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Wie politisch ist der ESC?

Der Eurovision Song Contest gibt sich alle Mühe, sich als reine Musikveranstaltung zu präsentieren. In seiner Geschichte hat das oft nicht so gut geklappt

Die israelische Gruppe ALPHABETA die 1978 den ESC gewonnen hat

Offiziell will der Eurovision Song Contest mit Politik nichts zu tun haben. Deswegen sind „Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur während des Contests untersagt“ – so steht es in den Wettkampfregeln. In der Realität ist das für ein Event, bei dem dieses Jahr 40 Länder gegeneinander antreten, nahezu unmöglich – egal wie viel Glitzer man darüberstreut. Seit dem ersten Grand Prix Eurovision de la Chanson 1956 ist der Gesangswettbewerb deshalb auch ein Spiegel politischer Spannungen. Und er produziert von Anfang an seine eigenen politischen Momente.

Ost und West

Der Grand Prix Eurovision de la Chanson – seit 2004 offiziell Eurovision Song Contest genannt – wird in der Nachkriegszeit erdacht, um die Zusammenarbeit westeuropäischer Rundfunkorganisationen zu fördern. Die ersten Jahre fallen in eine Zeit politischer Unruhe: In Berlin wird eine Mauer hochgezogen, die Beziehungen zwischen den westlichen und östlichen Staaten Europas sind infolge des Kalten Kriegs angespannt. In Sachen Musik aber gibt es immer wieder Berührungspunkte: Ab 1965 wird der ESC auch in den Ostblockstaaten übertragen, die Songs aus den Shows werden mitunter von heimischen Künstler*innen gecovert und zu Hits. Das Äquivalent zum ESC im Osten ist ab den 1960er-Jahren das Internationale Musikfestival im polnischen Sopot, später „Intervision Song Contest“ genannt. Hier können auch Musiker*innen aus nichteuropäischen (z.B. Kuba oder Marokko) oder westlichen Ländern (z.B. Spanien oder Belgien) antreten – und auch gewinnen. So wie die finnische Sängerin Marion Rung im Jahr 1974 und 1980 (bei ihren beiden ESC-Auftritten bringt sie es auf Platz sieben und sechs).

1968 darf dann ausnahmsweise auch mal ein Künstler aus einem Ostblockstaat beim ESC auftreten: Österreich schickt den Tschechen Karel Gott ins Rennen – mit einem Song, der beklagt, dass Nachbar*innen sich voneinander entfremden („Wie auf kleinen Inseln leben wir / Du weißt nicht mal, wer wohnt neben dir“): Für viele eine subtile Art, die Reformbewegung des Prager Frühlings zu unterstützen.

Krieg und Frieden

Während die Deutschen mit der Wiedervereinigung beschäftigt sind, herrscht zur selben Zeit woanders in Europa Krieg. Nachdem sich Slowenien und Kroatien im Juni 1991 vom Vielvölkerstaat Jugoslawien unabhängig erklären, beginnen die sogenannten Jugoslawienkriege. Auch die damalige jugoslawische Teilrepublik Bosnien und Herzegowina verkündet ihre Unabhängigkeit im Frühjahr 1992. Daraufhin bricht ein Krieg aus, der bis 1995 dauern und rund 100.000 Menschen das Leben kosten soll. Zum Grand Prix 1993 schickt Bosnien und Herzegowina den Sänger Muhamed Fazlagić, genannt Fazla, ins Rennen. Der muss gemeinsam mit seiner Band mitten in der Nacht zu Fuß – und einen Teil der Strecke ohne Schuhe – aus dem umkämpften Sarajevo fliehen, um beim Wettbewerb in Irland dabei sein zu können. In seinem Song „Sva bol svijeta“ – übersetzt: „Alle Schmerzen der Welt“ – besingt er offen das Leid des Krieges. Zwar landet er nur auf Platz 16, der Sinn seines Auftritts liegt für Fazlagić aber woanders, wie er Jahre später in einem Interview erzählt: „Für uns war das keine bloße Unterhaltung (…). Wir waren die Ersten, die Bosnien auf internationaler Ebene vertraten. Wir bestätigten damit, dass unser Land existierte.“

Auch 2022 spielt der Krieg wieder eine Rolle beim ESC: Nach dem Angriff auf die Ukraine wird Russland vom Grand Prix ausgeschlossen. Ähnlich erging es bereits Belarus, das schon 2021 ausgeladen wurde, weil es Oppositionelle verfolgt und die Medien- und Meinungsfreiheit unterdrückt.

Diktatur und Demokratie

Konsequent gegenüber autokratischen Regimen ist der ESC nicht immer gewesen. Bisweilen wird er sogar von Machthabern für die eigenen Interessen instrumentalisiert. Das zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 1968. Damals regiert in Spanien der faschistische Diktator Franco; für sein Land soll der junge Sänger Manuel Serratden Song „La La La“ beim ESC präsentieren. Doch dieser besteht darauf, in seiner Muttersprache Katalanisch zu singen – damals eine Sprache, die mit Widerstand und Demokratie assoziiert wird. Also tauscht man Serrat durch die Sängerin Massiel aus, die den Song auf Spanisch singt – und den Grand Prix mit einem Punkt Vorsprung vor Großbritannien gewinnt.

Aber die politische Einflussnahme durch Eurovision-Songs funktioniert auch in Richtung Demokratie: Sechs Jahre später, im Jahr 1974, markiert ein ESC-Beitrag den Anfang vom Ende der langen Diktatur in Portugal. Im selben Jahr, in dem Abba beim ESC mit „Waterloo“ Musikgeschichte schreiben, geht der portugiesische Sänger Paulo de Carvalho mit dem Song „E Depois do Adeus“ („Und nach dem Abschied“) an den Start: Ein gänzlich unpolitisches Lied, das einen letzten Platz belegt. Trotzdem wird der Song für immer mit der politischen Geschichte Portugals verknüpft sein: Als er am 24. April – 18 Tage nach dem Grand Prix – nachts im portugiesischen Radio gespielt wird, ist er das erste von den aufständischen Truppen zuvor verabredete Geheimsignal für den Beginn der Nelkenrevolution. Der lange geplante Militärputsch beginnt – und am nächsten Tag dankt Machthaber Marcelo Caetano ab.

Europa und die Welt

Spätestens seit Israel als erstes nichteuropäisches Land 1973 am ESC teilnimmt, herrscht Verwirrung: Wer darf denn jetzt mitmachen? Die Antwort ist eigentlich simpel: Qualifizieren kann sich, wer Vollmitglied bei der EBU ist, der European Broadcasting Union. Für die Mitgliedschaft muss man einen nationalen Rundfunkdienst betreiben, der entweder innerhalb der sogenannten Europäischen Rundfunkzone liegt oder in einem Land, das Mitglied im Europarat ist. Deshalb gehören auch Israel, Aserbaidschan, Armenien und Georgien dazu. Eine einzigartige Sonderwurst bekommt außerdem Australien: Die EBU hat das Land im Jahr 2015 zum 60-jährigen Jubiläum des Contests trotz fehlender EBU-Vollmitgliedschaft eingeladen mitzumachen. Einfach weil der ESC dort so beliebt ist.

Dass Australien seither immer wieder recht erfolgreich am ESC teilnimmt, ist übrigens eines der Argumente gegen den Vorwurf des „Block-Votings“. Der besagt, dass benachbarte oder kulturell eng verbundene Länder sich gegenseitig Punkte zuschöben und die Abstimmung daher nicht ganz fair ablaufe. Erwiesen ist die Theorie nicht: Auch wenn nationale Sympathien sicher eine Rolle spielen, hängt der Sieg ebenfalls von anderen Faktoren ab.

Der ESC wird seit seinen Anfangstagen auch in der arabischen Welt ausgestrahlt, was seit der Teilnahme von Israel immer mal wieder zu Konflikten führt. Weil einige arabische Länder Israel nicht als Staat anerkennen, schalten dort die Sender schon mal auf Werbung, wenn der israelische Beitrag an der Reihe ist. Als sich 1978 abzeichnet, dass die israelische Gruppe Alphabeta (die auch oben auf dem Titelbild zu sehen ist) drauf und dran ist, den ESC zu gewinnen, wird die Übertragung in einigen Ländern abgebrochen – „technische Schwierigkeiten“, heißt es etwa in Jordanien. Offiziell wird dort Belgien zum Sieger erklärt – tatsächlich das zweitplatzierte Land nach Israel.

Progressiv und reaktionär

Wenn man heute vom Eurovision Song Contest spricht, dann sind die ersten Assoziationen wohl Kitsch, ein bisschen Klamauk – und Queerness. Das war aber nicht immer so, denn obwohl der ESC manche queere Communitys vermutlich schon seit Gründungstagen anspricht, erlebt er erst im Jahr 1998 sein eindeutiges Coming-out. Damals tritt mit Dana International die erste trans* Person an. Mit ihrem Song „Diva“ gewinnt sie für Israel den Grand Prix – zur Freude vieler liberaler Israelis und zum großen Ärger einiger jüdisch-orthodoxer und konservativer Communitys, die den ESC nicht in Israel haben wollen.

Seitdem gehört die offene Queerness zum Grand Prix dazu. Das ist aber nicht überall gerne gesehen, wie sich knapp ein Jahrzehnt später, im Jahr 2009, deutlich in Russland zeigt: Vor der ESC-Austragung zerschlägt die Polizei eine queere Demonstration brutal. Und auch die Reaktionen auf den vermutlich bisher ikonischsten queeren Moment der ESC-Geschichte sind gemischt: Als die bärtige Dragqueen Conchita Wurst im Jahr 2014 wie ein Phönix aus der Asche steigt und für Österreich gewinnt, reicht das Auftreten der Kunstfigur allein, um europaweit politische Debatten zu entzünden. „Das ist das Ende Europas“, sagt etwa ein russischer rechtsnationalistischer Abgeordneter; die Türkei schließt eine weitere Teilnahme am ESC unter anderem aufgrund des Auftritts der Dragqueen aus: Man könne solche Bilder nicht zu einer Uhrzeit zeigen, zu der Kinder noch vor den Fernsehern sitzen.

Der ESC scheint, wenn man sich die diesjährige Liedauswahl anschaut, nicht viel auf solche Kritik zu geben: Im israelischen Beitrag singt der schwule Musiker Michael Ben David über Selbstakzeptanz, ähnlich wie Sheldon Riley im Beitrag für Australien. Und der italienische Song ist ein Liebesduett – vorgetragen von zwei Männern.

Titelbild:  Pictorial Press Ltd / Alamy Stock Photo

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