Thema – Identität

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So ist es, ich zu sein: Aufwachsen im Jugendwohnheim

Richtige Eltern hatte Marc nie. Dafür waren die Jahre im Jugendwohnheim die besten seines Lebens

Illustration: Jindrich Novotny

Richtige Eltern hatte ich eigentlich nie. Meine Erzeuger trafen sich jung, sehr jung, beide waren gerade 20. Mein Vater war ein Träumer, der kiffte und viel trank. Meine Mutter zog nachts oft um die Häuser. Sie gab mich dann bei den Eltern meines Vaters ab. Als unerwartet mein Opa starb, zerbrach auch die Beziehung meiner Eltern, und sie gaben mich zu meiner Oma.

Ich mochte meine Oma, wir verreisten viel, aber sie war sehr streng. Irgendwann fing sie an, mich zu schlagen. Mit elf schlug ich das erste Mal zurück. Kurz darauf erkrankte sie an Krebs und meine Tante holte mich zu sich. Ich sollte meiner Oma nicht beim Sterben zusehen müssen. Von meiner Tante erfuhr ich das erste Mal die Zuwendung, die andere Kinder von ihren Eltern kennen. Dass wir nur wenige Wochen nach meinem Einzug von Koblenz in ein kleines Dorf in der Eifel zogen, machte aber alles wieder schlimmer. Ich fand keine Freunde, trank, kiffte und musste vom Gymnasium auf die Hauptschule. Ich war orientierungslos.

Mein Glück war ein Studienfreund meiner Tante. Er arbeitete für die SOS-Kinderdörfer im Saarland. Mit 13 zog ich nach Saarbrücken, in eine Jugendwohngemeinschaft.

„In der Jugend-WG waren wir eine verschworene Gruppe. Vielleicht hat uns zusammengehalten, dass es bei jedem Einzelnen nicht so gut lief“

Ich war keine fünf Minuten da, als mich Marco ansprach, ein 17-jähriger Muskelberg: „Ey, du machst doch Sport, oder? Dann kannst du auch Football spielen.“ Er nahm mich mit in den Garten, gab mir seinen Mofahelm und verpasste mir den ersten Hit meines Lebens. Mein Aufnahmeritual hatte ich bestanden.

Wir lebten mit bis zu acht Jugendlichen, alle zwischen 13 und 18, in einem großen Haus in Rotenbühl. Ein schicker Stadtteil, nebenan wohnte Oskar Lafontaine. Mein Zimmer war 20 Quadratmeter groß. An die Wände hängte ich Poster von Che Guevara und Bob Marley.

Im Erdgeschoss befanden sich die Gemeinschaftsräume, im zweiten Stock wohnten die Jungs, im ersten die Mädchen. Auch zwei Schwestern aus Eritrea. Ein paar Wochen vor meinem Einzug hatte sich ihre älteste Schwester in ihrem Zimmer erhängt. An den Wochenenden bekamen die Mädels oft Besuch von Freundinnen, sie kochten stundenlang und machten sich die Haare. Ich hing viel mit ihnen ab.

Stress gab es selten. Drogen waren ein Thema, gekifft haben wir alle. Und einmal mussten wir dazwischengehen, als ein Junge namens Francis einen der Betreuer schlagen wollte. Dabei waren die eigentlich cool. Sie ließen uns genügend Freiraum und im Keller Punkrock spielen, sie nahmen sich viel Zeit und rauchten auch mal eine mit uns, wenn es nicht gut lief.

Für die Unterbringung in einer Jugendwohneinrichtung ist in Deutschland das Jugendamt zuständig. Im Normalfall stimmen die Eltern der Unterbringung zu, weil sie das Personensorgerecht und das Aufenthaltsbestimmungsrecht haben. Verhalten sie sich nicht kooperativ, kann das Familiengericht ihnen die Rechte entziehen – und einen Vormund bestimmen. Entscheidend dafür, ob ein/-e Jugendliche/-r in eine Wohngemeinschaft (oder ähnliche Einrichtung) einzieht, ist das sogenannte Kindeswohl. Der Job unseres Protagonisten Marc ist es heute, gemeinsam mit dem Jugendamt Perspektiven für Jugendliche in einer Krise zu erarbeiten.

Ich habe uns als verschworene Gruppe in Erinnerung. Vielleicht hat uns zusammengehalten, dass es bei jedem Einzelnen nicht so gut lief. In der WG habe ich verstanden, dass nicht ich das Problem war, sondern das Umfeld, in dem ich aufgewachsen war. Ich ging mit einem der Mädels und bekam in der Schule die Kurve, schaffte später sogar mein Abi. Ehrlich gesagt waren die Jahre in der Jugend-WG die schönsten meines Lebens.

Meine Eltern habe ich natürlich trotzdem vermisst. Kontakt hatten wir nur ganz selten. Mein Vater ist trockener Alkoholiker, meine Mutter war offensichtlich nicht an mir interessiert. Ich habe sie das letzte Mal gesehen, als ich ihre Unterschrift für meinen BAföG-Antrag benötigte. Ich habe zu beiden keinen Kontakt mehr und kann das heute akzeptieren.

Mit 17 bin ich aus der WG in eine eigene Wohnung gezogen, mit Anfang 20 dann nach Berlin, um Soziale Arbeit zu studieren. Nach der Ankunft der vielen Einwanderer 2015 habe ich selbst eine WG für unbegleitete minderjährige Asylsuchende in Berlin-Nikolassee betreut. Heute, mit 38, arbeite ich in einer sogenannten Krisen- und Clearingeinrichtung. Sie hilft Teenagern, die keine stabile Lebenssituation haben, so wie ich damals.

Illustration: Jindrich Novotny

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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