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Spannender als jeder James Bond

Alexej Nawalny überlebte 2020 nur knapp einen Giftanschlag. Regisseur Daniel Roher liefert nun einen fesselnden Dokumentarfilm über den russischen Oppositionellen

Nawalny auf seinem Weg zurück nach Moskau

Worum geht’s?

Der kanadische Regisseur Daniel Roher erzählt in seiner Dokumentation die Geschichte des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. In einer der ersten Szenen sieht man  Handyaufnahmen, die ein Passagier während des Flugs machte, auf dem Nawalny im August 2020 zusammenbrach – er war mit dem russischen Nervengift Nowitschok vergiftet worden, wie sich später herausstellen sollte. Roher begleitet Nawalny anschließend über Monate – von seinem Aufenthalt in Deutschland, wo er nach seiner Vergiftung behandelt wurde, bis zu seiner Rückkehr nach Russland im Januar 2021, wo er derzeit unter verschärften Haftbedingungen in einem Straflager inhaftiert ist. Im Zentrum des Films steht die Frage, welche Personen den Mordanschlag auf Nawalny geplant und durchgeführt haben und wie sie vorgegangen sind.

Gut zu wissen

Alexej Nawalny ist einer der berühmtesten russischen Oppositionsführer und wird in den Medien häufig als Wladimir Putins Widersacher Nummer eins dargestellt. Er wurde 1976 geboren und wuchs in einem Dorf westlich von Moskau auf. Nawalny studierte Rechtswissenschaften und engagierte sich schon früh als Aktivist und Politiker gegen Korruption in Russland. Immer wieder deckte er in den vergangenen Jahren in Videos die Bestechlichkeit russischer Politiker auf. Bei der Bürgermeisterwahl in Moskau 2013 gelang ihm ein unerwarteter Erfolg: Obwohl die regierungstreuen Medien zuvor kaum über ihn berichtet hatten, holte er rund 27 Prozent der Stimmen und landete auf dem zweiten Platz. Nach dem Anschlag auf ihn und seiner Genesung in Deutschland kehrte Nawalny nach Russland zurück. Dort wurde er noch am Flughafen verhaftet und zunächst zu einer dreieinhalbjährigen Haftstrafe wegen der Verletzung von Bewährungsauflagen verurteilt. Im März 2022 kamen zu dieser Strafe weitere neun Jahre Haft wegen angeblicher Veruntreuung von Geldern hinzu. Menschenrechtsorganisationen stufen die Urteile als politisch motiviert ein.

Wie wird’s erzählt?

Im Stil eines Politthrillers mit vielen spektakulären Momenten. Einer der wichtigsten Protagonisten neben Nawalny ist der Datenjournalist Christo Grozev. Er deckte mit seiner aufwendigen Recherche auf, dass Nawalny wohl von Mitarbeitern des russischen Geheimdienstes FSB vergiftet worden ist. Grozev gelang es mithilfe von Datenbanken im Darknet, an Namen, Fotos und Telefonnummern zu kommen und so das Rätsel um Nawalnys Vergiftung Stück für Stück zu lösen. So zeigt die Dokumentation auch, in welchem russischen Labor Nowitschok mutmaßlich hergestellt wird und wer die Wissenschaftler sind, die daran und vermutlich an der Herstellung anderer chemischer Giftstoffe arbeiten. Daneben gibt es Interviews mit Nawalny, seinen Vertrauten und Angehörigen, aber auch Rückblenden und Archivaufnahmen. Zwischendurch sieht man Nawalny als liebevollen Familienmenschen (er hat eine Frau zwei Kinder) und charismatischen Aktivisten, der stets zum Scherzen aufgelegt ist. Zum Beispiel in der Szene, in der er eine Reportage in Sibirien dreht und gerade mit einer Moderation anfangen will, als jemand direkt hinter ihm an eine Wand tritt und pinkelt. Kameramann: „Da pinkelt jemand, warten wir noch.“ Nawalny: „Das passt doch perfekt!“ und beginnt mit dem Aufsager für die Reportage: „Willkommen im russischen Ghetto!“ Bei alldem ist Nawalny ganz klar der Held der Geschichte, was allerdings kaum verwundert, denn der Film wurde von einer engen Mitarbeiterin Nawalnys mitproduziert. Kritische Töne kommen selten vor.

Gelernt

Im Dokumentarfilm erzählt Nawalny, dass er schon in seiner frühen Jugend etwas in Russland verändern wollte. Dieser Drang sei entstanden, nachdem ihm sein Vater, der 1986 in der Nähe von Tschernobyl wohnte, berichtet habe, dass die sowjetische Regierung die Nuklearkatastrophe vertuschte. Interessant sind auch die Fernsehausschnitte verschiedener kremlnaher Medien, die Roher in der Dokumentation zeigt. In ihnen wird behauptet, dass Nawalny am Abend vor dem Giftanschlag selbst gebrannten Schnaps getrunken habe, dass er (wie angeblich viele Oppositionelle) Antidepressiva aus den USA nehme, Kokain konsumiere und homosexuelle Orgien feiere. Damit erklärten die russischen Medien und Politiker den beinahe tödlichen Zusammenbruch von Nawalny im Flugzeug. Von einem Giftanschlag war nie die Rede. Durch Propaganda wie diese erhält ein Großteil der russischen Bevölkerung ein verzerrtes Bild des Oppositionellen – ganz ähnlich wie derzeit beim russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Auf der anderen Seite gab und gibt es etliche Russen, die andere Medien konsumieren und Nawalny unterstützen – auch wenn es ihnen durch die staatliche Unterdrückung immer schwerer gemacht wird, dies offen zu tun.

Der beste Satz

… stammt aus einer Analyse der Reporterin Clarissa Ward im US-amerikanischen Sender CNN, die Roher zitiert: „Wenn das ein Hollywoodfilm wäre, würde man sagen, die Geschichte sei viel zu übertrieben. Aber sie ist real. Und sie wirft das Narrativ des Kreml über den Haufen.“

Good Job!

Es gibt etliche Momente in „Nawalny“, die berühren: etwa wenn seine 21-jährige Tochter sagt, ihr Vater solle weiterkämpfen, weil er das Richtige tue. Obwohl sie sich der Gefahr bewusst ist, dass er dabei sterben könnte. Oder die Bilder von Hunderten Menschen, die sich 2021 bei Nawalnys Rückkehr am Flughafen in Moskau versammelten, um ein Zeichen für Freiheit in Russland zu setzen – trotz der ständigen Gefahr, bei solchen Protesten verhaftet zu werden.

„Nawalny“ läuft ab dem 5. Mai in den deutschen Kinos.

Titelbild: DCM Cabel News Network Inc.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.