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Da lacht das Patriarchat

„Das melancholische Mädchen“ von Susanne Heinrich ist ein Episodenfilm über Feminismus und Kapitalismus mit langen, lustigen Penis-Einstellungen

  • 4 Min.
Foto:  Salzgeber & Co. Medien GmbH

fluter.de: Frau Heinrich, „Das melancholische Mädchen“ ist Ihr Spielfilm-Debüt. Wie haben Sie zu der eher ungewöhnlichen episodischen Form des Films gefunden?

Susanne Heinrich: Bei meinen ersten Übungen an der Filmhochschule habe ich mich noch an klassischem Storytelling versucht. Aber solche filmischen Konventionen habe ich nie richtig beherrscht. Man muss sie dann bewusst wieder verlernen, weil Modelle wie die Heldenreise auch an der dffb [Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, Anm. d. Red.] gepredigt werden. Diese Konventionen zu vergessen, war die Grundlage für das Drehbuch. Zur gleichen Zeit habe ich politische Theorie für mich entdeckt: Eva Illouz’ „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ oder „Der neue Geist des Kapitalismus“ von Luc Boltanski und Ève Chiapello – strukturelles Denken über den Neoliberalismus, etwa darüber, wie wir auch in persönlichen Begegnungen zu Unternehmern unserer selbst werden. Mit solchen Einflüssen kam ein Text zustande, dem man mit filmischen Konventionen nicht begegnen konnte.

Der Film spricht aus Sicht einer jungen Frau über Themen wie Selbstverwirklichung und Geschlechterverhältnisse. Wie haben Sie die Hauptfigur entwickelt?

Als Erstes gab es den Filmtitel „Das melancholische Mädchen“. Das ist vor allem eine Typenbeschreibung, also ein Typ Frau, der vom Neoliberalismus hervorgebracht wird. In dieser Gesellschaft bekommen wir vieles als Einzelschicksal erzählt. Ich wollte hingegen seriell davon erzählen und die Ökonomisierung zwischenmenschlicher Beziehungen, vor allem zwischen Männern und Frauen, in den Mittelpunkt stellen. Es ist kein Film, der darauf abzielt, dass Figur und Zuschauer/-in im selben Moment das gleiche Gefühl haben. Viele können aber sicher Situationen wiedererkennen oder sich mit Positionen oder der Ironie der Figur identifizieren.

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Susanne Heinrich, Regisseurin von "Das melancholische Mädchen"

Susanne Heinrich ist Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Sie brach ihre Schullaufbahn vor dem Abitur ab und studierte anschließend am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2005 erschien „In den Farben der Nacht“, ihr Buchdebüt mit Erzählungen. Ihr erster Kinofilm „Das melancholische Mädchen“ wurde 2019 als bester Spielfilm beim Filmfestival Max Ophüls Preis ausgezeichnet.

Sehen Sie den Film selbst als feministischen Film?

Das wird in der Rezeption des Films entschieden. Er ist natürlich auf der Basis meines eigenen Feminismus entstanden, zu dem ich selbst erst spät gefunden habe.

Was bedeutet Feminismus für Sie?

Für mich steht Kapitalismuskritik im Zentrum vom Feminismus. Deswegen steht auch das Kapitel „Feminismus zu verkaufen“ am Anfang. Dass Feminismus vermarktbar geworden ist, führt dazu, dass viele Themen und Positionen verflachen. Ich finde es schwierig, wenn irgendwelche Hollywood-Diven Reden darüber halten, dass Frauenfilme ja auch erfolgreich sein können. Gleichzeitig verändert sich strukturell nicht viel. Mal auf den Mikrokosmos Filmbetrieb geschaut: Die Statistiken zum Anteil von Frauen haben sich quasi überhaupt nicht geändert in den letzten 30 Jahren, die Schlüsselpositionen sind noch vollkommen ungleich besetzt. Ich glaube, dass der Feminismus im Kapitalismus schnell an seine Grenzen stößt.

Das melancholische Mädchen sagt einmal: „Ich habe letztens einen Film von Helke Sander gesehen. Die Frauen darin waren aufgeklärter, weniger unterdrückt und nicht so blutleer wie wir.“ Ist die Generation um Helke Sander ein Einfluss für Sie?

Ich kann viel mit dem materialistischen Feminismus der neuen Frauenbewegung anfangen, weil ich das Gefühl habe, dass viele Fragen von damals nicht geklärt sind und mich selbst betreffen. Zum Beispiel: Wie kann ich als Mutter und künstlerisch arbeitende Frau leben? Geht das ökonomisch überhaupt, und kann ich darin eine Würde bewahren? Von Sander, aber auch von Ula Stöckl oder Jutta Brückner geht etwas im deutschen Filmschaffen aus, an das ich gerne anknüpfen würde. Auch wenn es stilistisch eher andere Fixsterne gibt, wie Harun Farocki, aber auch die Nouvelle Vague.

Stilistisch ist auffällig, wie die Männerkörper in Ihrem Film inszeniert werden. Wollten Sie den „männlichen Blick“ im Kino umkehren?

Mein Verleiher Björn Koll [von Edition Salzgeber, Anm.] meinte dazu einmal, die Großaufnahme von dem Penis in der Badewannen-Szene sei die Rache für 100 Jahre unmotivierte Dekolleté-Shots im Kino. Das ist vielleicht ein bisschen zu kurz gegriffen. Aber natürlich habe ich mich mit Laura Mulvey auseinandergesetzt. Die feministische Filmtheorie zum male gaze besagt, dass der weibliche Körper aus dieser Perspektive immer das Spektakel im Bild ist. Mit diesem Blick wollte ich spielen, ihn vorführen und sichtbar machen: Was passiert, wenn man Männerkörper wie Frauenkörper filmt? Da gibt es die Szene im Prolog, in der man mit der Kamera plötzlich von oben herab auf diesen nackten, weichen Männerkörper schaut, der dort hindrapiert ist nach dem ikonografischen Motiv der „liegenden Schönen“. In einer anderen Szene lasse ich einen Mann Pin-up-Posen auf dem Bett performen, während die Frau die Stimme, also die Erzählhoheit in der Szene besitzt.

Was würden Sie sich wünschen, wie solche Bilder auf Zuschauer/-innen wirken?

Ich fände es schön, wenn sie ein befreiendes Lachen auslösen. Das habe ich bei Vorführungen schon beobachtet, auch bei Männern, es haben sich bei mir erstaunlich viele Männer für den Penis-Shot bedankt. Und natürlich fände ich es gut, wenn der Film Fragen zum eigenen Blick und zu konventionellen Körperbildern in Filmen auslöst.

Set-Design, Farbgebung und Schauspiel: Die ganze Ästhetik ist von extremer Künstlichkeit geprägt.

Die Aussage des Films liegt zum großen Teil in dieser Ästhetik. Wir haben im Studio gedreht, damit man in den unterschiedlichen Zimmern immer das Gefühl hat, als hätte man sie schon mal gesehen. Im selben Set wurde jeweils nur die Tapete ausgetauscht. Statt realistischer Räume, die wirklich bewohnt sind, sind es eher Mottozimmer. Im Prinzip sprechen diese Räume so, wie auch der Text gesprochen wird. Beide Ebenen treten miteinander in Dialog, überformen einander. Den Modus der Repräsentation und Psychologisierung wollte ich überwinden, damit „Das melancholische Mädchen“ als typisiertes Sittengemälde gesehen werden kann. 

Dieser Text stammt aus dem Kinofenster, dem filmpädagogischen Portal der bpb. Da gibt es noch viel mehr über „Das melancholische Mädchen“. Eine Filmkritik, eine Szenenanalyse und ein Rückblick auf feministische Vorbilder des Films.

Titelbild:  Salzgeber & Co. Medien GmbH

Porträt Susanne Heinrich: Christiane Gundlach

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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