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Algorithmen und Angestellte aller Länder, vereinigt euch

Hier erzählt der Musiker Fehler Kuti, warum er lieber den Kapitalismus besingt als Identitäten und wie man eine Hymne für Amazon-Arbeiter/-innen schreibt

Fehler Kuti

„Das könnte er sein: der Klang der Dekolonisierung“, schrieb der Spiegel 2019 über Fehler Kuti. In der Ankündigung seines neuen Albums „Professional People“ (erschien am 25. Juni bei Alien Transistor) behauptet Kuti allerdings das Gegenteil: „Erlaube mir, deine Erwartungen zu dämpfen“, heißt es da, „dies ist die Platte für die zögerliche Person of Color, die lieber über Klasse als über Identität reden möchte“. Unser Autor hat den Musiker und Kulturwissenschaftler, der mit bürgerlichem Namen Julian Warner heißt, gefragt, was er damit meint.

fluter.de: Im Ankündigungstext zu deinem neuen Album stellst du die These auf, dass es in der deutschen Öffentlichkeit verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit für das Attentat von Hanau gab, wenn man das zum Beispiel mit den Reaktionen auf den Mord an George Floyd vergleicht. Woran machst du das fest?

Fehler Kuti: Auf dem Album ziehe ich ja den Vergleich zwischen Hanau und George Floyd und zwischen der Say-their-names-Initiative und Black Lives Matter als zwei „Bewegungen“. Mir geht es da nicht um einen Wettbewerb des Leidens, so etwas finde ich unproduktiv. Aber ich denke, dass man zur Kenntnis nehmen darf, dass ein rassistischer Anschlag in Deutschland nicht die Form von gesamtgesellschaftlicher Solidarisierung hervorruft wie ein rassistischer Mord in den USA. Ich glaube, das hat auch mit der Frage zu tun: Welche Körper werden im deutschen Diskurs als empathiefähig angesehen? Ich denke, in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung hat ein kanakischer Körper (Anm. d. Red.: „Kanake“ ist ein Schimpfwort, wird aber von Menschen mit Einwanderungsgeschichte auch als positiv umgedeutete Selbstbezeichnung verwendet) in einer Shishabar eine ganz andere Bedeutung als ein Schwarzer Körper in den USA.

Was folgt für dich aus dieser Erkenntnis?

Ich finde, man kann auf jeden Fall festhalten, dass die Black-Lives-Matter-Proteste eine große popkulturelle Dimension hatten. Das hatten die Proteste nach Hanau nicht. Als Künstler interessiert mich die Frage: Wie kann man diesen Afroamerika-Zentrismus einerseits und diese kanakische Empathielücke andererseits besingen? Und müssen sich Lieder der Solidarisierung immer um Personen drehen, oder kann man auch Strukturen besingen?

„Black Lives Matter hatte eine große popkulturelle Dimension. Das hatten die Proteste nach Hanau nicht“

Manche deiner Lieder haben zwar sehr aussagekräftige Titel, aber keinen Text. Zum Beispiel: „In Every City, In Every Aldi The Blood Of My Brothers And Sisters Taints Your Spargel“ oder „Proposal for a Workers Anthem at DMU2 Daglfing“. Wie politisch kann ein rein instrumentelles Stück überhaupt sein?

Ich würde sagen, Musik spricht oder kommuniziert auch ohne Text. „Proposal for a Workers Anthem at DMU2 Daglfing“ zum Beispiel spielt an auf ein Amazon-Lager im Osten Münchens. Dieses Logistikzentrum funktioniert nach bestimmten Algorithmen, es hat einen Rhythmus, eine Taktung. Die FahrerInnen, die oft nur als SubunternehmerInnen angestellt sind, arbeiten intim mit diesen Maschinen zusammen und unterstehen ihnen in gewisser Weise. Arbeitskämpfe an solchen Orten werden medial oft als Konflikt zwischen ArbeiterInnen auf der einen Seite und ArbeitgeberInnen und Algorithmen auf der anderen Seite inszeniert. Aber was, wenn es eine Koalition geben könnte zwischen dem Algorithmus und den ArbeiterInnen? Für so eine Koalition, dachte ich mir, bräuchte es ja eine Hymne.

 

Wie hast du das in Musik übersetzt?

Ich habe mit zwei Synthesizern gearbeitet, der eine spielt durchgehend gehaltene Töne, die ich nachsinge, der andere ein Arpeggio (Anm. d. Red.: Darunter versteht man, dass die Töne eines Akkords nicht gleichzeitig, sondern schnell hintereinander angeschlagen werden). Meine Stimme trifft die Töne dabei nicht ganz genau, aber in dem Moment, in dem das Arpeggio einsetzt, in dem diese Rhythmik kommt, ist das nicht mehr schlimm. Das fand ich ein schönes Bild dafür, wie eine Annäherung zwischen Menschen und Maschine funktionieren könnte. Und das ist ja ein altes Thema der Moderne: der Rhythmus der Maschine, der uns den Fortschritt bringt.

Auf dem Album machst du auch klar, dass für dich gerade gesellschaftlich sehr viel über Identitätsfragen diskutiert wird und verhältnismäßig wenig über das kapitalistische Gesellschaftssystem und Klassenzugehörigkeiten. Was genau stört dich daran?

Ich halte es wie der marxistische Kulturtheoretiker Stuart Hall. Er wollte in den 1980er-Jahren klarmachen, dass nicht alles auf Klasse reduzierbar sei, die Kategorien Race und Gender seien auch wichtig. So wie Hall damals die MarxistInnen brüskiert hat, müssen wir, finde ich, heute diejenigen herausfordern, die meinen, alle Ausbeutung sei auf Race- und Gender-Identitäten zu reduzieren. Klasse spielt auch eine Rolle.

„Ein Teil des Problems ist, dass wir zu leicht Diskurse blind übernehmen“

Und was folgt daraus für dich?

Ich bin Teil einer Generation, die durch die Diversifizierung – also die gezielte Förderung marginalisierter Gruppen durch Kunst- und Kulturinstitutionen – erst Zugang zum Kulturbetrieb bekommen hat. Und gerade weil ich anerkenne, dass ich nur durch die identitätspolitischen Kämpfe in diese Position gekommen bin, finde ich es unglaublich wichtig, genau das zu kritisieren. Nicht weil ich nicht möchte, dass andere nicht auch diesen Weg gehen können, sondern weil ich sehe: Es ändert nichts an den grundsätzlichen Verhältnissen in diesen Institutionen. Diversität ist die Übersetzung verschiedener emanzipatorischer Kämpfe in eine institutionelle Logik, sie stellt diese Logik nicht infrage. Sie reformiert die Institutionen im besten Fall, aber sie stellt nicht die Frage nach den Verhältnissen. Ein Teil des Problems ist, dass wir zu leicht irgendwelche Diskurse blind übernehmen, anstatt uns die Arbeit zu machen, aus den Kämpfen vor unserer Haustüre Theorie zu produzieren. Stattdessen produzieren wir Identitäten. Das waren mal strategische Identitäten, die man benutzt hat, um etwas zu erreichen. Aber jetzt erfüllen diese Identitäten einen Selbstzweck.

Das klingt sehr fatalistisch. Wieso bist du dir so sicher, dass der Zugang von bisher diskriminierten Gruppen zu bestimmten Institutionen nicht doch etwas verändern könnte?

Mit Sicherheit ist meine Kritik überzogen. Ich wettere auch nur deswegen so sehr, weil es schwierig ist, mit so einer Kritik überhaupt durchzudringen. Da sind wir auch wieder beim Thema Diversität: 90 Prozent der Zeit spreche ich mit weißen JournalistInnen. Die haben dann ein, zwei postkoloniale Bücher gelesen, wahrscheinlich einen Antirassismusworkshop durchgemacht, und jetzt kommt so einer wie ich und sagt: „Na ja, ob das alles so der Weisheit letzter Schluss ist, sei mal dahingestellt.“ Das passt oft nicht zu dem, was sie erwarten, und führt dazu, dass sie meine Message überhören. Deswegen möchte ich noch mal betonen: Ja, es war wichtig, dass wir People of Color durch die Diversifizierung in einflussreichere Positionen gekommen sind.

Aber?

Die Frage ist doch jetzt: Was ist das Ziel unserer Bemühungen? Ich denke, wir müssen schauen, dass wir nicht defensiv werden, dass wir nicht zu einer Bande werden, die ausschließlich ihre Privilegien und ihre Deutungshoheit verteidigt. Aber solange wir in Bewegung bleiben, immer wieder in eine Selbstkritik gehen und Schwung bewahren, so lange, glaube ich, hat unser Anliegen, nämlich Teilhabe zu organisieren, auch eine Anziehungskraft über unsere gruppenbezogene Identität hinaus.

Titelbild: Julian Baumann

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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