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„Feminismus war ein Schimpfwort“

Als Ula Stöckl 1962 anfing, Filme zu drehen, waren Frauen meist nur Zubehör zu den männlichen Darstellern. Über den weiten Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit im Kino

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Film "Neun Leben hat die Katze" (Film: Deutsche Kinemathek / Ula Stöckl)

fluter.de: Als Sie als Teenager im Kino saßen – welche Frauenfiguren sahen Sie, die Sie geprägt haben? 

Ula Stöckl: Ich kann mich vor allem an amerikanische Filme erinnern, Ingrid Bergman spielte damals zum Beispiel Johanna von Orléans. Solche Frauen waren Vorbilder für mich, sie übten Widerstand und hatten ihren eigenen Kopf. Viele Frauen im Film waren aber nur „Zubehör“ neben dem männlichen Darsteller. Auch wenn ich das damals noch nicht so empfunden habe, denn die Welt um mich herum war ja genauso. Die Männer kamen zu dieser Zeit aus dem Krieg zurück, und Mütter gingen oft von sich aus in die zweite Reihe.

1968 taten sich Frauen zusammen – vor allem in Frankfurt am Main und Westberlin –, um patriarchale Strukturen zu bekämpfen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich war in Ulm damals weit weg von den Zentren der Bewegung. Aber ich bin eine geborene Feministin. Man kann nämlich auch eine sein, ohne es zu wissen. Mir war klar, dass Frauen viel mehr machen können, was sie wollen. Jetzt mussten sie herausfinden, was es denn sein kann, was sie wollen. 

Wie haben Sie das für sich herausgefunden?

Damals warst du ab 21 Jahren volljährig, davor warst du als Frau unter absoluter Observanz von Eltern und Schule. Und auf einmal sollst du gehen und leben. Gelernt hat frau aber nur, dass ihr jetzt das Heiraten offensteht. Ich wusste, dass ich das nicht wollte. Autonomie war immer das wichtigste Wort für mich. Ich bin erst mal als Sekretärin ins Büro. Dann habe ich irgendwann begriffen, wenn ich nicht für immer Zuarbeiterin für einen Mann sein will, muss ich das anders lösen, zum Beispiel über ein Studium. Ich hab mich in Ulm an der Hochschule für Gestaltung beworben.

Ula Stöckls Film „Neun Leben hat die Katze“ läuft in der diesjährigen Retrospektive. Unter dem Motto „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“ sind 50 zwischen 1968 und 1999 entstandene Spiel- und Dokumentarfilme von Frauen zu sehen, darunter viele aus der ehemaligen DDR. 

Sie waren 1962 die erste Frau, die dort Regie studierte. Wie war das Umfeld?

Die Dozenten waren sehr liberale Männer. Mein Vorteil war damals aber, dass ich schon 24 Jahre alt war, als ich mit dem Studium begann. Die Dozenten waren erst 31. Das waren keine alten Herren, und die haben auch nicht die Alte-Herren-Philosophie gelehrt. 

Ihr Abschlussfilm war 1968 „Neun Leben hat die Katze“, der als Deutschlands erster feministischer Film gilt. Es geht um fünf Frauen und ihr Berufsleben, ihre Beziehungen, Familie und körperliche Selbstbestimmung. Warum diese Themen?

Nehmen wir zum Beispiel das Thema Berufsleben. Ich wollte zeigen, dass Frauen auch einen Beruf ausüben und selbstständig sein wollen. Damals stand das im großen Widerspruch zur Gründung einer Familie. Das war ein wichtiges Thema. Auch heute ist das Berufsleben noch ein feministisches Thema: Der Unterschied in der Bezahlung besteht ja immer noch.

Der Film wurde 1968 nicht gezeigt, weil der Verleiher pleite ging. Es hat dann einige Jahre gedauert, bis der Film im Kino lief. Wieso war es schwierig, einen neuen Verleiher zu finden?

Weil 1969 das Jahr war, in dem Produktionsfirmen zum ersten Mal auch Pornoproduzenten sein konnten. Also kam die Forderung an mich: „Können Sie nicht eine Pornoszene drehen?“ Damals war das für mich das absolut Letzte, was mir eingefallen wäre. Ich habe abgelehnt. Damit war „Neun Leben hat die Katze“ erst mal weg vom Fenster.

Sie haben dann Ihr Studium in Ulm abgeschlossen. Welche Erfahrungen haben Sie in der Filmbranche gemacht?

Es war sehr deutlich, dass Männer einen Vorteil hatten. Man darf nicht vergessen, dass damals kein Neuer Deutscher Film – so nannte man damals unsere Autorenfilme – ohne Fernsehbeteiligung entstanden ist. Warum auch immer hatten die jungen männlichen Kollegen eher Zugang zu den größeren Redaktionen. Das hat auch damit zu tun, dass die männlichen Kollegen auf bessere Netzwerke zurückgreifen konnten und andere Themen als Frauen anboten. In den Redaktionen gab es nur sehr wenige Frauen. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, dann muss ich die für mich wichtigen Themen behandeln. Das wurde von männlichen Redakteuren oft schon als radikal feministisch aufgefasst und abgelehnt. Mir waren meine Themen und dass sich etwas für die Frauen verändert aber sehr wichtig. Deshalb galt ich als schwierig.

Ende der 1970er-Jahre waren Sie Mitbegründerin des „Verbandes der Filmarbeiterinnen“. Welche Ziele verfolgte der Verband?

Wir wollten ein eigenes Netzwerk für weibliche Filmschaffende aufbauen, auch um uns gegenseitig moralisch zu unterstützen. Damals dachten viele Frauen, sie seien auf dieser Welt mit ihren Problemen allein. Es war uns wichtig, dass Frauen mit in die Produktionen kommen oder Kamerafrauen nicht abgelehnt werden, weil sie angeblich keine schwere Kamera tragen können. Was absurd ist, Frauen tragen doch ein dreijähriges Kind und die Einkäufe in den vierten Stock. Man traute uns auch keine großen Budgets zu. Obwohl Frauen im Alltag, wenn auch in Absprache mit ihrem Ehemann, das Geld im Haushalt verwalteten.

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Ula Stöckl (Foto: Jörg Carstensen / dpa) (Foto: Jörg Carstensen)

Ula Stöckl wurde 1938 in Ulm geboren. Sie gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen des Neuen Deutschen Films der 70er-Jahre. Viele ihrer über 30 Filme thematisieren die weibliche Emanzipation in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Meist schrieb sie auch das Drehbuch und produzierte die Filme.

(Foto: Jörg Carstensen)

In „Neun Leben hat die Katze“ zeigen Sie, wie schwierig es sein kann, Strukturen zu ändern. Ihre Protagonistinnen sind selbstbestimmt und doch unsicher. Einige brauchen weiterhin die Bestätigung durch Männer. 

Jeder Mensch ist widersprüchlich. Das interessiert mich am meisten. Außerdem greife ich damit die Zeit auf. Für einige Frauen war es damals wichtig, männliche Bestätigung zu bekommen – auch in der Filmbranche. Sie waren so erzogen. Es gab auch noch kaum Frauen in wichtigen Positionen, von denen frau sich Bestätigung holen konnte. Und wir mussten erst ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch Frauen den männlichen Blick hatten, den sie verlieren mussten, um eine andere Perspektive zu gewinnen und ihren eigenen Weg zu finden. Heute kann frau sich Bestätigung und Kritik von Frauen holen. Darüber bin ich sehr froh. 

Noch immer arbeiten wenige Frauen in der Filmbranche. 2014 wurde der Verein „Pro Quote Regie“ gegründet, der heute „Pro Quote Film“ heißt. Auch Sie haben mitunterzeichnet.

Ja. Weil alles andere noch 200 Jahre dauern könnte. Frauen haben im Film immer schon eine Rolle gespielt. Wir haben uns damals mit dem „Verband der Filmarbeiterinnen“ in den 70ern schon für eine Quote eingesetzt. Deshalb fand ich toll, dass jetzt die Forderung nach der Quote wiederkam. Wir wollen weiterhin die 50 Prozent! Es müssen mehr Frauen in die Branche! Und sie müssen die gleichen Gelder kriegen und nicht nur die kleinen Budgets.

Im Zuge der #MeToo-Debatte gehen viele Frauen gemeinsam gegen sexualisierte Gewalt und männliche Machtstrukturen in der Filmbranche vor. Wäre das 1968 auch möglich gewesen?

Unter gar keinen Umständen. Weil Frauen damals als Eindringlinge in eine absolut männliche Domäne verstanden wurden. Die #MeToo-Debatte ist heute durch Social Media so möglich. Sie ist aber auch möglich, weil es mehr Frauen im Filmbetrieb gibt. Und weil es Stars gibt, die sich nach vorne stellen und sich absolut mit Feministinnen identifizieren. 1968 war „Feminismus“ ja noch ein Schimpfwort – auch unter vielen Filmemacherinnen. Es hat sich viel geändert, vieles musste sich entwickeln. Ich finde es großartig, dass sich Frauen heute öffentlich äußern und die Täter an den Pranger stellen. Das ist eine neue Generation. Ich hoffe aber auch, dass die Männer dieser Generation mittlerweile anders denken. 

Heute gibt es mit „Themis“ eine Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt. Bei der Berlinale im Wettbewerb sind fast doppelt so viele Regisseurinnen wie im letzten Jahr. Es geht voran. Woran muss weiter gearbeitet werden?

Da kann ich nur sagen: An allem!

(chs)

Und jetzt willst Du auch zum Film? 

Dann lass Dir von diesen Profis helfen. Die wissen, wie man da hinkommt, was man da macht und wie es da abgeht. 

Kreativmilieu-Dramolett

„Ich war zuhause, aber“ von Angela Schanelec ist der vielleicht artsy-este Film des Wettbewerbs. In lose verbundenen Szenen aus dem fragilen Leben von Astrid, einer alleinerziehenden, weil verwitweten Mutter (gespielt von Maren Eggert) geht es, nun ja, um Authentizität in den darstellenden Künsten wie Film und Theater. Ein Esel tritt auf, Schulkinder spielen Hamlet und auch sonst ist die Sprache wie im Theater inszeniert, mit seltsam altmodisch klingenden, ausartikulierten Sätzen. Mittendrin aber, Astrid liegt mit ihrem jüngeren Lover im Bett, gibt es diesen wunderbaren „Berliner Kreativmilieu in den 2010er-Jahren“-Dialog:

Sie: Wann sehen wir uns wieder? 

Er: Ich weiß nicht? Morgen? 

Sie: Was machst du heute Abend? 

Er: Ich geh mit meinem Vater essen. 

Sie: Nur ihr zwei?

Er: Ja … ich will Geld von ihm. 

Sie: Für deine App?

(mbr)

Titelbild: Deutsche Kinemathek / Ula Stöckl

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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