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Worum geht’s im Nordirland-Konflikt?

Und was hat der Brexit damit zu tun?

Katholische Jugendliche liefern sich Strassenkampf mit der Polizei. Bogside, 1971 (Foto:  Don McCullin / Contact Press Images / Agentur Focus)

Worum ging’s im Nordirland-Konflikt?

Der Nordirland-Konflikt war eine jahrzehntelange Phase bewaffneter Konflikte und politischer Blockaden in den sechs nordöstlichen Grafschaften der Insel. Der Konflikt entstand aus der Aufteilung Irlands in Nordirland und die Republik Irland im Jahr 1922. Zu diesem Zeitpunkt waren das Vereinigte Königreich Großbritannien und Irland seit über 100 Jahren vereint, nach einem Unabhängigkeitskrieg aber spaltete sich die Insel ab.

Du willst es genauer wissen? Die Karte und weitere Hintergründe findest du im Dossier der bpb.

Das protestantisch geprägte Nordirland blieb Teil des Vereinigten Königreichs, die irische Republik im Süden, in der vor allem Katholiken lebten, war wieder ein eigenständiger Staat. Während die Minderheit der katholischen Nationalisten in Nordirland weiterhin die Wiedervereinigung der Insel forderte, wollte die Mehrheit der protestantischen Loyalisten Teil des Vereinigten Königreichs bleiben. Der Konflikt ist also nicht nur ein religiöser, sondern auch ein politischer.

Die Troubles, wie der Konflikt im Volksmund heißt, begannen Ende der 1960er-Jahre. In Nordirland entstand damals eine Bürgerrechtsbewegung, die kritisierte, dass Katholiken systematisch benachteiligt würden. Als Beispiel gilt dafür die Stadt Derry. Beziehungsweise: Londonderry.

Ein Namenszwist mit politischer Tragweite: Der erste Name kam bei den katholischen Nationalisten gut an, die die Unabhängigkeit von Großbritannien wollten, während der zweite von den protestantischen Unionisten (oder auch Loyalisten) bevorzugt wurde – die sich dafür einsetzten, dass Nordirland britisch bleibt.

Die Troubles liefen über 20 Jahre – und kosteten mehr als 3.000 Menschen das Leben.

In Derry/Londonderry wohnten vor allem Katholiken, aber im Stadtparlament waren mehr Protestanten vertreten. Warum? Weil die Wahlbezirksgrenzen zum Vorteil der Protestanten gezogen worden waren. Deshalb gab es ab 1968 in ganz Nordirland immer wieder zu Ausschreitungen zwischen protestantischer und katholischer Bevölkerung, auch in Derry/Londonderry. Dort kam es am 12. August 1969 zum Battle of the Bogside, heftigen Straßenschlachten zwischen beiden Lagern und der Polizei.

Dem folgten monatelang und vielerorts Straßenkämpfe. Deshalb beschloss die britische Regierung, Truppen zu schicken, die für Ruhe sorgen sollten. Einige Katholiken hießen die Soldaten zunächst willkommen, erkannten sie dann aber als parteiisch und ihnen gegenüber feindselig gesinnt. Die 1969/1970 von katholischen Nationalisten gegründete Vorläufige Irische Republikanische Armee (Provisional IRA) kämpfte nun ihrerseits gegen die britische Armee. Paramilitärische Gruppen der Protestanten reagierten darauf wiederum mit Gewalt, auch gegen katholische Zivilisten. Als die Situation immer weiter eskalierte, wurde das nordirische Parlament aufgelöst, London übernahm die direkte Herrschaftsgewalt und schufein Nordirland-Ministerium.

Die Troubles liefen während der gesamten 70er-, 80er- und frühen 90er-Jahre. Sie kosteten mehr als 3.000 Menschen das Leben.

Proteste nach einem Hungerstreik in Belfast

Am 5. Mai 1981 kam es in Belfast zu heftigen Ausschreitungen. Am Morgen starb Bobby Sands, gewählter Abgeordneter des britischen Parlaments und Terrorist der IRA nach 66 Tagen Hungerstreik im Gefängnis. Sands starb, wofür er andere tötete: für seinen Traum eines vereinten Irlands (Foto: Peter Marlow/Magnum Photos/Agentur Focus)

Wer ist die IRA?

Der Name Irische Republikanische Armee wurde im Laufe des vergangenen Jahrhunderts von verschiedenen paramilitärischen Gruppierungen verwendet. Alle vereint die Forderung nach einer Wiedervereinigung Irlands und seine Loslösung von der britischen Gesetzgebung. Die Ursprungs-IRA, gegründet 1919, rekrutierte sich in erster Linie aus Freiwilligen, die während des Ersten Weltkriegs den Dienst in der britischen Armee verweigert hatten.

Raub, Geiselnahmen, Attentate: Die IRA ermordete insgesamt 1.800 Menschen.

Sie kämpfte im irischen Unabhängigkeitskrieg (1919–1921) gegen die britischen Besatzer und wurde 1921 von der ersten irischen Regierung offiziell als Armee der Republik anerkannt. Die „Vorläufige IRA“ (Provisional IRA, oder einfach IRA), gegründet 1969 aus einer Splittergruppe der alten IRA, sah sich als einzige legitime Fortsetzung der „Old IRA“. Ihre Forderungen versuchten sie mittels Raub, Geiselnahmen, Attentaten und Bombenanschlägen durchzusetzen.

Die Mitglieder dieser verbotenen Terrororganisation ermordeten 1.800 Menschen in Nordirland, der Republik Irland, Großbritannien und auf dem europäischen Festland. 1997 verkündete die IRA einen endgültigen Waffenstillstand, im Sommer 2005 erklärte sie ihren bewaffneten Kampf für beendet, zwei Jahre später wurde sie entwaffnet.

Was steht im Karfreitagsabkommen?

Am 10. April 1998 fand der Nordirland-Konflikt mit dem Karfreitagsabkommen (Belfast-Abkommen) sein Ende. Der Waffenstillstand, ausgehandelt unter Führung der irischen und britischen Regierung, hatte den Konfliktparteien (Unionisten vs. Nationalisten) Gelegenheit zur Annäherung gegeben.

Ein Künstler aus Berlin will zeigen, dass Frieden anfängt, wo Mauern aufhören – und tapeziert die Peace Walls in Belfast mit Mauern aus aller Welt

In dem Abkommen vereinbarten beide Seiten, dass die nordirische Regierung ihre Macht zum Vorteil aller ausüben sollte. Beide Konfliktparteien sollten sich zudem künftig an der Regierung beteiligen und Konflikte durch Verhandlungen und Kompromisse beilegen. Dieses Prinzip nennt man auch Konkordanzdemokratie.

Fortan teilten sich Unionisten und Nationalisten die Macht. Beide Seiten sollten im neu gegründeten Nordirischen Zusammenschluss (Northern Ireland Assembly) zusammenarbeiten. Eine Kopie des Karfreitagsabkommens wurde an alle Haushalte in Nordirland und in der Republik verschickt. Im Mai stimmten die Bürger in einem Referendum für das Abkommen, das damit offiziell in Kraft trat, und der Nordirische Zusammenschluss nahm seine Arbeit auf.

Und was hat der jahrzehntealte Nordirland-Konflikt mit dem Brexit zu tun?

Derzeit gibt es zwischen Irland und Nordirland eine „weiche Grenze“. Das heißt, dass seit der Einführung des EU-Binnenmarktes 1993 keine Güterkontrollen stattfinden. Auch die Checkpoints der britischen Armee wurden nach dem Karfreitagsabkommen endgültig abgeschafft. Während der Brexit-Verhandlungen sah es lange so aus, als würde der britische EU-Austritt zu einer „harten Grenze“ führen: Zwischen Irland, weiterhin ein EU-Mitglied, und Nordirland wäre dann über Nacht eine 499 Kilometer lange EU-Außengrenze entstanden, an Land wie zur See.

An dieser Grenze eine Regelung zu schaffen, ist die wichtigste Voraussetzung für einen geordneten Brexit und um das Konfliktpotenzial auf der irischen Insel kleinzuhalten. In einem Kompromiss haben Großbritannien und die EU mittlerweile beschlossen, dass Großbritannien und Nordirland weiter reibungslos Waren austauschen können und die Grenze zwischen Nordirland und der Republik offen bleibt. Alle vier Jahre soll in Nordirland über die Sonderrolle des Landes abgestimmt werden.

Titelbild: Don McCullin / Agentur Focus

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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