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Der neue Capitalismus

Capital Bra ist der erfolgreichste Rapper Deutschlands. Er hat verstanden, warum der Algorithmus von Spotify und die Frontkamera seines Smartphones wichtiger sind als Alben und Autogrammstunden

  • 5 Min.
Foto: Uli Deck/dpa/picture-alliance

Abba, Beatles, Rolling Stones – und Capital Bra. Die großen vier. In letzter Zeit wurden sie oft gemeinsam aufgezählt. Obwohl die Bands nichts mit Capital Bra zu tun haben. Warum sie trotzdem mit dem 24 Jahre alten Vladislav Balovatsky aus Berlin, der sein Debütalbum „Kuku Bra“ vor drei Jahren veröffentlichte und als Capital Bra innerhalb kürzester Zeit zum Shootingstar der deutschen Rap-Szene aufstieg, verglichen werden? Es hat mit Streaming zu tun. Capital Bra ist erfolgreicher als Abba, die Beatles und die Rolling Stones. Zumindest in Deutschland. Zumindest wenn man die Nummer-eins-Platzierungen in den Single-Charts misst.

Wer den Erfolg von Capital Bra verstehen will, kommt an Zahlen nicht vorbei. Rund 4,2 Millionen Menschen hören monatlich seine Songs bei Spotify, 1,7 Millionen Abonnenten hat sein YouTube-Channel, 3,5 Millionen der Instagram-Account. Er hat sechs Alben veröffentlicht, unzählige weitere EPs und Songs, einige davon unter seinem Pseudonym Joker Bra. Mit 15 Stücken stand er an der Spitze der Single-Charts.

Capital Bra ist zwar ein Star, aber er ist nicht unnahbar

Zu viele Zahlen? Durchatmen. Erst mal online gehen. Wer in Deutschland online Musik streamt oder Musikvideos schaut, stößt bald auf einen Capital-Bra-Song. Dafür sorgt die Autoplay-Funktion bei YouTube oder Spotify, bei der ein Algorithmus vorgibt, was als Nächstes abgespielt wird– und der Algorithmus scheint Capital Bra zu lieben. Dafür sorgen Spotify-Playlisten wie „Modus Mio“ oder „Deutschrap Brandneu“ mit über einer Million Followern, in denen fast jeder Capital-Bra-Song vertreten ist. Und dafür sorgen Fans, die die Musik auf Social Media verbreiten.

Capital Bra ist zwar ein Star, aber er ist nicht unnahbar. Das ist ein Grund für seinen Erfolg. Vor kurzem fährt er mit der S-Bahn durch Berlin. Einfach so. Er postet Videos davon auf Instagram. In einigen der Videosequenzen schüttelt er Hände und macht Fotos mit Fans. Security hat er keine dabei. Alles wirkt natürlich. Capital Bra ist an diesem Abend in der S-Bahn der Kumpel von nebenan.

Ein andermal stapft er wütend durch seine Luxuswohnung, filmt sich, filmt seine teuren Autos. Dieter Bohlen hatte sinngemäß gesagt, dass die meisten Rapper ja gar nicht so reich wären, wie sie behaupten. Capital fühlte sich angesprochen, rastete aus, und seine Fans machten Dieter Bohlen online das Leben zur Hölle. Die Folge: Bohlen entschuldigte sich, Capital nahm eine Version von Modern Talkings „Cherry Lady“ auf – sein nächster Nummer-eins-Hit.

Zu erstem Ruhm kam Capital durch Rap-Battles

Der Erfolg der Beatles hatte mit aufwendig produzierten und millionenfach verkauften Schallplatten zu tun. Capital Bra produziert manchmal fünf Songs pro Nacht. Eine Schallplatte hat er nie veröffentlicht, einige seiner Alben sind ausschließlich digital erschienen. Ein Instrument spielt er nicht. Dafür zückt er jeden Tag sein Smartphone, öffnet die Kamera-App und spricht in seine Frontkamera. Er begrüßt seine Fans, seine Bratans und Bratuchas, und spricht von „wir“, die es „zusammen schaffen können“, wenn ein neuer Song oder ein neues Video erscheint. Dann sollen alle klicken, sharen, liken. Die Bratans und Bratuchas machen mit. Capitals Fans fahren auf das „Wir“ ab. Capital Bra schafft es durch seine konstruierte Nahbarkeit in sozialen Medien, seinen Erfolg auch als den Erfolg seiner Fans zu verkaufen. Das motiviert.

Und motiviert ist auch Capital Bra. Damit seine Fans dranbleiben, veröffentlicht er mit protestantischem Arbeitseifer fast jede Woche neue Songs. Die sind für die Streamingdienste optimiert. Ausschaltimpulse wie lange Intros oder sich langsam aufbauende Klänge sind tabu. Ein Song muss sofort knallen. Schnell, schnell, bam, bam. Oder wie Capital es formuliert: „Roli Glitzer, Roli Glitzer Glitzer“ oder „Nur noch Gucci, Bratan, ich trag nur noch Gucci“. Die sofortige Attraktion, die Catchphrases und Mitsumm-Melodien hat Capital perfektioniert. Capital Bra weiß, wie man leicht verdauliche Hits schreibt, die wiederum in Playlists eingespeist werden, in denen leicht verdauliche Hits gesammelt werden. Ein gutes Viertel seiner Spotify-Klicks bekommt er über Playlists.

Erfolg hat, wer die Spotify-Playlists fleißig füllt

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Streamingdienstleister wie Spotify leben von Künstler*innen, die sich an ihre Playlists anpassen, und die Künstler*innen leben wiederum von Spotify, seit physische Tonträger keine Rolle mehr spielen. Und beide leben davon immer besser. Der Halbjahresbericht der Musikindustrie zeigt eine Umsatzsteigerung von 7,3 Prozent, das ist der größte Sprung seit 1993. Und den Löwenanteil macht das Streaming aus, dessen Marktanteil um 27,7 Prozent stieg und seine Position als umsatzstärkstes Format ausbaute. Soll heißen: Erfolg hat, wer die Spotify-Playlists fleißig füllt.

Tatsächlich kursieren immer wieder Vorwürfe, dass Labels Künstler in ihre Playlists einkaufen können und Spotify selbst Musik produzieren lässt, die Hörer*innen bei der Stange hält. Der Pressesprecher von Spotify Deutschland verneint beides in einem Interview mit dem „Musikexpress“. Und es ist ja so: Musiker*innen wie Capital Bra liefern schon selbst den Sound und eine klickkräftige Zielgruppe noch dazu. Fake-Künstler*innen braucht es da gar nicht mehr.

Durch die Playlist-Streams von Menschen, die früher Radiosender im Hintergrund hätten laufen lassen, auf der einen und durch die Unterstützung seiner Bratans und Bratuchas auf der anderen Seite, die Capitals und damit auch ihren eigenen Erfolg festigen wollen, ist einfach jeder Song ein Erfolg. Weil Streams mittlerweile auch für die Charts relevant sind, gibt’s Nummer-eins-Platzierungen. Wenn der eigene Lieblingsrapper die Charts anführt, stärkt das wiederum das Wir-Gefühl der Bratans und Bratuchas.

Ein Album aufnehmen? Das wäre in diesem Geschäftsmodell fast schon Zeitverschwendung.

Titelbild: Uli Deck/dpa/picture-alliance

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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max
  ·  
06.09.2019-07:09

"Ein Album aufnehmen? Das wäre in diesem Geschäftsmodell fast schon Zeitverschwendung."
versteh ich nicht, 6 Alben in 3 Jahren (so heißt es im Text) sind für einen Künstler, der hier als "Online-Rapper" inszeniert wird, nicht wenig sondern überaus viel. Schaut man nach Amerika gibt es zahlreiche sehr erfolgreiche Musiker die noch nie ein vollständiges Album vorgelegt haben, aber schon lange an der Spitze stehen