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Da war doch was

Der Film „Memory Box“ erzählt von der schwierige Aufarbeitung des libanesischen Bürgerkriegs – und zeigt, wie schnell wir uns selbst verlieren können, wenn wir unsere eigenen Erinnerungen nicht zulassen

Memory Box

Worum geht’s?

Es soll ein ganz normaler Weihnachtsabend werden. Alex, etwa 16 Jahre alt, wohnt mit ihrer Mutter Maia in Montreal. Auf die Feiertage hat sie keine große Lust: Ihr Vater feiert mal wieder ohne sie, mit seiner neuen Familie. Trotzdem hilft Alex ihrer „Teta“ (Arabisch für Oma), das Festessen vorzubereiten. Dabei gibt es mal wieder gut gemeinte Ratschläge, zum Beispiel: „Man kann einen Mann danach beurteilen, wie er Weinblätter isst. Ein Mann, der gleich zwei auf einmal verschlingt, ist ein egoistischer Vielfraß, der unsere harte Arbeit nicht wertschätzt.“ Alles wie jedes Jahr, scheint es.

Aber dann wird eine Kiste geliefert. Darin: unzählige alte Notizbücher, Fotos, Kassetten und Briefe. Sie wurden vor Jahrzehnten von Alex’ Mutter Maia angefertigt, die als Jugendliche während des Bürgerkriegs im Libanon bei einer im Ausland lebenden Freundin nach Halt in schweren Zeiten suchte. „Ich habe das Gefühl“, heißt es in einem Brief, „als ob ich alles sehen, alles fotografieren wollte. Ich kann nicht aufhören. Ich habe Angst, dass die Stadt zerbröckelt und vor meinen Augen verschwindet.“ Die Erinnerungen an die Kriegsjahre von 1975 bis 1990 sind für Alex’ Mutter noch Jahrzehnte später so schmerzhaft, dass sie die Kiste, die wohl die Familie der Freundin nach deren Tod an Maia geschickt hatte, am liebsten loswerden möchte. Doch Alex kann ihrer Neugier nicht widerstehen, öffnet nachts heimlich die Kiste und damit ein Kapitel ihrer Familiengeschichte, das lange Zeit verborgen war. 

Was steckt dahinter?

Die Regisseur:innen Joana Hadjithomas und Khalil Joreige stammen selbst aus dem Libanon, haben den dortigen Bürgerkrieg als junge Menschen erlebt und vermischen in „Memory Box“ die fiktive Geschichte von Alex und Maia mit autobiografischem Archivmaterial. Auf diese Weise gehen sie der Frage nach, welche Rolle das Erinnern für uns spielt und welche Auswirkungen Kriegstraumata auf Menschen, Familien und ganze Gesellschaften haben können. Das Thema Erinnern zieht sich wie ein roter Faden durch den Film, etwa wenn Alex und ihre Familie am Weihnachtsabend Bilder von dem verstorbenen Onkel und Großvater aufstellen, um „mit den Toten und den Geistern zu essen“. Oder wenn in der Rückschau gezeigt wird, wie Mutter Maia als Jugendliche im Bürgerkrieg Angst davor hat, ihren bei einem Attentat getöteten Bruder eines Tages zu vergessen, während ihre Eltern an den Erinnerungen an den geliebten Sohn zu zerbrechen scheinen.

Wie wird’s erzählt?

Auf zwei Zeitachsen: Einmal ist da Alex, die im heutigen Montreal mithilfe der „Erinnerungskiste“ die Jugend ihrer Mutter nachempfindet. Und dann Maia, die während des libanesischen Bürgerkriegs in Beirut erwachsen wird. Beide Handlungsstränge, die geschickt miteinander verwoben sind, erzählen einfühlsam und sehr persönlich aus dem Leben der beiden Frauen. Obwohl der Film die Schrecken des Bürgerkriegs mit Bombardierungen, Angst und Tod nicht ausklammert – so hört man beispielsweise immer wieder Schüsse und Explosionen im Hintergrund –,  feiert er auch das Leben, das Überleben. Wer in einem Kriegsgebiet aufwächst, das versteht man, wenn man „Memory Box“ guckt, hat eben auch ganz „alltägliche“ Teenagergedanken und -probleme.

„Memory Box“ ist auf dem Berlinale Summer Special am 11., 12. und 18. Juni in Berlin zu sehen. Ein deutscher Kinostart steht leider noch nicht fest. 

So kommt der Film auch mal albern daher, etwa wenn Maia als Jugendliche ihrer Freundin von einer Evakuierung berichtet, bei der ihr Nachbar in seinen Shorts keinen besonders schönen Anblick bot. So zeigt „Memory Box“ auch einfach die Sehnsüchte eines jungen Menschen: Wie Maia von ihrer ersten großen Liebe Raja erzählt oder von ihrem Traum, eines Tages den Bürgerkrieg hinter sich zu lassen und Fotografin zu werden.

Stärkster Satz:

„Es gibt keine Zeit für uns, es gibt keinen Raum für uns“, steht auf einer der Kassetten, die Maia damals für ihre Jugendfreundin aufgenommen hat.

Der Satz bezieht sich auf ihre heimliche Beziehung zu ihrem ersten Freund Raja. Maias Eltern verbieten den Kontakt zwischen den beiden, weil Raja zu einer Milizgruppe gehört, die – so sehen es die Eltern – für den Tod ihres Sohnes verantwortlich ist. Der Satz könnte aber auch für alle Menschen stehen, die während des Bürgerkriegs wie Maias Familie in Beirut ausharren und deren Leben durch die Bombardierungen und Konflikte im Land in einem zermürbenden Stillstand gefangen zu sein scheinen.

Good Job!

Besonders beeindruckt, wie geschickt Joana Hadjithomas und Khalil Joreige ihr eigenes Archivmaterial aus der Zeit des libanesischen Bürgerkriegs mit der fiktiven Geschichte von Alex und Maia zu einer packenden Erzählung verbinden. Alex’ Sicht erzählen die Filmemacher:innen außerdem mit Social-Media-Elementen, beispielsweise wenn sie mit ihren Freund:innen in einem Gruppenchat über ihre Recherche schreibt. Auf diese Weise werden die Erinnerungen der Mutter wiedererweckt und in unsere heutige Zeit überführt. So lässt einen „Memory Box“ vor allem mit einer Erkenntnis zurück: wie schnell wir uns selbst verlieren können, wenn wir unsere eigenen Erinnerungen nicht zulassen.

Titelbild: Haut et Court/ Abbout Productions/Micro_Scope

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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