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Es schwelt bis heute

Vor fünf Jahren brannte der Grenfell Tower, ein Londoner Sozialbau. 72 Menschen starben. Auf einen offiziellen Strafprozess warten Brandopfer und Hinterbliebene noch immer

Grenfell Tower

Edward Daffarn empfängt in seinem Büro in einem Londoner Co-Working-Space. „Ein furchtbarer Ort“, sagt der Vorsitzende von Grenfell United. Nur habe sich die Gruppe ihre alten Räumlichkeiten nicht mehr leisten können. Eine Geschichte, wie man sie oft hört in Kensington, einem der reichsten Bezirke in einer der reichsten Metropolen der Welt. Wobei auch der Reichtum Kensingtons nicht verhindern konnte, dass in der Nacht, die Ed Daffarns Leben verändert hat, Dutzende Menschen verbrannten, erstickten oder vor den Flammen in den Tod sprangen. 

Am 14. Juni 2017 brennt der Grenfell Tower, ein 24-stöckiger Sozialbau am Rande Kensingtons. Ein Kühlschrank fängt Feuer, das in einer halben Stunde fast alle Stockwerke erfasst. Wie ein 70 Meter hohes Streichholz steht der Grenfell Tower mitten in London. Und geht mit 72 Todesopfern als größter und tödlichster Wohnungsbrand seit dem Zweiten Weltkrieg in die britische Geschichte ein.

„Die britische Regierung spielt Russisch Roulette mit dem Leben der Leute“

Ed Daffarn wohnt damals im 13. Stock und überlebt nur mit Glück. Ein Feuerwehrmann rettet ihn aus dem dichten Qualm. Seither engagiert sich Daffarn bei Grenfell United, einer Gruppe, die Überlebende des Brandes vertritt und sich für bessere Bedingungen im sozialen Wohnungswesen einsetzt. Auch um ein zweites Grenfell zu verhindern: Expert:innen bestätigen später, dass bauliche Mängel den Wohnungsbrand zum regelrechten Inferno werden ließen. Bei Renovierungsarbeiten ein Jahr zuvor wurde die Fassade mit Platten verkleidet, die billiger, aber weniger feuerfest waren. Allein in London gibt es Hunderte solcher Tower, ähnliche Wohnbedingungen finden sich in Sozialwohnungen in ganz Großbritannien. Dass immer noch Menschen in Gebäuden schlafen gehen, die mit demselben Material verkleidet sind wie Grenfell, erschüttert Daffarn. Er sagt: „Die Regierung spielt Russisch Roulette mit den Leben dieser Leute.“

Am Tag nach dem Brand hat die britische Regierung die „Grenfell Tower Inquiry“ angeordnet. Seit September 2017 werden in der öffentlichen Anhörung Zeug:innen befragt, Überlebende und Einsatzkräfte, aber auch Politiker:innen und Brandschutzexpert:innen, um herauszufinden, wie sich das Feuer so schnell verbreiten konnte und was politisch zu tun ist, um die Sozialblocks sicherer zu machen. Eine erste Phase konzentrierte sich auf die Ereignisse des 14. Juni, die Brandursachen und das Handeln der Einsatzkräfte. Der Abschlussbericht bestätigte 2019 zum Beispiel, dass die Gebäudefassade die Hauptursache für das Brandausmaß war. Die zweite Phase der Inquiry untersucht derzeit die Gesamtsituation vor und nach dem Brand, also strukturelle Missstände im sozialen Wohnungsbau. Gleichwohl ist die Inquiry kein Gericht. Die zuständigen Jurist:innen können niemanden schuldig sprechen oder Strafen verhängen.

„Die Juristen in der Inquiry tun bestimmt ihr Bestes“, sagt Ed Daffarn. Aber er bezweifelt, dass das genug ist. Beim Brand starben überproportional viele arme und nichtweiße Menschen, erzählt Daffarn. „Aber rassistische Diskriminierung und Klassismus wurden in der Anhörung bislang überhaupt nicht thematisiert.“ Dazu seien die Ergebnisse der Inquiry bei den zuständigen Politiker:innen fast versandet. Der erste Bericht empfiehlt unter anderem, dass Besitzer und Vermieter von Wohnhochhäusern häufiger überprüfen müssen, ob Feuerschutztüren und Fahrstühle funktionieren. Dass sie verpflichtet werden müssen, der Feuerwehr Gebäudegrundrisse und Informationen über die verbauten Materialien zukommen zu lassen. Dass sie Senior:innen oder Menschen mit Behinderung, die sich nicht selbst aus einer Notsituation befreien können, persönliche Evakuierungspläne bereitstellen. Lauter Selbstverständlichkeiten, findet Daffarn. „Aber bislang hat die Regierung nicht eine Empfehlung umgesetzt.“

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Die Überlebendeninitiative Grenfell United, der Daffarn vorsitzt, fordert deshalb neue Gesetze. Die sollen einen nationalen Mieterbund einführen und eine Pflicht für Vermieter:innen, die Mieterschaft regelmaßig über Risiken wie Brandgefahr zu informieren. Das britische Unterhaus soll den Gesetzentwurf noch im laufenden Parlamentsjahr debattieren.

Joe Delaney bezweifelt, dass das klappt. Unweit des Towers, im Innenhof einer Kneipe, nippt er an seiner Cola. Er könne einfach nicht glauben, dass ein Gesetz, das substanzielle Veränderungen enthält, tatsächlich das Unterhaus passiert. „Viele Überlebende verrennen sich in ihren Hoffnungen auf dieses Gesetz“, sagt Delaney. Dann überredet er seine Hunde Luna und Pub, sich hinzulegen, und erzählt vom Lancaster West Estate.

Delaney lebt seit mehr als zehn Jahren im Sozialbau, in direkter Nachbarschaft des Grenfell Tower. Beide Wohnblocks gehören RBKC, dem Stadtteil Royal Borough of Kensington and Chelsea. Die Bezirksverwaltung schere sich wenig um die Bewohner:innen der Blocks, sagt Delaney. Der Grenfell-Brand sei nur die traurige Krönung einer jahrzehntelangen Entwicklung. Delaney erzählt von der Regierungszeit Margaret Thatchers, die in den 80er-Jahren im Namen des Wachstums begann, Bürokratie, öffentliche Ausgaben und staatliche Vorschriften abzubauen. Das, sagt Delaney, hätten ihr alle folgenden Regierungschefs gleichgetan, egal ob Tory- oder Labour-Partei.

Über die Jahrzehnte wurde in Großbritannien vieles privatisiert, was mal staatlich war: vom Telefon über die Gasversorgung bis zum Bahnbetrieb oder eben den sozialen Wohnungsbau. Noch unter Thatcher lockerte Großbritannien erste Bauvorschriften und führte ein „Right to Buy“ ein, das den Kauf öffentlicher Immobilien erleichterte. Weil zudem Gebäude abgerissen und zu wenig gebaut wurde, gab es in den folgenden Jahrzehnten immer weniger Sozialwohnraum. Wer in einer Sozialwohnung unterkommt, klagt oft über niedrige Lebensqualität und bauliche Mängel. So auch im Grenfell Tower, dessen Bewohner:innen um Ed Daffarn schon lange vor dem Brand beanstandeten, dass Reparaturen nur schleppend vorangingen, dass Sprinkler und Brandschutztüren fehlten. 

„Dieser Jahrestag ist vielleicht unsere letzte Möglichkeit, der Öffentlichkeit klarzumachen, dass sich nichts verändert hat“

Joe Delaney will, dass die Unternehmen in die Pflicht genommen werden. Er wünscht sich Gesetze, mit denen Betroffene nachlässige Firmen leichter zur Rechenschaft ziehen können. Zwar können Bauunternehmen der fahrlässigen Tötung angeklagt werden. Für Entscheidungsträger:innen sei es aber oft leicht, die Verantwortung auf unterstellte Mitarbeiter:innen abzuwälzen, sagt Joe Delaney. Im Fall des Grenfell-Brands laufen mehrere Zivilklagen, zum Beispiel gegen die Hersteller der Gebäudeverkleidung, die Überlebende und Einsatzkräfte entschädigen sollen. Auf einen offiziellen Strafprozess warten Brandopfer und Hinterbliebene noch. Die Staatsanwaltschaft schätzt, dass für etwa 60 Unternehmen und öffentliche Stellen strafrechtlich untersucht werden kann, inwiefern sie zur Entstehung und Entwicklung des Feuers beigetragen haben. Prozesse wird sie wohl erst anstoßen, wenn der zweite Abschlussbericht der Inquiry vorliegt.

Weder die RBKC-Bezirksverwaltung noch das britische Ministerium für Bauen und Wohnen wollten sich auf fluter-Anfrage zum Grenfell Tower äußern. Die Architektin und Brandschutzexpertin Barbara Lane glaubt, dass RBKC in Sachen Feuersicherheit schlecht beraten wurde. Lane, die auch an der Aufklärung des Einsturzes des World Trade Center beteiligt war, hat mehrfach in der Grenfell Tower Inquiry ausgesagt. Laut Lane bildete der Tower lange Feuerschächte, die Brände zusätzlich anheizten. Auch sei für die Risikoeinschätzung des gesamten Hochhauses ein einziger Bauinspektor zuständig gewesen – der bei der Renovierung Einschätzungen über die Brennbarkeit der Gebäudeverkleidung getroffen habe, für die er nicht qualifiziert sei. Letztlich, sagt Lane, habe die Bezirksverwaltung das Risiko unterschätzt – und weder das Gebäude noch seine Bewohner:innen, noch die lokalen Rettungskräfte genügend auf ein Großfeuer vorbereitet.

An dieser Nachlässigkeit hat sich in den vergangenen fünf Jahren wenig geändert, beobachten Ed Daffarn und Joe Delaney. „Ich glaube sogar, dass die Überlebenden heute schlechter dastehen als direkt nach dem Brand“, sagt Delaney. Damals habe es wenigstens virtue signalling der Politik gegeben, die unter dem öffentlichen Druck versicherte, die Brandumstände aufzuklären und die Brandopfer zu versorgen. „Heute werden sie mit ihren Problemen alleingelassen“, sagt Delaney.

Noch steht der Grenfell Tower, oder zumindest sein Skelett, eingerüstet und von einer weißen Plane verhüllt. Dabei wird es nicht bleiben: Die oberen Stockwerke sind instabil. Das Bauministerium fordert, dass das Gebäude abgerissen wird. Viele Überlebende wollen das nicht. Vielleicht können die Ermittler:innen noch Erkenntnisse aus den Trümmern gewinnen, sagt Delaney. „Außerdem ist das ein Massengrab.“ Man könne einen Ort, an dem so viele Menschen gestorben sind, doch nicht einfach dem Erdboden gleichmachen.

Am 14. Juni jährt sich der Brand zum fünften Mal. Edward Daffarn und Joe Delaney werden durch Kensington laufen – wie jedes Jahr seit 2017 – und der 72 Toten mit einem Schweigemarsch gedenken. „Dieses Jahr“, sagt Delaney, „ist vielleicht unsere letzte Möglichkeit, der Öffentlichkeit klarzumachen, dass sich nichts verändert hat.“

Titelbild: Guilhem Baker / picture alliance / ZUMAPRESS

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