Was beeinflusst unser Sexualverhalten? Was ist "normal" und was Perversion? Welche Motive leiten uns bei der Wahl des Partners, und warum ist der selten der Richtige? Totale sexuelle Freizügigkeit steht im Konflikt mit unserer Gesellschaft – aber ist nicht auch etwas in uns selbst angelegt, das die Triebe zügelt?

Am Anfang einer Übersicht zu den wichtigsten Theorien zur Sexualität muss natürlich Sigmund Freud stehen, der Begründer der Psychoanalyse. Denn der hat die Sexualtheorie schließlich als Erster entwickelt.

Sigmund Freud: Unterdrücktes Lustprinzip

Der Österreicher Sigmund Freud (1856-1939) entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Sexualtheorie als Teil seiner Triebtheorie. Nach Freud existiert in der Psyche ein Ort des Unbewussten, das sogenannte ES, in der die Triebe, Bedürfnisse und Affekte verwurzelt sind. Der Sexualtrieb ist maßgeblich für die Bedürfnisse, die der Mensch zur Erhaltung seiner Art ausgleichen muss. Eine zügellose Befriedigung der Triebansprüche nach dem "Lustprinzip" führt zu einem Konflikt mit dem "Realitätsprinzip" und ist unvereinbar mit einer zivilisierten Gesellschaft. Deshalb, so Freud, müssen die Triebe permanent unterjocht werden – obwohl dies zu Neurosen führen kann. In der freudianischen Psychoanalyse soll sich der Patient dieser Konflikte bewusst werden.

Wilhelm Reich: Sexualpolitik

Wilhelm Reich (1897-1957) entwarf den Begriff der "Sexualökonomie". Die Libido, beziehungsweise der sexuelle "Haushalt", muss reguliert werden. Im Gegensatz zu seinem Lehrer Freud ging es ihm nicht um die Bewusstwerdung des Verdrängten, sondern um das Ausleben der Sexualität. Die Zivilisation habe, fand der österreichisch-stämmige Reich, dem Menschen eine unnatürliche Sexualmoral aufgezwungen. Demnach sind alle zerstörerischen seelischen Äußerungen das Ergebnis nicht gelebter sexueller Erregungen. Die sexuelle Befreiung bedeutete für Reich einen revolutionären Kulturkampf, mit dem sexuelle Gesundheit und die Autonomie des Menschen erreicht werden soll. Für dieses politische Ziel gründete er unter anderem die Bewegung "Sexpol" – kurz für "Sexualpolitik".

Jacques Lacan: Das Trauma des Realen

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) formulierte mit dem Satz "Das Begehren des Menschen ist das Begehren des Anderen" einen komplexen Gedanken. Er kann unter anderem so verstanden werden, dass in einem begehrten Menschen immer ein Konflikt entsteht – die Angst davor, dass das eigene sexuelle Begehren geweckt werden könnte. Denn Sex ist das bedrohlich "Reale", unsere Natur. Wenn Sex uns in ungeschminkter Form begegnet, etwa in unseren Träumen, reagieren wir mit Angst, so Lacan. Wir erleben ein Trauma. Um die Intensität einer sexuellen Beziehung überhaupt ertragen zu können, wird die Vorstellung des sexuellen Akts deshalb mit romantischen Bildern angereichert – wie in Sexszenen im Film. Die nackte Realität jedoch wäre in unserer Vorstellung so erschütternd, als zeige ein Arbeitskollege Pornofilme im Büro. Die Kultur der Gesellschaft schützt uns vor dem "grauenhaft Realen". Man könnte also, in Umkehrung des Freud-Satzes, bei Lacan von einem "Unbehagen in der Natur" sprechen.

Herbert Marcuse: Sexualität und Konsum

Dass nach Freuds Auffassung Kultur und Zivilisation auf der Unterdrückung der "asozialen" Triebe beruhen, wurde lange Zeit widerspruchslos hingenommen. Ist der Konflikt zwischen den Trieben und der Gesellschaft tatsächlich so unversöhnlich? Die Unterdrückung der Triebe, fand der deutsche Philosoph und Soziologe Herbert Marcuse (1898-1979), schwäche den "Eros", den Lebenstrieb, zugunsten destruktiver Kräfte wie Krieg und Mord. Durch das "Leistungsprinzip" der Gesellschaft steigert sich der Konflikt zunehmend. Die Befriedigung des Begehrens wird in die rare Freizeit verlegt und auf die Genitalität begrenzt – die Beschäftigung mit den Geschlechtsteilen. Und hier hat die Unterhaltungsindustrie die Kontrolle übernommen: Sexualität in der industrialisierten Konsumgesellschaft ist kommerzieller Anreiz und Statussymbol, um die Arbeitsleistung zu steigern.

Michel Foucault: Biopolitik bestimmt das Sexualverhalten

Der französische Philosoph Michel Foucault (1926-1984) geht der Frage nach, wie Mächte auf den Körper einwirken und die sexuelle Identität bestimmen. In seiner Schrift "Der Wille zum Wissen" macht er deutlich, dass Sexualität im Abendland schon immer an die Machtformen gebunden war. Mit der Industrialisierung wurde die freie Entfaltung der Sexualität unterdrückt: weil diese "mit der von der kapitalistischen Ordnung erforderten Arbeitsethik", in der die "unnötige Verschwendung von Energien" als unzulässig gilt, unvereinbar war, so Foucault. Die Folge sei eine "Sozialisierung des Fortpflanzungsverhaltens". Die Empfängnis der Frau wird im Kapitalismus zur Sache der Politik. Permanentes Reden über Sex erzeuge den Eindruck sexueller Freizügigkeit. Durch Reproduktion sexueller Stereotypen wird geregelt, was als adäquates Sexualverhalten gilt. Was nicht der Fortpflanzung dient, wird, so Foucault, zur Perversion erklärt und "psychiatrisiert".

Judith Butler: Aufbrechen traditioneller Geschlechterrollen

In "Das Unbehagen der Geschlechter" (Originaltitel: "Gender Trouble") bezieht sich die US-amerikanische Philosophin Judith Butler (geb. 1956) kritisch auf die Theorien Foucaults – aber auch auf Lacan und Freud. Sie entwickelt eine Geschlechtskategorie, die nicht natürlich gegeben ist. Der Begriff "Gender" lässt sich dabei als "soziales Geschlecht" übersetzen. Die Aufteilung des angeblich natürlich festgelegten körperlichen Geschlechts in männlich und weiblich ist nach Butler bloß eine Konstruktion, um Macht und Herrschaft auszuüben – und die Grundlage für sexistische Unterdrückung. Darüber hinaus ist Identität "performativ": Sie wird kulturell geformt und durch das Handeln in eben diesen Kategorien immer wieder bestätigt. Erst durch die "Unterwerfung" unter gesellschaftliche Normen erhält der Mensch seinen Status als Subjekt.

Weiterlesen

Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (Reclam Verlag 2010, 148 S., 4.40 €)
Wilhelm Reich: Die sexuelle Revolution (S. Fischer Verlag, 272 S., vergriffen)
Slavoj Zizek: Lacan – Eine Einführung (S. Fischer Verlag 2011, 176 S., 11.95 €)
Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft (Suhrkamp Verlag, 271 S., vergriffen)
Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit. Erster Band. Der Wille zum Wissen (Suhrkamp Verlag 1987, 160 S., 9 €)
Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter (Suhrkamp Verlag 1991, 236 S., 11 €)

Antonia Herrscher wurde 1973 in Hamburg geboren und lebt als freie Autorin in Berlin.