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Die Serie „Parlament“ begleitet einen EU-Neuling durch Brüssels Bürokratie. Endlich eine Politsatire ohne Altherrenhumor

Serie Parlament

Worum geht’s?

An seinem ersten Tag als Assistent im EU-Parlament in Brüssel bekommt der Franzose Samy (Xavier Lacaille) ein besonderes „Willkommensgeschenk“: Für den Fischereiausschuss soll er einen Änderungsantrag für eine Verordnung gegen das sogenannte „Shark-Finning“ erstellen. Das Problem: Samy weiß weder, was „Finning“ (das Abtrennen der Rückenflosse eines Hais) bedeutet, noch wie man einen Änderungsantrag stellt. Sein Chef Michel (Philippe Duquesne) ist zwar schon ein paar Jahre EU-Abgeordneter, hat aber auch keine Ahnung, was er da tut oder eher: tun sollte. Er drückt sich, ja flieht direkt vor Interviews, dem Verfassen von Berichten und der Arbeit im Allgemeinen. Über zehn Folgen begleitet die deutsch-französisch-belgische Satireserie Parlament Samy, wie er durch das verwinkelte Parlamentsgebäude und die komplexe EU-Bürokratie tappt und versucht, das Richtige zu tun – EU-regelkonform, aber auch moralisch.

Wie wird’s erzählt?

Multilingual, was die Serie nicht nur authentisch, sondern auch besonders charmant macht. Samy und seine Kolleg*innen sprechen vor allem Französisch und Englisch, manchmal auch Deutsch oder eine andere der insgesamt 24 Amtssprachen der EU – manchmal sogar alles auf einmal. Anders als im deutschen Fernsehen üblich, zeigt ARD One die Serie im Original mit deutschen Untertiteln, sodass die sprachlichen Feinheiten erhalten bleiben.

 „Ich bin seit drei Jahren hier. Da kann ich jetzt nicht nachfragen, wie das läuft“

Wie nah ist das an der Realität?

Wie es sich nun mal für Satire gehört, wird auch in „Parlament“ überspitzt, was das Zeug hält. Anleihen an die Realität gibt es dabei natürlich, wie die Verordnung zum Thema Finning, um die es in der Serie geht: 2013 haben das Europäische Parlament und der Rat das Abschneiden von Flossen lebender Haie tatsächlich verboten. Einige Figuren haben auch reale Vorbilder. Die Rolle der Politikerin Marianne Nordager erinnert zum Beispiel stark an die Dänin Margrethe Vestager, Vizepräsidentin der EU-Kommission. Sie hat Milliardenstrafen gegen Konzerne wie Google und Apple verhängt. Die Drehbuchautoren Daran Johnson und Noé Debré, der unweit vom Europäischen Parlament in Straßburg aufgewachsen ist, haben außerdem auf die Details geachtet. Samy kämpft zum Beispiel mit der Sitzordnung im Plenum und Insiderwitzen, die er nicht versteht (etwa dass es die schlimmste Strafe sei, nach Luxemburg versetzt zu werden).

Der stärkste Satz

… kommt von Samys Chef Michel: „Ich bin seit drei Jahren hier. Da kann ich jetzt nicht nachfragen, wie das läuft.“

Gelernt

Dass Lobbyismus tatsächlich auf Lobby, Vorhalle, zurückgeht. Dort nämlich warten die Lobbyist*innen auf die Abgeordneten, um sie von ihren Interessen zu überzeugen. Und dass hinter einem unschuldigen Namen wie „Ocean Preserve Association“ auch ein blutrünstiges Fischereikonglomerat stecken kann.

Lohnt sich das?

Definitiv, schon wegen der liebenswerten Figuren, der gelungenen Dialoge, des schnellen Tempos und der Situationskomik (Regie: Émilie Noblet und Jérémie Sein). Großartig ist etwa die Szene, in der Samys Chef verzweifelt versucht, anderthalb Minuten Sprechzeit im Fischereiausschuss zu füllen (alle anwesenden Gruppen einzeln zu begrüßen dauert nur 21 Sekunden). Schön schwarzhumorig sind auch die Brexit-Spitzen. Die britische Abgeordnete, für die Samys Kollegin Rose arbeitet, feiert etwa immer montags das – aus ihrer Sicht – erfolgreich ausgegangene Referendum zum EU-Ausstieg Großbritanniens mit einer Party (eigentlich fand das Referendum an einem Donnerstag statt, aber wer will schon mit einem Kater ins Wochenende starten, scheint sich die Brexit-Befürworterin zu denken). Anders als Politsatiren wie die ZDF-Produktion „Eichwald, MdB“ kommt „Parlament“ ohne Altherrenhumor und allzu grobe Plattitüden aus. Das liegt vor allem an den jungen Protagonist*innen, die mitunter verkrustete oder undurchsichtige Hierarchien aufbrechen, anstatt sie nur zu persiflieren.

Ideal für

… alle, die gern auf Bürokratie und Behördenjargon schimpfen, die Idee eines vereinten Europas aber trotzdem lieben.

„Parlament“ läuft ab dem 29. September in der ARD-Mediathek und ab dem 6. Oktober auf ARD One.

Foto: Jo Voets/WDR

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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