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„Jemand mit Downsyndrom hier?“

Der Comedian Oliver Polak macht Witze über HIV, Vergewaltigungen und Menschen mit Behinderung. Hier erzählt er, warum das seiner Meinung nach heilsam ist – und wie das Publikum auf Grenzüberschreitungen reagiert

Oliver Polak

Ich finde, man sollte grundsätzlich über alles und jeden Witze machen dürfen. Über HIV, über sexuellen Missbrauch, über Menschen mit Downsyndrom. Je größer das Tabu, desto besser der Gag. Ich bin aber nicht primär politisch inkorrekt, um witzig zu sein. Auch nicht, um Leute zu provozieren. Ich spiegle einfach nur wider, was ich in unserer Gesellschaft sehe.

„In den USA liefern Shows wie die von Trevor Noah, John Oliver oder Stephen Colbert mehr Aufklärerisches als die Nachrichten“

In der deutschen Comedy gibt es die gängige Meinung, dass jedes künstlerische Programm einen klaren Titel und einen roten Faden braucht. Das meiste, was auf unseren Bühnen passiert, ist deshalb meiner Meinung nach oberflächliches Abarbeiten irgendeines belanglosen Mists. Am Ende müssen sich alle einig sein, sich am besten noch wohlfühlen und in ihren Cordjacketts zufrieden an einem Glas Rotwein nippen. Kabarett, in dem es wirklich um was geht, gibt es kaum. In den USA liefern Shows wie die von Trevor Noah, John Oliver oder Stephen Colbert mehr Aufklärerisches als die Nachrichten. Weil sie eine klare Sprache benutzen, manchmal auch eine harte, und Dinge ganz konkret ansprechen.

Meine letzte Show hieß „Über alles“. Darin habe ich über alles gesprochen, was mich gerade beschäftigt. Oft sind das Themen, die zwar wichtig sind, aber von der Öffentlichkeit gerne unter den Teppich gekehrt werden. Warum sprechen alle über Missbrauch durch die Terrormiliz IS, aber kaum einer über 500 Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen? 500 Kinder, die von Geistlichen geschlagen oder sexuell missbraucht wurden? Das sind so Fragen, die man sich als Comedian halt stellt und dann bespricht. Im besten Fall ist das Ganze lustig, eine große Rolle spielt der sogenannte Comic Relief. Wenn ich zum Beispiel sage, man solle pädophile Straftäter kennzeichnen, etwa mit einem Kreuz und einem Priestergewand, dann hat das Lachen darüber unter Umständen eine Art heilende Wirkung. Danach ist es leichter, über die Sache zu reden.

„Lasst doch den Komiker in Ruhe, der einen Witz über Dieter Wedel macht, und kritisiert Dieter Wedel selbst!“

Ich habe keine Angst, Probleme zu verharmlosen, nur weil ich darüber lache. Wer bin ich denn, dass ich diese Macht hätte? Die wahre Gefahr geht meiner Meinung nach von der Gesellschaft aus, die tatsächlich die Würde der Menschen angreift. Der Missstand ist nicht, dass ich über sexuellen Missbrauch Witze mache, sondern dass es sexuellen Missbrauch gibt. Wenn mich mal wieder irgendwer deshalb schimpft, denke ich mir nur: Lasst doch den Komiker in Ruhe, der einen Witz über Dieter Wedel macht, und kritisiert Dieter Wedel selbst!

Am Anfang war es schon hart. Als ich vor zehn Jahren mit Stand-up-Comedy angefangen habe, gab es in Deutschland – anders als in den USA – meines Wissens noch keinen, der seine eigene Biografie und Ansichten als Basis für Stand-ups genutzt hat. Ich bin jüdisch und habe das auf der Bühne thematisiert. Das Publikum war davon oft total irritiert. Ich selbst sah mich nicht als politisch, für die Leute aber war ich ein Politikum. Sie haben tausend Sachen in mich hineininterpretiert, die sicher oft weniger mit mir als mit ihnen selbst zu tun hatten.

 

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Oliver Polak
Kleines Päuschen, bevor es im Herbst wieder auf Tour geht. „Der Endgegner“ wird das neue Programm heißen und handelt, deep shit, von der Beziehung zu sich selbst

Dieses Prinzip gilt auch für ganz viele andere Themen. Wenn ich bei einer Show ins Publikum frage „Ist jemand mit Downsyndrom hier?“, reagiert es immer auffällig verhalten. Ich spiele mit dieser Scham und hake nach: „Ey, merkt ihr überhaupt, dass ich einfach nur gefragt habe, ob Leute mit Downsyndrom da sind? Warum friert ihr plötzlich ein, wo ist das Problem? Ich dachte, die gehören zu uns!“

„Von der Einstellung her ist dieses Land ganz und gar nicht politisch korrekt. Es ist diskriminierend und rassistisch“

Vor kurzem haben Micky Beisenherz und ich eine neue Folge von „Das Lachen der Anderen“ herausgebracht. In dem Format begeben wir uns für eine längere Zeit unter Menschen mit einem bestimmten Schicksal und performen dann für sie und über sie einen Stand-up. Diesmal ging es um HIV. Die Zahl der Neuinfizierungen bei Heterosexuellen und Drogenabhängigen in Deutschland steigt ja momentan. Vor ein paar Jahren war ich in einer Beziehung mit einer Frau, die HIV hatte. Erst da habe ich bemerkt: Viele Menschen haben keine Ahnung von HIV und behandeln Infizierte, als hätten sie Lepra. Die Wahrheit ist, dass man mit der richtigen Behandlung sehr gut mit HIV leben kann – besser jedenfalls als mit den Menschen, die wissen, dass du es hast.

Ich habe oft das Gefühl, dass sich viele gesunde weiße Deutsche überhaupt nicht in die Lage von jemandem versetzen können, der sich auf irgendeine Weise von ihnen unterscheidet. Der krank ist oder schwarz, aus Syrien kommt oder an etwas anderes glaubt als sie. Von der Einstellung her ist dieses Land ganz und gar nicht politisch korrekt. Es ist diskriminierend und rassistisch. Die Aufgabe des Komikers ist es, das zu spiegeln. Ein Witz darf ethnische Unterschiede verhandeln, rassistische Vorurteile zementieren darf er nicht.

„Diesen Spruch von Tucholsky – ‚Satire darf alles’ – kann ich nicht mehr hören. So hat er das auch nie gesagt“

Natürlich lässt sich damit nicht alles legitimieren. Jemanden einfach nur zu beleidigen ist plump und falsch. Diesen Spruch von Tucholsky – „Satire darf alles“ – kann ich nicht mehr hören. So hat er das auch nie gesagt: Die paar Wörter sind der letzte Satz eines ganzen Pamphlets. Wenn man all das, was davor steht, beachtet – dann darf Satire alles.

Ich bin sehr extrem in meiner Kunst und bin mir bewusst, dass das manchmal auch ein Problem sein kann. Wenn ich zum Beispiel jemanden kennenlerne, einen Spruch ablasse und dann merke, dass die Person davon verletzt ist. Einfach weil sie auf einem ganz anderen Level ist. Weil ich zu routiniert mit Themen umgehe oder vielleicht auch schon etwas abgestumpft bin. Angenommen, ich würde in einem Stand-up über ein großes Tabu sprechen. Und nach der Show würde jemand, der davon betroffen ist, weinend vor mir stehen. Dann würde ich sagen: „Hey, das war doch nur ein Gag! Falls er dich verletzt hat, dann tut mir das leid. Das war nicht meine Intention.“ Für den Witz selbst würde ich mich aber nicht entschuldigen.

Oliver Polak, 42, ist Stand-up-Comedian, Autor und hat einen Podcast namens „Juwelen im Morast der Langeweile“. Letztes Jahr wurde er mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Er lebt in Berlin, zusammen mit Arthur, dem Hund



 

Fotos: Theodor Barth

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Gast
  ·  
12.05.2018-07:05

Es ist ja schön und gut, die eigene Biographie als Grundlage fürs humoristische Schaffen zu nehmen, bloß merkt man davon bei den Auftritten nichts. Grade das Herausstellen der eigenen Identität und der Subjektivismus, die eigenen Fehl- und Vorurteile vielleicht mal thematisieren - das macht für mich ehrliche Comedy aus. Aber das kommt nicht vor. Stattdessen ein klar abgestecktes "Ich" und "Ihr", wobei das "Ich" hinter einem schwall moralischer Belehrungen (die ja inhaltlich stimmen) komplett verschwindet. Da ist er, trotz urbanem Gelaber und Verkleidung, den verhassten Kabarettisten sogar ziemlich nah. Und grade die Grenze zwischen Gag und echter Diskriminierung hat er nicht so wirklich drauf. Ich mag Tilo Jung zB auch nicht, aber ihm öffentlich ganz unironisch eine Vergewaltigung zu wünschen oder Leute auf Facebook mit "Halt einfach die Fresse, du Untermensch" anzubellen, weil sie es wagen ihn "unlustig" zu nennen, zeugt wirklich nicht davon, zu wissen in welchem Kontext man sich grade bewegt. Da kommen 1. Zweifel an seiner ethischen Grundhaltung und 2. an seiner Fähigkeit zur Selbstreflexion. Und das ist eigentlich der Tod jeder humoristischen Arbeit. Aber er hat Glück, das ist den Leuten nämlich in dieser diskriminierenden, rassistischen Gesellschaft ja wurscht, die Lachen auch über Chris Tall und Atze Schröder.