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Was haben Metal, Rap, Jazz und Klassik gemein? Meist stehen Typen auf der Bühne. Die Initiative Keychange will das ändern

  • 5 Min.
Foto: Jörg Brüggemann/OSTKREUZ

Die Zahlen klingen fies: Vergangenes Jahr waren auf US-Festivalbühnen 76 Prozent der Acts rein männlich. Bei den Headliners sogar über 90 Prozent. In Europa sieht das nicht viel anders aus. Im Vereinigten Königreich bildeten 2017 Frauen nur 26 Prozent des Line-ups. Die Initiative Keychange will das ändern. Wie das gehen soll, erklärt die Kuratorin Christina Schäfers.

Fluter.de: Frau Schäfers, würden Sie zu „Rock am Ring“ gehen?

Christina Schäfers: Ich formuliere es diplomatisch: Mir sind Clubfestivals lieber. Wenn Freunde hinfahren würden, käme ich vermutlich mit – aber ich weiß, worauf die Frage abzielt …

Als das „Rock am Ring“-Line-up bekannt gegeben wurde, gab es massive Kritik: Von 250 Künstlern waren gerade mal zehn Frauen. Dagegen kämpft Keychange. Die Kampagne will bis 2022 ein 50:50-Verhältnis auf Festivalbühnen erreichen. Was ist bislang erreicht?

Als die Kampagne 2017 gestartet ist, haben wir noch viele fragende Blicke bekommen. Aber mittlerweile ist die Sensibilität für das Thema größer. Der Aufschrei um das „Rock am Ring“-Line-up hat ja gezeigt: Langsam sickert die Erkenntnis durch, dass wahnsinnig viele gut ausgebildete und fantastisch vernetzte Frauen unterwegs sind. Und man kommt nicht mehr umhin, sie in verantwortungsvolle Positionen zu lassen. Außerdem habe ich das Gefühl, man darf auch den Fans gar nicht mehr so unausgewogene Line-ups anbieten, weil man sich sonst sofort einen Shitstorm einhandelt.

• 16 Prozent der Songwriter*innen sind weiblich

• Männer verdienen 30 Prozent mehr Geld als Frauen in der britischen Musikindustrie

Das Standardargument vieler Veranstalter ist ja: Es ist einfach schwer, genug gute weibliche Acts zu finden. Was entgegnen Sie darauf?

Wenn „gut“ gleichzusetzen ist mit kommerziell ertragreich, muss man sagen: Ja, diese Kategorie dominieren zurzeit noch männliche Künstler. Genau das wollen wir ja verändern. Ein großer Teil der Unterstützer der Kampagne sind Festivals wie das „Reeperbahn Festival“, die gleichzeitig Marktplätze für die Headliner von morgen sind. Wir haben die Kraft, das Angebot zu verändern. Und genau das tun wir, indem wir unsere Marktplätze gender-balanced gestalten. Wir raten den großen Festivals, sukzessive umzuschwenken.

Das ewige Argument vieler Booker: Sie würden einfach nicht genug Künstlerinnen kennen, die man buchen kann.

Sie haben 2018 ein „Manifest“ veröffentlicht, in dem Sie konkrete Maßnahmen vorgeschlagen haben – für die Musikindustrie, für die Regierungen der teilnehmenden Länder und das Europaparlament. Setzen Ihre Partner diese Ideen um?

Wir haben unser Manifest damals im Europaparlament vorgestellt, und einzelne Maßnahmen haben tatsächlich Einzug in die Regelwerke der EU gefunden. Wenn man sich für ein EU-Finanzierungsprogramm bewirbt, muss man nachweisen, dass genauso viele Frauen wie Männer an dem Projekt beteiligt sind. Das ist neu, und das ist wichtig und richtig.

Wie kürzlich bekannt wurde, fördert die Europäische Kommission Keychange mit 1,4 Millionen Euro. Was haben Sie mit dem Geld vor?

Die nächsten Jahre sind schon durchgeplant. Das bedeutet, Künstlerinnen und Innovatorinnen können sich bei uns bewerben, und wenn sie ausgewählt werden, bekommen sie bei den teilnehmenden Festivals Auftritts- und Vernetzungsmöglichkeiten. Das ist der Kern von Keychange: Ein EU-gefördertes Austauschprojekt vernetzt die weibliche Musik-Community, um dem ewigen Argument vieler Entscheider entgegenzuwirken, sie würden einfach nicht genug Künstlerinnen kennen, die man buchen kann.

• 12 der 600 bekanntesten Pop-Songs haben Frauen produziert

• 2 Prozent der Werke, die in klassischen Konzerten aufgeführt werden, stammen von Komponistinnen

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Christina Schäfers

Christina Schäfers verantwortet das Kunst-, Wort- und Film-Programm des Reeperbahn Festivals

Festivals sind heute ein Millionengeschäft, ihr Einfluss auf die Popkultur ist größer denn je. Kann Geschlechtergerechtigkeit auf Festivals die Musikbranche als Ganzes beeinflussen?

Definitiv, denn die 50:50-Verpflichtung sorgt für ausgeglichene Förderung. Wenn ein Festival ankündigt, ein ausgeglichenes Line-up präsentieren zu wollen, müssen Booker und Promoter ihre weiblichen Acts stärker bewerben. Außerdem sind Festivals ja ein besonderes kulturelles Ereignis, bei dem Menschen zusammenkommen und sich austauschen. Im Theater gibt es den Begriff der „autopoietischen Feedbackschleife“. Der beschreibt, dass das, was auf der Bühne passiert, auf das Publikum wirkt und dass die Reaktion des Publikums schließlich wieder das Bühnengeschehen beeinflusst. Immer mehr wichtige Künstlerinnen und Künstler entdecken das Potenzial, auf diesem Weg Debatten mitzutransportieren.

Der Begriff „key change“ bezeichnet in der wörtlichen Übersetzung den Übergang von einer Tonart in die andere. Wie klingt diese Zukunft, in die wir steuern?

Unser Gesellschaftssystem ist patriarchalisch geprägt, und wir wissen nur bedingt, was passiert und wirklich besser wird, wenn mehr Frauen in Machtpositionen sitzen. Die Grundaussage ist also: Wenn sich etwas ändern soll, kann das System nicht das gleiche bleiben. Wie klingt nun die Zukunftsmusik? Wie eine komplexe und erfüllende Melodie, eine sehr vielfältige. Und eine, die alle mögen werden.

Gegründet wurde die Initiative Keychange von der britischen PRS Foundation ursprünglich als Talentförderung für Künstler*innen und Musikmanager*innen. Sie wird mit EU-Geldern gefördert und ist mittlerweile zur Bewegung gewachsen, in der sich aktuell 180 Festivals für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Das erklärte Ziel von Keychange ist es, eine globale Debatte anzustoßen, die die Musiklandschaft nachhaltig verändert. Festivals, die sich der Kampagne anschließen, verpflichten sich, bis 2022 eine Geschlechterquote von 50:50 zu erreichen: Bei 50 Prozent der Acts soll mindestens ein Mensch weiblichen, trans- oder non-binären Geschlechts vertreten sein.

Titelbild: Jörg Brüggemann/OSTKREUZ

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

4 Kommentare
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Gast
  ·  
18.09.2019-09:09

50:50-Verpflichtung sorgt für ausgeglichene Förderung.

Und dahin ist das Prinzip, dass der qualitativ Hochwertigste am Weitesten kommt. Für diese "gerechten" Verteilungen ist Geschlecht wichtiger als Qualität, und das ist doch genau das, was sie bekämpfen sollen. Weshalb gibt es noch Leute, die glauben, dass so etwas Gerechtigkeit bringt? Langsam sollte man doch verstehen, dass diese Regelungen Sexismus mit noch schlimmerem, nämlich vorgeschriebenem Sexismus zu bekämpfen versuchen.

Gast
  ·  
29.09.2019-03:09

Nur schade, wenn Männer überhaupt erst weiter gefördert werden im Gegensatz zu Frauen. Im Sport doch ähnlich. Ich finde es schön, wenn auf der Bühne mehr Menschen gezeigt werden, die vielleicht bisher einfach noch nicht die nötige Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen haben.

Gast
  ·  
29.09.2019-03:09

Was mich hier bei dem Artikel noch gefreut hätte - bzw was ich sogar erwartet habe: Beispiele für tolle Künstler*innen. Nicht nur über Chancen sprechen - Chancen geben

Arendt
  ·  
04.12.2019-11:12

Habe gerde nen bischen zum Thema Frauen in Metalbands ggoogelt und leider ging es bei den meisten Artikeln um Sängerinnen im Metal und nicht generell um eine Beteiligung von Frauen, habe aber unter anderem einen Artikel von der Welt gefunden (leider von 2013) wo sie sich auf eine Umfrage von Metalhammer beziehen. Demnach sind nur 1% der Sänger/innen im Metal weiblich. Daher wäre eine 50/50 Quote sehr schwer umsetzbar, weil dann die gleichen 5 bis 6 Bands auf alle Festivals müssten (natürlich etwas übertrieben ausgedrückt). Mir selbst fallen übrigens nur 4 Metalbands mit weiblichen Teilnehmern ein wovon 2 doch sehr Unbekannt sind.
Arch Enemy und Jinjer, welche relativ bekannt sind, so wie Milk Teeth und Scarlet White(hier am Bass). Es liegt also nicht nur an der fehlenden Vörderung sondern auch am fehlenden Vorhandensein von Frauen in der Branche