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Falsche Freunde, echte Feinde

Matthias Gnehms Comic „Salzhunger“ ist ein Wirtschaftsthriller über die Gier nach Rohstoffen, fiese Ökoschweinereien und postkoloniale Ausbeutung

  • 4 Min.
Salzhunger

Grau. Immer ist der Himmel grau, ob in Lagos, London oder in Zürich, und meist ist es ein leicht ins Gelbe gehendes Grau: giftig. Ungesund. Unheilverheißend. Hier stinkt etwas zum Himmel.

Der ewiggraue Himmel in Matthias Gnehms Comic „Salzhunger“ spiegelt auch die Gemütslage der Hauptfigur Arno Beder wider. Seine Freundin hat sich von ihm getrennt, seine Masterarbeit über „Die globalen Auswirkungen der unbegrenzten Rohstoffausbeutung“ wird und wird nicht fertig und über all dem ist er in eine handfeste Depression gerutscht. Arno ist schlaflos und lebensmüde.

„Salzhunger“ ist ein Graphic Wirtschafts-Thriller: hochpolitisch, ohne dabei belehrend zu werden

Mitten in seinem Tief erreicht ihn ein Jobangebot: Die NGO „Erzfeind“ will Beder für eine konspirative Aktion in Nigeria gewinnen. In Lagos wird ein Schiff des internationalen Rohstoffkonzerns Boromondo erwartet, an Bord: irgendwelche Ökoschweinereien. Benzinschlacke, Giftmüll, man weiß es nicht genau, aber das Zeug soll im Ölförderland Nigeria unauffällig beseitigt werden. Erzfeind will die Lieferung mit einem kleinen Team dokumentieren und damit dann viral gehen. Umweltaktivismus im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie.

Der Titel „Salzhunger“ ist dabei minimal irreführend. Um Salz geht es nicht in dieser Graphic Novel, oder noch besser: in diesem Graphic Wirtschaftsthriller, wohl aber – und deswegen nur „minimal“ – um die vernichtende Gier nach Rohstoffen. Und wie diese dazu beiträgt, dass westliche Konzerne auch im postkolonialen Zeitalter noch den globalen Süden ausbeuten.

Salzhunger

Dicke Striche, dicke Probleme: Auszug aus dem Comic „Salzhunger“

Seit mehr als 60 Jahren wird im Nigerdelta im Süden Nigerias Erdöl gefördert, das Land gehört zu den zehn größten Exportnationen der Welt. Doch von diesem Reichtum profitieren internationale Konzerne wie Shell und Exxon mehr als die nigerianische Bevölkerung, von der etwa 70 Prozent unter der Armutsgrenze leben. Die Ölförderung führt zudem zu massiver Umweltverschmutzung, etwa in den Mangrovenwäldern des Deltas, zur Vertreibung der dort lebenden Bevölkerung und zu bewaffneten Konflikten. Weil es in Nigeria zu wenige Raffinerien gibt, muss Benzin sogar importiert werden – von den Ölkonzernen.

Vor diesem Hintergrund spielt „Salzhunger“ und ist damit natürlich hochpolitisch, ohne ein didaktischer Aufklärungscomic zu sein. Von einer tatsächlich ungelenken, recht erklärbärigen Sequenz abgesehen werden die genannten Zusammenhänge nicht groß ausgeführt, sie sind einfach Realität. Wie der Protest gegen das Neubauprojekt, für das ein ganzes Stadtviertel von Lagos plattgemacht wurde. Die vertriebenen Bewohner besetzen die Baustelle, ihr Widerstand wird von der Polizei mit Schusswaffen bekämpft.

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Salzhunger

Matthias Gnehm: „Salzhunger“, Edition Moderne, 224 Seiten

Dem Storytelling tut dieser nichtdidaktische Weg sehr gut. Wobei „Salzhunger“, so wie jeder gute Wirtschaftsthriller, anfangs mit zahlreichen Personen und Handlungssträngen verwirrt, die erst nach und nach zueinander finden. (Vorteil eines Comics: Wenn man den Überblick verliert, kann man einfach noch mal zurückblättern.) Mit dabei sind die obligatorischen skrupellosen Konzernmitarbeiter und korrupten Polizisten, doch ist – und da wird das Ganze interessant – die NGO nicht viel besser: Bei Erzfeind wird ein Machtkampf ausgetragen, denn auch bei den Guten zählen Effizienz und Erfolg, die man mittels Intrigen und Verrat erreichen kann. Das wird spätestens klar, als herauskommt, dass in den Reihen von Erzfeind ein Maulwurf operiert, der mit Boromondo zusammenarbeitet. Da nimmt die Geschichte so Fahrt auf, dass man leicht zu schnell blättert und die Zeichnungen von Matthias Gnehm nicht angemessen würdigt.

Was schade wäre. Vor allem seine Darstellungen von Infrastrukturprojekten, von verstopften Straßen, von Industriegebieten und anderen Nichtorten sind oft seitenfüllend inszeniert und grandios. Gnehms präziser Blick auf das Urbane hat sich in einem Architekturstudium geschult, gleichzeitig haben seine ruppigen, dicken Striche und die düstersatte Kolorierung mit Pastellkreide einen ungeschlachten, expressionistischen Touch. Das verstärkt die zunehmende Drastik der Handlung.

Die bleibt vielschichtig und dicht – auch weil Gnehm sich bis zum Schluss den Abgründen von Arno Beders Seele widmet.

Matthias Gnehm: „Salzhunger“. Edition Moderne, Zürich 2019, 224 Seiten, 32 Euro

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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