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In dem düsteren Post-Brexit-Game „Not Tonight“ kämpft man als Türsteher dagegen an, abgeschoben zu werden – während eine rechtspopulistische Partei über Großbritannien herrscht

  • 4 Min.
Game Not Tonight
(Panicbarn/NoMoreRobots)

Großbritannien, 2018. Anderthalb Jahre nach dem Brexit-Votum macht die Regierung Ernst: Im Land lebende EU-Bürger werden entrechtet und in Sozialwohnungen gesteckt, ihnen droht die Ausweisung. Als Reaktion auf die Ausgrenzung verüben französische Untergrundkämpfer Terroranschläge. Und das Wetter ist auch nur mäßig.

Dieses Szenario einer alternativen Gegenwart zeichnet das Computerspiel „Not Tonight“. Mittendrin ist Nummer 112, die Spielfigur. Sie ist von Geburt an Britin (man kann sich das Geschlecht des Avatars selbst aussuchen), verliert aber wegen ihrer festlandseuropäischen Vorfahren die Staatsbürgerschaft. Vom Staat kriegt sie einen Job zugewiesen: Türsteherin. Wenn sie damit nicht genug Geld verdient, wird sie abgeschoben.

Anfangs gilt es, Alter, Pässe und Outfits zu kontrollieren...

Die Arbeit beginnt einfach: Vor einem Pub muss man das Alter der Gäste checken. Mit der Zeit kommen immer mehr Merkmale hinzu, außerdem gefälschte Pässe, Schwarzlichtstempel und Körperscanner. Schließlich fragen neue, größere Auftraggeber an – Clubs und Festivalveranstalter –, und es gilt, Dresscodes, VIPs und eine zweite Reihe für Gästelistenplätze im Auge zu behalten, das Ganze natürlich unter Zeitdruck: Nummer 112 hat Mindestquoten zu erfüllen und darf nicht zu viele Fehler machen. Mit Bestechungsgeldern von eigentlich abgewiesenen Gästen und dem Verkauf von Drogen kann man sich etwas Geld dazuverdienen, ruiniert aber seinen Social Credit Score. Auch das kann zur Abschiebung führen.

Rein videospieltechnisch ist das Sortieren von Menschen erst mal eher schlicht, wie ein Casual Game aus der Candy-Crush-Liga, aber auch ähnlich suchtfördernd. Die zunehmende Überforderung und das Funktionierenmüssen unter Hochdruck lassen sich als Anspielung auf die Gig-Economy und die prekäre Behandlung von Minijobbern interpretieren. Letztlich aber ist der Action-Teil von „Not Tonight“ nur ein Tool, um die Story voranzutreiben.

... später steht man vor der Entscheidung: Beugt man sich dem Regime oder unterstützt den Widerstand?

Die rechtspopulistische Partei „Albion First“ liegt mittlerweile in den Wahlumfragen vorne. Ein Arbeitgeber von Nummer 112 wird Opfer eines Brandanschlags, eine Nachbarin offenbart Kontakte zum Widerstand. An einigen Stellen muss man Entscheidungen treffen: Unterstützt sie die Untergrundgruppe, oder passt sie sich lieber den Regeln an, um nicht aufzufallen?

Nach und nach kriegen mehr Nationalitäten pauschales Hausverbot in allen Clubs. Immer wieder schaut bei Nummer 112 ein Polizist vorbei, dessen Verhalten irgendwo zwischen Schikane und Korruption einzuordnen ist. Und die Briten, selbst die wohlmeinenden, behandeln die „Euros“, wie sie nur noch genannt werden, als Bürger zweiter Klasse. „Oh, okay, ich muss langsamer sprechen“ sagen sie, oder „Ach, ihr Euros, für mich seht ihr alle gleich aus“.

Vor fünf Jahren stellte schon einmal ein Indie-Computerspiel die Frage: „Wer darf rein?“ In „Papers, please“ musste man als Grenzbeamter in einem fiktiven osteuropäischen Land Einreisen genehmigen oder verweigern. Das Spiel wurde zum Überraschungserfolg. So gesehen ist „Not Tonight“ nicht wahnsinnig originell. Es funktioniert aber – als Computerspiel wie auch als Statement der britischen Entwickler PanicBarn: gegen Rechtsruck und nationale Abschottung, gegen autoritäre Staaten und Neoliberalismus.

„Not Tonight“ ist voller Anspielungen auf Neoliberalismus, Rechtsruck und nationale Abschottung

Vor allem durch seine Atmosphäre und seine Liebe zum Detail kann „Not Tonight“ punkten. Die üppig ausgestatteten Orte im 16-Bit-Retro-Look, das Sounddesign, die vielen kleinen Extras bis hin zu den diversen Apps auf dem Handy von Nummer 112 – überall gibt es etwas zu entdecken, überall warten Anspielungen.

Vor einer Beachbar zum Beispiel ist die Aufschrift „Continental Breakfast“ durchgestrichen. Und weil aus Italien kein Rotwein mehr importiert werden darf, gibt es nun „Dorseto“ aus der Grafschaft Dorset. Der schmeckt, Seitenhieb auf das britische Klima, natürlich scheußlich. Was auch immer nach dem Brexit auf die Briten zukommen wird – daran lassen die Spieleentwickler mit „Not Tonight“ keinen Zweifel –, ihre Selbstironie werden sie nicht verlieren.

„Not Tonight“ ist am 17. August 2018 bei Steam für PC erschienen. Entwickelt hat es das britische Studio PanicBarn, herausgegeben der Indie-Publisher No More Robots.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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