisten. 

Ich möchte nicht jammern, sondern erklären. Lebt man in einem Land, das so kontrovers geführt wird wie die Türkei, muss man als Journalist bereit sein. Jederzeit. Ich mache Überstunden, die nicht bezahlt werden, ich arbeite an Tagen, die eigentlich frei sind, ich habe in den vergangenen drei Jahren keinen Urlaub gemacht. 

Trotzdem komme ich kaum über die Runden. Zwei Drittel meines Einkommens gehen für Wohnen und Rechnungen drauf, der Rest ist gerade genug, um zu überleben. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt im Kino oder auf einem Konzert war.

Warum ich weitermache? Warum ich Gesundheit und Freiheit riskiere, um die Menschen zu informieren, was in der Türkei passiert? Ich glaube an Demokratie und an die Meinungsfreiheit. Wir haben es verdient, die Wahrheit zu hören und zu erzählen. Und wer weiß, vielleicht tragen wir, die weitermachen, so dazu bei, dass Journalisten eines Tages wieder ohne politischen Druck arbeiten und würdevoll von ihrem Verdienst leben können.“ 

Defne* (30): „Journalistin zu sein ist eine Haltung“

„Der Tod von ‚Milliyet‘-Chefredakteur Abdi İpekçi jährte sich im Februar zum vierzigsten Mal. Er war einer der bedeutendsten Journalisten der türkischen Geschichte, warb für Demokratie und Menschenrechte und trat besonders für die Aussöhnung von Griechen und Türken ein. Vier Jahre nach dem Zypernkonflikt ermöglichte er auf einem Kongress erste Treffen zwischen griechischen und türkischen Journalisten. Später wurde İpekçi vor seinem Haus erschossen.

Wegen „finanzieller Probleme“ wurde ich vergangenen Winter entlassen. Seitdem arbeite ich als freie Journalistin. Davon leben kann ich nicht

Heute tötet man uns Journalisten nicht. Aber es gibt andere Wege, uns das Leben schwer zu machen.

Ich lebe in einer kleinen Stadt und habe acht Jahre für eine Lokalzeitung gearbeitet. Wegen ‚finanzieller Probleme‘ wurde ich vergangenen Winter entlassen. Seitdem arbeite ich als freie Journalistin. Davon leben kann ich nicht. Bekannte Kollegen bekommen noch genug Aufträge, eine gewöhnliche Journalistin wie ich leider nicht. Aber ich mache weiter. Journalistin zu sein ist eine Haltung. Ich kann ja schlecht von heute auf morgen aufhören, über das zu sprechen, was um mich herum passiert. 

Das hat mich schon bei der Zeitung in Schwierigkeiten gebracht. Über manche Themen, zum Beispiel LGBTI, durfte ich nicht mehr schreiben. Diese Zensur kann ich nicht hinnehmen. Noch schlimmer wäre aber, wenn ich mich irgendwann selbst zensieren würde. Das will ich nicht. Deshalb werde ich nicht still sein, auch wenn es einfacher wäre.“

Efsane* (31): „Mutig? Ich mache nur meinen Job“

 

„Über ein Austauschprogramm war ich gerade für zwei Monate in Deutschland. Dort wurde ich immer wieder gefragt, wie ich so mutig sein könne, weiterhin in der Türkei zu arbeiten, und ob ich schon mal verhaftet worden sei.

Wurde ich nicht. Ich bin auch nicht besonders mutig. Ich mache wie viele andere Kollegen nur meinen Job. Unsere Aufgabe ist es, Menschen zu informieren und zu bilden, damit sie ihre demokratischen Rechte nutzen können. 

Das Schlimmste ist, dass die Mehrheit der Medien dem Staat gehört

Ich habe mich als Journalistin auf Gerichtsverfahren spezialisiert. Ich berichte über Menschen, die wegen Terror oder Verleumdung angeklagt werden, obwohl sie nur auf ihre Meinungsfreiheit bestehen. Die meisten Verfahren finden im Çağlayan-Gericht statt und sind offen für die Öffentlichkeit. Um hineinzukommen, muss ich mich trotzdem jedes Mal mit den Sicherheitsleuten anlegen. Es hängt von ihrer Gunst ab, ob ich meine Arbeit machen kann.

 

Das mag schlimm klingen, ist aber nicht die eigentliche Katastrophe. 

Eine Kolumnistin zahlte Strafe, weil sie Erdogans Sohn ironisch „Wunderkind“ nannte

Das Schlimmste ist, dass die Mehrheit der Medien dem Staat gehört. Der Rest steht unter finanziellem und juristischem Druck. Es gibt absurd viele Verleumdungsanschuldigungen gegen kritische Medien. Die Autorin und Zeitungskolumnistin Seray Şahiner musste zum Beispiel letztens eine Strafe zahlen, weil sie den Sohn von Präsident Erdoğan ironisch ‚Wunderkind‘ genannt hatte.“ 

Abdi* (27): „Wer weiterarbeitet, muss geschickt sein“

„Natürlich ist es in der Türkei nicht verboten, über Ereignisse zu reden und zu schreiben. Aber es birgt Risiken: Diskreditierung, Geld- oder sogar Gefängnisstrafen, Vertreibung. Was die Arbeit erschwert: Stellt man der falschen Person eine kritische Frage, kann sie dich leicht anschmieren. Jeder kann dich verraten, auch du selbst. Selbstzensur ist für viele Journalistinnen ein großes Problem.

Wer weiterarbeitet, muss geschickt sein. Die Sprache so wählen, dass er eine Zensur umgeht, aufmerksame Leser oder Zuschauer aber trotzdem verstehen, was er sagt. Das ist ein Weg, aber keine Lösung.

Viele Geschichten enden auf „Das bleibt aber unter uns“

Ich schreibe heute vor allem über einfache Menschen. Damit will ich zeigen, dass wir alle viel gemeinsam haben, egal woher wir kommen oder woran wir glauben. Viele vertrauen sich mir nur an, wenn ich ihre Ansichten nicht veröffentliche. Viele Geschichten enden auf ‚Das bleibt aber unter uns‘.

Die Türkei ist ein vielfältiges, wunderschönes und kultiviertes Land. Ich hoffe, dass nicht nur wir Journalisten bald wieder frei davon erzählen können.“

*Anm. d. Red.: Weil derzeit schon Kleinigkeiten zu Beschuldigungen und Klagen gegen türkische Journalist*innen führen, schreiben alle vier unter Pseudonym. Die Protokolle wurden aus dem Englischen übersetzt.

Protokolle: Lisa Neal

Das Titelbild von Joris van Gennip/laif zeigt eine Demonstration gegen die Schließung der regierungskritischen Tageszeitung „Cumhuriyet“.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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