Sie werden kein Schauspiel sehen.
Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden.
Sie werden kein Spiel sehen.
Hier wird nicht gespielt werden. 

Mit dieser Passage eröffnet Peter Handke seine "Publikumsbeschimpfung", ein Stück, das als erstes behauptet, gar kein Theaterstück zu sein. Und doch stehen vier Personen auf der Bühne, die in den Zuschauerraum hineinsprechen. Es sind "Sprecher", vermerkt der Dramatiker in den "Regeln für die Schauspieler", die er dem Stück vorausschickt.

Es war das erste Sprechstück des damals erst 23-jährigen Jurastudenten, uraufgeführt im Juni 1966 unter der Regie von Claus Peymann in Frankfurt am Main. Und es wurde eine Revolution. Handke führte das konventionelle Theater ad absurdum. Bühnenbild, Kostüm, ausgefeilte Beleuchtung – alles Fehlanzeige. Nur Theater, das auf die Wirkung von Sprache reduziert war: ein reines Sprechstück. Um die Zuschauer/innen vor dem Beginn der Aufführung in der Sicherheit zu wiegen, dass alles wie gewohnt ablaufen würde, wurden Tonbänder hinter dem geschlossenen Vorhang abgespielt, auf denen man das Verrücken von Requisiten hörte und das Flüstern von Schauspielern/innen.

Gegen das "epische Theater"

Dann begann das Stück – das einzig seine eigene Inszenierung thematisiert. Vom ersten bis zum letzten Wort richtet sich die "Publikumsbeschimpfung" an das Publikum im Saal. Dessen Unbeweglichkeit in den Klappsesseln wird ebenso thematisiert wie die Zeitspanne, die die Aufführung dauert. Die Inszenierung bringt keine Geschichte auf die Bühne, die an einem deutlich erkennbaren "Anderswo" spielt und sich über Stunden, Tage oder Jahre hinzieht.

Nein, Handke legte es darauf an, das jeweilige Hier und Jetzt zwischen Bühne und Zuschauerraum zu adressieren: "Hier ist es Ernst mit der Zeit. Hier wird zugegeben, dass sie vergeht, von einem Wort zum andern. Hier wird zugegeben, dass dies Ihre Zeit ist. Hier ist die Zeit Herrscherin, die nach Ihrem Atem gemessen wird. Wir messen die Zeit nach Ihren Atemzügen, nach Ihrem Wimpernzucken, nach Ihren Pulsschlägen, nach Ihrem Zellenwachstum." Und: "Wir wollen mit Ihnen in keinen Dialog treten. Sie sind keine Mitwisser. Sie sind keine Augenzeugen eines Geschehens." Die Zuschauer/innen explizit als "keine Mitwisser, keine Augenzeugen" zu bezeichnen, ist Teil eines unterschwelligen Themas, das sich neben dem Protest gegen das seinerzeit gängige "epische Theater" – für das vor allem Bertolt Brecht steht – durch den Text zieht.

Verloren im Abgrund der Geschichte

Der Genozid an den Juden sei, erklärte Handke einmal, der Grundschock seines Lebens. In Deutschland habe keine Sühne stattgefunden nach den Verbrechen des Nationalsozialismus, die Aufarbeitung der eigenen Gewalttätigkeit fehle völlig. In einer französischen Zeitung, so der österreichische Journalist André Müller, habe der Schriftsteller die Bundesrepublik mit einem Kadaver verglichen, "verloren im Abgrund der Geschichte".

Dagegen und gegen den "den Muff unter den Talaren" demonstrieren auch die Studenten/innen in den 1960er-Jahren, der Zeit, in der Handke als Dramatiker debütiert. Die Studierenden machen mobil gegen die alten Nationalsozialisten/innen, die sich in sichere Positionen in den Wirtschafts- und Wissenschaftsbereichen der neuen Bundesrepublik gerettet hatten, gegen die anhaltende Präsenz nationalsozialistischer Gesinnung. Das verbliebene NS-Personal soll nicht länger ignoriert werden. 

Als die "Publikumsbeschimpfung" am Ende tatsächlich in eine Beschimpfung übergeht, spricht Handke all jene an, die Teil jener Zeit waren: "Ihr Totengräber der abendländischen Kultur, ihr Asozialen, ihr übertünchten Gräber", schimpft er, "ihr Maulhelden, ihr Hurrapatrioten, ihr jüdischen Großkapitalisten" – und: "ihr inneren Emigranten". 

Die Menschen aus ihrer Kulturkonsumentenhaltung befreien

Damals, bei der Uraufführung, saßen im Zuschauerraum lauter Menschen, die den zweiten Weltkrieg als junge Erwachsene miterlebt haben. Heute sind Zeitzeugen rar und Inszenierungen dieses Stücks haben eine ganz andere Wirkung. Doch die geballte vierseitige Schimpftirade Handkes am Ende der "Publikumsbeschimpfung" ist nach wie vor ein Lehrstück voll spöttischer Empörung: "Ihr wart die richtigen. Ihr wart atemberaubend. Ihr habt unsere Erwartungen nicht enttäuscht. Ihr wart die geborenen Schauspieler." Die Worte hallen lange nach.

Für Handke selbst kam dieses erste Sprechstück eigenen Angaben zufolge einer Befreiung gleich. Diesen Freiheitsdrang, auszubrechen und nicht ein von anderen vorgelebtes, vorbestimmtes Leben zu führen, wollte er auch auf sein Theater übertragen. Die Zuschauer/innen sollen provoziert werden: Sie sollen reagieren. Indem er sie direkt adressiert, thematisiert, wie sie dasitzen, atmen und denken, und eine Kanonade an Schimpfphrasen über ihnen ausschüttet, legt Handke es darauf an, sie aus ihrer apathischen Kulturkonsumentenhaltung zu befreien. 

Handke wird deutlich: "Sie wohnen hier keinem Theaterstück bei. Sie wohnen nicht bei. Sie sind im Blickpunkt. Sie sind im Brennpunkt." Und weiter: "Das ist kein Manöver. Das ist keine Übung für den Ernstfall. Niemand braucht sich hier tot zu stellen. Niemand braucht sich hier lebendig stellen. Hier ist nichts gestellt."

Laute Kritik an der Gruppe 47

Jenseits der Bühne läutete Handke übrigens mit einer laut geäußerten Beschimpfung die Auflösung einer der einflussreichsten Vereinigungen der Bundesrepublik ein: 1966 traf sich dieGruppe 47 in Princeton – ein Forum aus Literaten, dem unter anderem Martin Walser, Günter Grass und Ingeborg Bachmann angehörten. Die Gruppe 47 debattierte über Kultur und Politik, sie hatten sich die Demokratisierung Nachkriegsdeutschlands auf die Fahnen geschrieben. Am Rande der USA-Tagung: Handke. 

Der 23-Jährige griff an einem Punkt der Debatte zum Mikrophon und tat, was er tun musste: Er schimpfte. Und rüttelte so die Oberliga der deutschen Literatur auf – seine Motivation war mit der seiner inszenierten "Publikumsbeschimpfung" vergleichbar. Die damalige Literatur in Westdeutschland, die als kritisch und links galt, war für ihn zu einem reinen "Ritual an Erkenntnis" geronnen. Das böse Wort, das Handke den Schriftstellern/innen an den Kopf warf: "Beschreibungsimpotenz". Das Treffen in Princeton war der Anfang vom Ende. Während der Studentenrevolte galt die Autorengruppe dann nur noch als "Papiertiger".

Anne Haeming schreibt für Print- und Onlinemedien. Sie lebt in Berlin.