Das Heft – Nr. 81

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Was uns krank macht

Anstrengender Job, Existenzangst, schlechte Wohnverhältnisse: Das alles hat Einfluss auf die Länge des Lebens. Über die existenziellste Form sozialer Ungleichheit

Lebens­erwartung

Es ist eine leise Katastrophe, die trotz guter Datenlage fast unsichtbar ist. Die Lebenszeit, die ein Mensch in Deutsch­land zur Verfügung hat, ist abhängig von der sozialen Klasse: Menschen, die körperlich arbeiten, sterben in Deutsch­land durchschnittlich über vier Jahre früher als Beamte und Beamtinnen. Kassenpatienten erwartet ein deutlich kürzeres Leben als Privatversicherte, und das gesundheitliche Wohl könnte zwischen über­ und unterdurchschnitt­lich verdienenden Menschen kaum unterschiedlicher sein. Arme Männer in Deutschland haben eine über 14 Jah­re kürzere beschwerdefreie Lebens­erwartung als jene, die das Anderthalb­fache des Durchschnitts verdienen. Im Jahr 2019 galt ein Mensch als arm, der nicht mehr als 1.074 Euro im Monat zum Leben hatte.

Die Coronapandemie hat diese existenzielle Benachteiligung in zahl­reichen Ländern sichtbar gemacht, denn das Virus trifft nicht alle sozialen Klas­sen gleichermaßen. Ärmere und sozial benachteiligte Menschen tragen ein deutlich höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe und hatten in Deutschland im vergangenen Winter eine bis zu 70-Prozent höhere Sterblich­keitsrate bei einer Covid-­19-­Infektion. Besonders in den USA traf das Virus die ärmere – und oft nichtweiße – Be­völkerung deutlich stärker. Diese Men­schen kamen fast dreimal so oft ins Krankenhaus, die Todesrate war doppelt so hoch wie beim Rest der Bevölkerung. „Wir müssen Sterben und Krankheit als etwas anerkennen, das in weiten Teilen gesellschaftlich verursacht ist, das uns nicht einfach zustößt“, sagt die Leitung des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen-­ und Geschlechterforschung an der TU Berlin, Sabine Hark.

Statistisch gesehen verlängert ein Abizeugnis das Leben schon um mehrere Jahre

Der Zusammenhang zwischen Klassenzugehörigkeit und Gesundheit ist in einer Vielzahl bedeutender Studien nachgewiesen, die zu eindeutigen Er­gebnissen kommen: So verlängert ein Abizeugnis das Leben gleich um mehrere Jahre. Wer in Stadtteilen mit Sozial­bauten wohnt, lebt im Schnitt zehn Jahre kürzer als jemand aus einem wohlhabenden Be­zirk. Oft sind ärmere Men­schen im Beruf – von der Fabrikarbeit bis zum Bergbau – erheblichen Gesundheitsri­siken ausgesetzt und wohnen in Ballungsgebieten mit deut­lich stärkerer Luftverschmut­zung und Lärmbelastung. Beides sind Faktoren, die die Gesundheit nachweislich negativ beeinflussen.

„Es ist eine Ungleichheit, die, in gewisser Weise un­sichtbar, fast ein gesellschaftliches Tabu ist. Wir haben nicht einmal einen richtigen Begriff dafür, während die Be­zeichnung vital inequality im Englischen zumindest sachlich treffender ist“, sagt Silke van Dyk, Soziologin mit Schwer­punkt Demografie und Ungleichheitsforschung, und weist darauf hin, dass die Betroffenen oft selbst verantwortlich gemacht oder sogar stigmatisiert wür­den. So werde die geringere Lebens­erwartung in öffentlichen Debatten sehr stark auf gesundheitsschädigendes Verhalten ärmerer Personen zurück­geführt. Das Klischee von der ketten­rauchenden, Chips essenden Couch­ Potato im Plattenbau ist weit verbreitet.

Dabei ist ungesundes Essverhalten nicht das Produkt mangelnder Selbst­kontrolle. Darum greife es auch zu kurz, dieses Problem mit Aufklärungskam­pagnen und Wissensvermittlung über gesundes Verhalten beheben zu wollen, meint der Bildungsforscher Werner Friedrichs von der Universität Bamberg. „Wir müssen von der Oberfläche der Sozialstatistiken in die ganz konkrete Lebenswelt der Menschen eintauchen. Rauchern fehlt es ja nicht an Wissen über die Giftstoffe in einer Zigarette.“

Irreführend ist die Betonung eines vermeintlich ungesunden Lebensstils auch deswegen, weil es entscheidende Faktoren, wie gesundheitsgefährdende Wohn-­ und Arbeitsorte, höhere Unfallrisiken, Ungleichbehandlung im Ge­sundheitssystem, Existenzängste oder Diskriminierungserfahrungen, in den Hintergrund drängt.

Darum setzt sich in der Forschung zunehmend die Erkenntnis durch, dass man für eine gerechter verteilte Lebens­erwartung nicht am individuellen Ver­halten, sondern an den Verhältnissen selbst ansetzen müsste. Das betrifft auch den Zugang zu medizinischer Ver­sorgung. Während man früher davon ausging, dass medizinisch­technologi­sche Fortschritte allen zugutekommen, gilt es mittlerweile als bewiesen, dass gut vernetzte und besser gebildete Men­schen sich stets früher und leichter Zugang zu neuen Gesundheitsleistungen verschaffen können. Ein weiteres Bei­spiel für handfeste Unterschiede zwischen den sozialen Klassen ist das Rentensystem. Für alle Menschen gilt ein gemeinsames Eintrittsalter, obwohl viele Berufe körperlich so anstrengend sind, dass eine deutlich kürzere Lebenserwartung belegt ist. Silke van Dyk nennt das eine „substanzielle Umver­teilung von unten nach oben. Früh Sterbende finanzieren die Renten der Besserverdienenden“. In Studien wird darum die Möglichkeit von Ausnahmen diskutiert. Bereits heute dürfen Men­schen, die langjährig im Bergbau beschäftigt waren, ihre Rente in Deutsch­land schon mit 60 Jahren antreten.

Illustration: Wolfgang Wiler

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